11. November 2021, 21:31 Uhr

Fenster in die Vergangenheit

11. November 2021, 21:31 Uhr
Avatar_neutral
Von Jutta Schuett-Frank
Dr. Anneliese Brunn, Rotary-Präsident Otfried Heineck, Monika Horst, Pfarrer Manfred Witznick und Rotary-Club-Past Präsident Dr. Hubertus Brunn. FOTO: SF

Der Elisabethen-Turm des Ober-Ohmener Gotteshauses ist mehr als historisch. Die Steine auf dem Boden stammen noch von den Erbauern aus der Spätromanik. Die dicken Mauern des Turmes wurden als Bruchsteinmauerwerk mit Basaltgestein vermutlich aus dem Vogelsberg ausgeführt.

Beendet wurde der Bau in der Zeit der Frühgotik in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der etwa 40 Quadratmeter große Turm hat gotische Fensteröffnungen und wird von einem Kreuzrippengewölbe überspannt, welches ein Schlussstein mit der Darstellung des Lammes Gottes trägt. Das flache Zeltdach erhielt der Bau wahrscheinlich im 18. Jahrhundert. Im Westen, in Richtung Kirche gibt es einen runden Chorbogen, durch den man zur heutigen 1792 bis 1794 erbauten Kirche gelangen kann.

Die ursprüngliche Kirche wurde erstmals 1224 erwähnt. Die alte Tür, durch die man den Turm betritt, stammt vermutlich noch aus dem Mittelalter. In der Wand, wo sich die Tür zum Turm befindet (Süden), wurde das ursprüngliche Spitzbogenfenster aus unbekannten Gründen vermauert und stattdessen eine neue, kleinere Fensteröffnung etwas entfernter zur Tür gebrochen. Es gibt kaum Veränderungen des Raumklimas auch bei schwankenden Außentemperaturen, was wesentlich zur Erhaltung der Malereien beigetragen haben dürfte.

Wertvolle Malereien

Die erste Ausmalung stammt aus der Bauzeit und ist noch weitgehend vorhanden. Es handelt sich um die oxidroten, ornamentalen und architekturgliedernden Wandmalereien wie Quadermalereien, Sterne und Lilien und insgesamt zwölf Weihekreuze und das nach oben zum Gewölbe hin abschließende rote Band. Dieses Band ist mit einer schwungvoll ausgeführten Fugenmalerei ausgestattet. Auf diese ersten Malereien wurden vermutlich im 14. oder 15. Jahrhundert Heiligenfiguren aufgemalt. Warum diese ohne erneute Grundierung auf die ursprünglichen Malereien aufgetragen wurden, ist nicht zu erklären. So liegt die rotbraune Unterzeichnung stellenweise direkt auf der Quadermalerei, den Weihekreuzen oder der Lilie über dem Eingangsbereich auf.

Aus dieser zweiten Malphase sind überwiegend nur noch die Unterzeichnungen der Figuren erhalten, die in einem roten Ocker sehr schwungvoll und sicher ausgeführt wurden. Auf der Südwand ist zu erkennen, dass bereits bei der Unterzeichnung Korrekturen vorgenommen wurden.

So wurde beispielsweise die Kopfstellung der dargestellten Figur nachträglich korrigiert. Von der aufbauenden Malerei (farbliche Ausmalung) sind nur noch wenige Fragmente erhalten geblieben. Dennoch zeugen die erhaltenen Reste von einer vielfältigen Farbpalette und einer plastischen Ausgestaltung.

Bei den Heiligendarstellungen an den Wänden handelt es sich erstaunlicherweise ausnahmslos um Frauen. Möglich ist, dass wandernde Maler mit der Ausführung beauftragt wurden. Faszinierend ist, dass je nach Lichteinfall die Malereien unterschiedlich wirken. Bis zur Zeit der Reformation wurden die Messen lateinisch abgehalten. Doch das einfache Volk konnte weder lesen noch schreiben und verstand auch kein Latein. Deshalb waren Bilder oft die »Predigten« für die normale Bevölkerung.

Nur Frauen abgebildet

Betritt man den Turm, fällt als erstes eine der größten Malereien direkt gegenüber ins Auge. Man sieht die heilige Elisabeth (13. Jh.) bei der Speisung eines Kranken. Sie war eine ungarische Königstochter, die früh nach Thüringen kam, um den Landgrafensohn Ludwig zu ehelichen. Sie verrichtete die niedersten Dienste an Kranken und Armen. Dazu setzte sie auch ihr Vermögen ein und dieses für Adlige unübliche Verhalten machte sie bald überall bekannt.

Geht man im Uhrzeigersinn weiter, sieht man die heilige Regina mit einem Kreuzstab, auf dem eine Taube sitzt und einem Schwert. Sie lebte im 3. Jh. und wurde von ihrem Vater verstoßen, als sie den christlichen Glauben annahm. Später wurde sie enthauptet.

An der nächsten Wand ist die heilige Dorothea mit einem Korb zu sehen. Ein Engel soll ihr diesen mit Blumen und Früchten gereicht haben. Sie lebte im 3. Jh. und starb als Märtyrerin.

In der anschließenden Fensternische ist links die Thronende Madonna mit Christuskind (Segensgeste) und ein kniender König, beziehungsweise Magier (vermutlich Melchior) mit darreichender Gabe abgebildet. Auf der rechten Seite sind Caspar und Balthasar mit ihren Gaben zu sehen.

Daneben sieht man die heilige Verena mit dem für sie typischen Doppelkamm. Sie war eine Eremitin aus Theben und soll sich in einer engen Höhle eingeschlossen haben. Außerdem heilte sie Blinde und Besessene. Diese Kapelle war wohl ursprünglich nach ihr benannt. Wie die heilige Elisabeth diente sie den Menschen.

Neben der Eingangstür sieht man die heilige Katharina von Alexandrien mit Rad und Schwert. Mit dem Rad wurde sie angeblich gefoltert, damit sie sich vom Christentum abwenden sollte. Sie lebte von 305-312 und starb als Märtyrerin. Daneben ist das Bild der heiligen Maria Magdalena mit Kreuzstab und Märtyrerpalme. Sie war eine Begleiterin Jesu.

Die Nische hat eine umlaufende Maßwerkmalerei und wurde wahrscheinlich erst nach den figürlichen Malereien eingelassen. Die Christusfigur selbst ist nicht mehr erhalten und wurde möglicherweise abgeschlagen. Mittlerweile sind die Fresken so aufgearbeitet, dass sie für die Zukunft erhalten bleiben.

Fresken restauriert

Um dem Turmraum auch eine adäquate Beleuchtung zu ermöglichen, spendete der Rotary-Club Alsfeld 500 Euro. Pfarrer Markus Witznick und Monika Horst vom Kirchenvorstand bedankten sich für die mittlerweile zweite Spende des Rotary Clubs. Es soll eine spezielle Radleuchte zur Beleuchtung des Elisabethenturms angeschafft werden. Timo Sann, ein Grünberger Metallbauer, und Heinz Heuser aus Sellnrod werden diese Leuchte bauen.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos