16. Juni 2021, 21:49 Uhr

»Ella-Prozess« zieht sich zäh

Ein Prozesstag mit vielen Pausen: Das Verfahren vor dem Alsfelder Amtsgericht gegen die unbekannte Besetzerin »Ella« aus dem Dannenröder Wald zieht sich zäh hin. Die Frau, die ihren Namen nicht sagen will, muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Beamte verantworten. Nun sollen weitere Zeugen gehört werden. Ihr umstrittener Schuh wurde im Gericht gezeigt.
16. Juni 2021, 21:49 Uhr
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Von Kerstin Schneider
Rückblick auf dramatische Tage im Dannenröder Forst. Hier ein Polizist vor einem Baumhaus, in dem sich Aktivisten aufhalten. Im Nachgang der Protestaktionen sind bei der Staatsanwaltschaft in Gießen an die 500 Verfahren rund um die Räumung im »Danni« anhängig. FOTO: DPA

Am vierten Verhandlungstag vor dem Schöffengericht stellte Verteidiger Tronje Döhmer zahlreiche Anträge, um eine Unschuld seiner Mandatin zu belegen. So müssten weitere Videos und Fotos von der Räumung im Wald in Augenschein genommen werden. Dann werde beispielsweise deutlich, dass die Angeklagte nicht wie behauptet schwere Wanderschuhe, sondern leichte Turnschuhe getragen habe. »Tritte damit können nicht zu lebensgefährlichen Verletzungen führen,« so Döhmer.

Der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung beruht auf dem festen Schuh als »gefährliche Waffe.«

Döhmer forderte zudem, dass Gutachter hinzugezogen werden, so Baumsachverständige, aber auch Rechtsmediziner, die sich zur Art der Verletzungen bei den Polizeibeamten äußern sollen. Der Polizist, der bei der Ergreifung der Angeklagten am Baum nach seinen eigenen Worten Todesangst verspürte, habe seinen Dienst normal fortgesetzt. Das sei sehr ungewöhnlich, »normalerweise hat man ein Trauma und kann nicht einfach weiterarbeiten.«

Döhmer sprach hinsichtlich der Folgen von Tritten und Schlägen, von denen die Polizisten berichteten, von »frei erfundenenen Behauptungen«. Zudem seien Videoaufzeichnungen der Polizei »manipulativ geschnitten« worden. Weiterhin hätten Polizisten die Angeklagte einer »schweren Gefahr« ausgesetzt, weil sie sie ohne geeignete Sicherung vom Baum geholt hätten. Des Weiteren seien Aktivisten durch die vorausgegangene massive Drohung eines Polizeibeamten verunsichert gewesen. Er soll bei einem Zwist an einem Baumhaus zu einem Besetzer gesagt haben: »Wenn Du jetzt auf die Leiter gehst, dann trete ich dir den Hals kaputt.«

Der Schuh kommt auf den Tisch

Nach einer Pause nannte Staatsanwältin Mareen Fischer die Anträge des Verteidigers größtenteils unzulässig. Sie hatte aber nichts dagegen, Zeugen zu hören, die sich zu Verletzungen der Polizeibeamten äußern sollen. Der Anklagepunkt der Flaschenwürfe in Richtung der am 26. November eingesetzten Polizeibeamten soll nicht mehr weiterverfolgt werden. Es lässt sich nicht genau sagen, ob die Flaschen wirklich gezielt in Richtung der Polizisten geworfen worden sind. Bei den Aussagen des Polizeibeamten sei auch nicht herausgekommen, dass dieser sich wegen des ausgekippten Urins besonders geekelt hätte. Das Gericht folgte der Staatsanwaltschaft und wies alle Anträge von Verteidiger Döhmer als unzulässig zurück. Die betreffenden Schuhe sollten aber in Augenschein genommen werden.

Ein Anruf in Frankfurt ergab, dass die Schuhe bei der Polizeidirektion Lauterbach lagen. Nach einer Pause traf das Schuhpaar in Alsfeld ein. Keine leichten Turnschuhe, auch keine schweren Lederstiefel, sondern graubraune Trekkingschuhe aus Synthetik-Obermaterial. Schuhe in der Art hatten viele der Aktivisten bei der Besetzung getragen, zumal es im Oktober und November ungemütlich kalt war.

Richter Süß hielt auch fest, dass ein möglicher Verstoß von Polizisten gegen Unfallverhütungsvorschriften keinen Einfluss auf die Rechtmäßigkeit des polizeilichen Handelns hat.

Nach dem Prozesstag am Dienstag hatte es anschließend noch eine weitere Aktion im Rahmen einer Mahnwache und Solidaritätsbekundungen mit der unbekannten Baumbesetzerin gegeben. Unterstützt wurde die Aktion von Mitgliedern des Antagon-Theaters aus Frankfurt, Stelzenläufer verteilten unter anderem Transparente an Passanten. Ein Teilnehmer der Demo war kurzfristig von der Polizei zur Feststellung der Personalien angehalten worden.

Am Mittwoch ging die Solidaritätskundgebung vor dem Amtsgericht weiter, dort waren erneut Transparente entrollt, die etwa die Aufschrift »Freiheit für Ella« trugen.

500 Verfahren rund um »Danni«

Einen kleinen Zwischenfall gab es, als ein Autofahrer über einen Pflasterstein fuhr, mit dem eines der Plakate gesichert war. Vor dem Amtsgericht hatten auch wieder Polizisten Stellung bezogen.

»Danni« und die Nachwirkungen: 500 Verfahren sind mittlerweile im Nachgang der Proteste und Räumungen bei der Staatsanwaltschaft in Gießen anhängig. Die meisten davon werden als politisch motivierte Taten gewertet. Viele der zeitweilig festgehaltenen Aktivisten sind bisher aber wohl strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten.

Vor einigen Tagen war auch bekannt geworden, dass das Land bei Aktivisten versucht, einen Teil der Kosten für die Einsätze einzutreiben (diese Zeitung berichtete).



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