20. August 2021, 21:36 Uhr

Das Lächeln der Notaufnahme

Ihr Lächeln - damit begrüßt sie jeden, der zu ihr kommt und Hilfe benötigt. Gleichzeitig nimmt sie damit vielen Patienten auch die Angst. Irmgard Freihöffer-Murphy ist das Gesicht der Alsfelder Notaufnahme. Und sie kann viel erzählen.
20. August 2021, 21:36 Uhr
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Aus der Redaktion
Nur selten lässt sich Schwester Imgard aus der Ruhe bringen. Immer mit einem Lächeln im Gesicht - auch mit Maske zu erkennen - begrüßt sie seit knapp 20 Jahren jeden Patienten in der Alsfelder Notaufnahme. FOTO: PM

Seit 43 Jahren im Dienst, die letzten zwei Jahrzehnte davon an vorderster Front in der Notfallambulanz, hat sie wie kaum eine andere die Entwicklungen in der Medizin, der Pflegestandards und des Kreiskrankenhauses erlebt und mitgeprägt.

Ihr Entschluss, Krankenschwester zu werden, folgte nach einem schweren Schicksalsschlag. Ihre Mutter verstarb früh, Irmgard war gerade zwölf Jahre alt. Die Zustände im behandelndem Krankenhaus während der stationären Behandlung der Schwerkranken waren optimierungsbedürftig: Große Mehrfachzimmer und zu wenig Personal, sodass die Patienten sich untereinander unterstützten. Eine Situation Anfang der 70er Jahre, die für die junge Alsfelderin den Anstoß gab, nach ihrer Mittleren Reife 1978 bei der Alice-Schwesternschaft in Darmstadt eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren.

Damals gab es noch den Teildienst - morgens und abends, damit die Patienten funktional versorgt werden konnten. 12-Stunden-Tage waren die Regel. Neben den pflegerischen Tätigkeiten, dem Umgang mit Schwerkranken und dem Tod erforderten vor allem die hygienischen Vorkehrungen viel Zeit und Kraftanstrengung. So mussten Bandagen täglich ausgekocht und zum Trocknen aufgehängt werden, Handschuhe wurden mit selbst hergestellter Desinfektionslösung gereinigt, Mehrfachspritzen und -kanülen aus Glas per Hand desinfiziert. »Hygiene hatte zu der Zeit schon oberste Priorität«, erinnert sich die damals 17-Jährige. »Heute gibt es für vieles Einmalprodukte.« Die Zeit, die man sich nun spart, werde für die immer umfangreicher werdenden Dokumentationen und administrativen Aufgaben benötigt. Schwester Irmgard verfolgte zielstrebig ihren Weg. Sie wollte mitreden, Impulse setzen und Verantwortung übernehmen. Sie bildete sich weiter und übernahm mit 24 Jahren bereits die stellvertretende Stationsleitung und mit gerade mal 30 Jahren die Leitung der Station 1, auf der Patienten der Gefäßchirurgie, Unfallchirurgie, HNO und Augen zusammen lagen. Mit Neuausrichtung der Station zur Kurzzeitpflege übernahm Schwester Irmgard nach weiteren Weiterbildungen im Notfallmanagement und als Notfallschwester die Funktionsleitung der Zentralen Notaufnahme. Seitdem ist sie dort nicht mehr wegzudenken.

Über eine stehende Verbindung zu der Stroke Unit (Schlaganfall-Einheit) in Kassel können sich Experten des Schlaganfallzentrums zuschalten. Eine mediale Verbindung, die schon sehr viele Leben im Vogelsbergkreis gerettet hat.

Schwester Irmgard muss starke Nerven behalten und die Übersicht. Von ihren Kollegen in der Zentralen Notaufnahme, der Stationen und Praxen und den Ärzten wird sie sehr geschätzt, vor allem ihre stets positive und freundliche Art, ihre Zuverlässigkeit und Umsicht sowie ihre Kompetenz. Stressen lässt sich die erfahrene 60-Jährige selten. Dennoch gibt es hin und wieder Tage, an denen sie nicht gelassen nach Hause kommt, um auf einer Gassi-Runde mit ihrem Hund in den Feierabend zu starten. Dann, wenn besonders eindrucksvolle oder auch belastende Erlebnisse hinter ihr liegen. Zu schaffen gemacht habe ihr auch ein Angriff auf einen Arzt in der Notaufnahme. Natürlich hatte sie schon von Gewalt gegenüber Rettungskräften gehört, aber mitzuerleben, wie ein Patient einen Arzt derart angreift, dass der zu Boden geht und in der Wundversorgung liegt, habe sie sehr mitgenommen.

Und dann Corona. Arbeiten im Schutzanzug, die Angst vor Ansteckung. »Natürlich war das eine besondere Situation für uns in der Notaufnahme, aber besonders für meine Kolleginnen und Kollegen auf den Stationen, vor allem auf der Isolierstation.«

Als eine der dienstältesten Schwestern habe sie aber auch schon andere kritische Phasen miterlebt und - auch mal infiziert - überstanden. Doch das sind nicht unbedingt Dinge, die Irmgard Freihöffer-Murphy Gedanken machen und sie belasten, vielmehr der medizinische Fortschritt beziehungsweise Nichtfortschritt: verschiedene Krebsarten, die man immer noch nicht beherrsche, genauso wie manche chronische Erkrankungen.

Begeistert jedoch ist sie über den Fortschritt in der Chirurgie. Die minimalinvasiven endoskopische Eingriffe empfindet sie als mit der größten Entwicklung in der Medizin der letzten Jahrzehnte.

Noch ein paar Jahre hat Schwester Irmgard vor, zu arbeiten. Sie freut sich jeden Tag aufs Neue, den Weg zu ihrem Arbeitsplatz zu nehmen.



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