02. Juli 2021, 21:46 Uhr

Blick zurück auf dunkle Zeiten

Es geht um alte Fundamente, eine Wasserfläche auf dem Marktplatz und Aufmärsche von Nationalsozialisten - der Geschichts- und Museumsverein legt zum 800-jährigen Stadt- jubiläum in Alsfeld 2022 eine 400 Seiten starke Festschrift vor. Sie füllt Lücken, so in der Darstellung des Dritten Reichs in der Stadt an der Schwalm, mit Details aus dem 19. Jahrhundert und einem Blick in die Zukunft.
02. Juli 2021, 21:46 Uhr
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Von Joachim Legatis
Das Team des Geschichtsvereins für die Festschrift vor dem Arbeitsraum im Stadtarchiv (v. l.) Dr. Sascha Reif, Dr. Norbert Hansen, Prof. Dr. Otto Volk, Michael Hölscher, Traudi Schlitt und Matthias Nicolai. FOTO: JOL

Erst im nächsten Jahr kommt das neue Buch zur Geschichte der Stadt Alsfeld heraus, doch schon jetzt steht fest, dass es einige Löcher der Geschichtsschreibung stopft. So wird ein Kapitel die beiden Weltkriege und den Nationalsozialismus in Alsfeld beleuchten, ein anderes wirft einen Blick in die Zukunft. Veröffentlich wird das 400-Seiten-Werk am 13. März 2022, dann ist es genau 800 Jahre her, dass Alsfeld erstmals als Stadt erwähnt wird.

Kürzlich sind die Beiträge fertig geworden und wurden bei einem Pressegespräch unter den alten Bäumen auf dem Kirchplatz vorgestellt. In den Räumen des angrenzenden Stadtarchivs haben sich die Autorin und fünf Autoren in den vergangenen zwei Jahren oft getroffen, um die Beiträge zu diskutieren.

Herausgekommen ist ein Buch mit über 300 Fotos und Abbildungen, das eine große Bandbreite der Stadtgeschichte abdeckt. Zusammengehalten wird die Darstellung durch einen Zeitstrahl auf 16 Seiten, der die Ereignisse in der Stadt in Beziehung setzt zu dem, was drumherum geschah.

Den sicherlich schwierigsten Part hat Prof. Dr. Otto Volk übernommen, Historiker aus Marburg. In früheren Darstellungen der Alsfelder Geschichte wurde »die Zeit des Nationalsozialismus konsequent ausgeblendet - es war uns klar, dass wir da liefern müssen«, gab Matthias Nicolai die Richtung des Beitrags vor. Volk befasste sich mit der Zeitspanne vom 1. Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945.

Die Stadtzeichner

»Das war eine dramatische Zeit, die Alsfeld erlebt hat«, berichtet Volk. Dabei ist das Dritte Reich ohne das Grauen des 1. Weltkriegs mit vielen Gefallenen und der Weimarer Republik nicht verständlich.

In Alsfeld war die nationalsozialistische Bewegung schon recht früh sehr stark. In dem Beitrag werden die Täter von damals benannt, das gebietet das wissenschaftliche Arbeiten, wie Volk erläuterte.

Als Hitler an die Macht kam, gab es 300 jüdische Alsfelder, deren Familien teilweise über Jahrhunderte in der Region gelebt haben. Etwa ein Drittel von ihnen wurde umgebracht, wie Volk sagt. Beim Durcharbeiten der Unterlagen aus der Zeit von 1933 bis 1939 »hat mich manches an das erinnert, was wir heute am rechten Rand unserer Gesellschaft wieder erleben«.

Aber auch Querverbindunhen in die Vergangenheit werden gezogen, so befasst sich Dr. Sascha Reif mit der Zeitspanne zwischen 1775 und 1914. Er betont, dass der Nationalismus des Dritten Reiches auf Konzepte des 19. Jahrhundert zurückgeht.

Mit der Zeit nach 1945 befasst sich Dr. Norbert Hansen, »da gab es herausragende Entwicklungen in der Stadt«. Gastautoren tragen zu Einzelthemen bei, so Herbert Böckel über den Grenzschutz und Roland Heinrich über das »Spiel ohne Grenzen«. Dr. Jochen Zwecker, ehemaliger Alsfelder Bürgermeister, später Landrat und SPD-Landtagsabgeordneter, schreibt über den Kreisstadtstreit von 1972 und Bodo Runte vom Arbeitskreis Stadtzeichner über die künstlerischen Impulse der verschiedenen Stadtzeichner. Für Nicolai sind gerade die Stipendien für die Stadtzeichner eine »unglaubliche Sache für eine Stadt dieser Größenordnung«.

Norbert Hansen bewertet auch die archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahre. So wurde der Verlauf des Liederbachs durch die Kernstadt gefunden, auf dem Marktplatz gab es einst eine Wasserfläche.

Einen Blick auf die Gegenwart und die Zukunft wirft Traudi Schlitt. Michael Hölscher befasst sich mit der Altstandtsanierung und den Erweiterungen der Wohngebiete am Stadtrand.

Matthias Nicolai steuert einen Überblick über 800 Jahre Stadtgeschichte von 1222 bis 2022 bei. Dabei ist er allerdings überzeugt, dass es eigentlich mindestens 850 Jahre sein müssten. Denn es gebe »gewichtige Indizien dafür, dass Alsfeld schon 50 oder mehr Jahre davor Stadtrechte hatte«, sagt er.



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