19. Mai 2021, 21:47 Uhr

Erkrankungen der Seele nehmen zu

19. Mai 2021, 21:47 Uhr
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Aus der Redaktion
Burn-out, Depression, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen nehmen in der Corona-Krise zu. FOTO: DPA

Vogelsbergkreis (pm). Immer mehr Menschen erkranken an der Seele. Depressionen, Angststörungen, Zwangserkrankungen oder Schizophrenie sind dabei die wohl bekanntesten Krankheitsbilder. Damit ihr Leben nicht völlig aus den Fugen gerät, können Betroffene Hilfe suchen in Einrichtungen, wie den Gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ) der Vogelsberger Lebensräume in Lauterbach und Alsfeld. Ob Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, Betreutes Wohnen oder die Tagesstätte mit Angeboten für Beschäftigung, Arbeit oder Freizeitgestaltung, an beiden Standorten gibt es Pädagogen und Therapeuten, die Hilfesuchende dabei unterstützen, neues Selbstvertrauen zu tanken und die Bewältigung ihres Alltags anzunehmen.

»Wir stellen immer mehr fest, dass viele Menschen in ihrer Wohnsituation vereinsamen und nicht nur durch Corona zusätzlich erkranken«, erklärt Klaus Schmidtkunz, Leiter des GPZ Alsfeld. Genau wie Roland Bamberger in Lauterbach möchte er Menschen mit psychischen Erkrankungen früher aus ihrer Isolation holen, mit Ansprache und Kommunikation den Weg in eine geordnete Tagesstruktur ebnen und ihnen eine Begegnungsstätte bieten.

Roter Faden für den Tagesablauf

Die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle ist dabei eine erste Anlaufstelle für Menschen in einer akuten Krise und bei Bedarf ein Eingangstor für weitere Unterstützungsangebote. Die Tagesstätte ist ein Ort, an welchem Menschen die Möglichkeit eröffnet wird, auf eine für sie passende Weise den Tag zu verbringen. »Wir haben einen Wochenplan mit vielfältigen Angeboten, der es uns ermöglicht, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen«, sagt Bamberger.

Ob an einem oder auf Wunsch auch an mehreren Tagen in der Woche, die Teams der Tagesstätten geben Betroffenen Halt und Orientierung und, wenn gewünscht, einen roten Faden für ihren Tagesablauf. Neben der Gesellschaft mit anderen Besuchern gibt es an beiden Standorten die Möglichkeit kreativer Beschäftigung, wie Malen oder Kunsthandwerk, Bewegungs-/Mobilisationsangebote sowie Arbeitsangebote im Garten oder in der Küche, oder auch beispielsweise die Herstellung von Holzanzündern.

Fachkräfte unterstützen individuell und bieten bei Bedarf auch an, Interessierte zuhause aufzusuchen oder beliebte »Walk and Talk« - Einzelspaziergänge mit Klienten - durchzuführen.

»Wir sind gut aufgestellt in der Pandemie«, beruhigt Bamberger besorgte Anrufer. Er und Kollege Klaus Schmidtkunz haben Verständnis, wenn jemand kein eigenes Auto besitzt und nur ungern öffentliche Verkehrsmittel nutzen möchte. Dennoch sei es gerade in diesen Zeiten wichtig, dass Betroffene sich nicht zurückziehen und Hilfe suchen, dafür stehe ein Fahrdienst zur Verfügung, der Besucher abholt und auch wieder nach Hause bringt.

»Viele unserer Mitarbeiter und Besucher sind geimpft. Dank der guten Kooperation mit dem Impfzentrum Hessenhalle und der City Ambulanz Alsfeld sind mobile Impfteams direkt in unsere Einrichtungen gekommen«, beschreibt Schmidtkunz die Aktivitäten der vergangenen Wochen. Es würden weiterhin die AHA-Regeln eingehalten, wöchentlich Belegschaft und Besucher getestet und zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen geschaffen, damit auch beispielsweise das gemeinsame Mittagessen stattfinden könne.

Für Nadine (38) ist der Besuch der Tagesstätte eine notwendige Stütze: »Für mich bedeutet es Struktur in meinem Alltag und, dass ich soziale Kontakte trotz Corona habe.« Die Mitarbeiter seien noch genauso fürsorglich und herzlich wie früher, macht sie dem Team ein Kompliment.

Das unterstreicht auch Katrin (42), die sogar während des Lockdowns zu Hause mit Arbeitsaufträgen versorgt wurde. Heike (57) fühlt sich mit all den Vorsichtsmaßnahmen sicher: »Zuhause ist es mir zu langweilig. Ich bin froh, hierher kommen zu können.«

Vermissen würden sie natürlich trotzdem gemeinsame Ausflüge, mal Schwimmen zu gehen oder ein Fest zu feiern, fügt Christiane (53) an und spricht damit allen aus der Seele. Sie empfiehlt Menschen, die sich aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr aus dem Haus trauen, eine Vertrauensperson, zum Beispiel bei den Lebensräumen oder über das Notfalltelefon, zu kontaktieren.

Ähnlich ist die Situation in Alsfeld. Auch hier sind die Besucher froh, an den Angeboten teilhaben zu können. »Es ist die einzige Abwechslung«, sagt Christiane und Brigitte fügt hinzu: »Der Besuch ist immer wichtig, aber jetzt noch mehr als sonst. Schön ist auch, dass man mehr Rücksicht aufeinander nimmt.«

Und Helmut hofft darauf, dass sich die Lage bessert und man einen Kaffee in der Stadt trinken kann. Man dürfe den Kontakt zu anderen Menschen nicht verlieren, sind sich alle einig und sehnen sich danach, mal wieder jemanden in den Arm nehmen zu können.



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