Vogelsbergkreis

»Die Zukunft braucht Platz«

Die Kinder blicken mit entschlossenem Gesichtsausdruck hinauf zu Alexander Klein. Dem Ortsvorsteher von Rülfenrod halten die vier Steppkes ein ganzes Bündel Papiere entgegen. »Die Zukunft braucht Platz«, fordern sie im Namen der fast 20 Kinder in der kleinen Ortschaft. Platz hätten sie natürlich: Wald, Wiesen, Wege.
24. Februar 2021, 21:56 Uhr
KOA
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Die Rülfenröder Kinder wünschen sich einen Spielplatz. FOTO: KOA

Die Kinder blicken mit entschlossenem Gesichtsausdruck hinauf zu Alexander Klein. Dem Ortsvorsteher von Rülfenrod halten die vier Steppkes ein ganzes Bündel Papiere entgegen. »Die Zukunft braucht Platz«, fordern sie im Namen der fast 20 Kinder in der kleinen Ortschaft. Platz hätten sie natürlich: Wald, Wiesen, Wege.

Doch in Rülfenrod ist das so eine Sache. Denn Gelände ist meist in der Hand einer Familie, der Wald wird durch die Bahnlinie vom Ort getrennt. Und wer sich einmal auf die Hauptstraße gewagt hat, der sollte gut besohlte Schuhe haben. Denn diese ist zugleich die Landesstraße 3146.

Und das bedeutet: Lastkraftwagen, Omnibusse, schnell fahrende Fahrzeuge und rasant beschleunigende Motorräder - besonders am Wochenende. Bis vor der Umgestaltung des Dorfplatzes anlässlich der Ortskernsanierung gab es einen Spielplatz. Dort trafen sich Generationen von jungen Rülfenrodern. »Wir haben bereits in den 70er Jahren gleich neben dem Feuerwehrhaus gespielt«, erinnert sich Stefanie Griesler, deren Tochter Anna-Lena die Initiative übernommen hat. Es gab damals sogar einen Bolzplatz. Der Spielplatz war gut bestückt, mit Sandkasten, Schaukel, Klettergerüst und Wippe. Sogar ein Karussell gab es. »Das liegt seit der Umgestaltung des Platzes im Bauhof«, weiß Alexander Klein, dessen Kinder ebenfalls nicht so genau wissen, wo sie - außer im heimischen Garten - nun spielen sollen. »Das aber ist wichtig«, betont Hannah-Cathleen Klein. Die Neunjährige möchte Freunde treffen, gerade in Zeiten von Corona, »da geht das doch am besten im Freien.«

Ihr Bruder Manuel nickt. Und auch Sarah Ritter, die Vierte im Bunde, war von der Idee begeistert, für ihre sozialen Kontakte und gesunde Spielverhältnisse an der frischen Luft einzustehen. Dass Eigeninitiative funktioniert, hatte Anna-Lena erkannt, als sie kürzlich Unterlagen zur Kommunal- und Seniorenbeiratswahl auf dem Küchentisch liegen sah. »Wer setzt sich für uns Kinder ein«, fragte sie ihre Mama und beschloss, dass das Projekt Spielplatz anzugehen.

»Eigentlich waren wir davon ausgegangen, dass der Spielplatz hinter dem Feuerwehrhaus wieder aufgebaut wird«, betont Stefanie Griesler. Doch nach der Sanierung wurde durch den Eigentümer ein Zaun errichtet. Jetzt ist Wiese, wo einst gespielt wurde. Selbst ein Schaukeltier, wie auf dem Dorfplatz geplant, wurde nicht aufgestellt. Im Sommer ist der Asphalt- und Steinplatz noch dazu ein Backofen. Kein Ort, an dem Kinder gerne spielen - zumal zwei Meter nebenan die Hauptstraße liegt.

Unterschriften gesammelt

Mama Jasmin Klein ist stolz, dass die Kinder sich einsetzen. »Die haben gesagt, dass es schon zu lange keinen Spielplatz mehr gibt.« Und Anna-Lena ist überzeugt: »Wenn es einen Kinderbeirat gibt, dann können wir etwas bewirken.« Ihre Freundin Sarah Ritter fordert, dass die Kinder sich in ihrem Sozialverhalten üben können: »Das geht nur auf öffentlichem Gelände.« Was fehlt, ist der passende Ort. Die meisten Grundstücke in Rülfenrod sind in Privathand. »Doch in privaten Gärten geht es um die Haftung und um die Auseinandersetzung. Auf einem öffentlichen Spielplatz kann kein Kind zum anderen sagen, dass ist jetzt meine Schaukel«, so Stefanie Grieser.

Der Ortsvorsteher will jetzt mit den fast 25 Unterschriften der knapp 90 Menschen im Ort bei Bürgermeister Lothar Bott vorsprechen, um ihm von der Hoffnung der Kinder zu erzählen, die sich wünschen, dass sich die Gemeinde um ein Grundstück bemüht.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/die-zukunft-braucht-platz;art74,725463

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