05. August 2021, 21:33 Uhr

Geheimnisvolle Insektenwelten

05. August 2021, 21:33 Uhr
Kunstvoll inszenierte Fabelwesen erobern das Homberger Schloss. FOTO: S: DÖREN

Mit einer faszinierenden Ausstellungseröffnung der argentinischen Künstlerin mit deutsch-russischen Wurzeln, Marina Sinjeokov Andriewsky, setzte die Kulturreihe »Ohm Sweet Ohm« den ersten Paukenschlag nach mehr als einjähriger Corona-Pause. Ihre Liebe zu den flügelschlagenden Kleinstlebewesen führte die Künstlerin auf die Spur der filigranen Austauschprozesse in der Natur, sodass über die Vorgänge des Verpuppens bis hin zur menschlichen Maske Verwobenheiten mit dem menschlichen Dasein erkennbar werden.

Die großformatigen Darstellungen geheimnisvoller Mischwesen in Blattgold oder Kupferblatt getaucht, bis hin zu Miniaturen ikonographischer Präzision versetzen die Besucher in Erstaunen und Bewunderung. Schon beim Betreten des Kaminsaals des Schlosses wird der Blick auf vier großformatige, runde Arbeiten gelenkt, die unter dem Titel »Chorea Machabaerorum Redondel« Teil ihres Werkes »Totentanz« sind.

Die Endlichkeit des Lebens

Unter diesem Titel stößt der Betrachter auf weitere Arbeiten im Obergeschoss, die dort im mittleren Raum einen Schwerpunkt bilden. In den hier ausgestellten Werken führen insektenartige Wesen den im 15. Jahrhundert dargestellten Totentanz auf, der die Endlichkeit des Lebens vor Augen führen soll. In Auseinandersetzung mit dem schleichenden Aussterben der Insekten übernehmen die Menschenmasken die Rolle des tanzenden Todes.

Auf dem Gang in die Ausstellungsräume begleiten einen Werke aus dem Zyklus »Ferrum«, wo unter einer Eisenschicht die Insektenlarven vollständig dargestellt sind. Hier setzt sich die Künstlerin auf zartem Büttenpapier mit Eisenfarbe, Graphit und Tempera mit der Schutzhülle auseinander, die das Leben während einer Verwandlung umgibt. Der folgende Ausstellungsraum scheint in ein blasses Grün getaucht, das die Grundfarbe der Bilder in der Farbe des Fußbodens magisch widerspiegelt.

Und bei näherer Betrachtung entpuppen sich die ins Auge springenden Insekten als Höhenlinien, Wasserläufe und Verkehrswege auf grünlichen Landkarten eines sibirischen Gebiets. Die Werke erkunden spielerisch die Spuren, die die Künstlerin in dem fragilen Ökosystem hinterlassen hat, als sie die Winter 1993/94 in Prischib verbrachte, einem kleinen Dorf in Sibirien,wo sie als Lehrerin an einer Grundschule unterrichtete.

Im dritten Raum der Ausstellung beschäftigt sich die Serie »Cuprum« mit den Kleidern der Toten, die von uns gegangenen sind, bei den Hinterbliebenen aber noch lange im Schrank weiteratmen, während die Gesichter in der Erinnerung immer diffuser werden. Während ihre Gesichtszüge mit der Zeit an Schärfe verlieren, erinnern die Kleider noch lange, wie sie mit uns verwoben, für unsere Gemeinschaft unersetzlich waren. Zufällige Fotofunde aus alten Zeiten, auf dem Boden vor den Bildern verstreut, bilden die Grundlage für die aus Blattkupfer dargestellten Kleidungsstücke unter unkenntlich gemachten Gesichtern, die zurückbleiben wie der Panzer eines Käfers. Sie kühlen langsam im Schrank ab, bis wir vergessen können.

In diesem Raum setzen figürliche Arbeiten in kleinen hölzernen Objektkästen und einer spielerischen kleinformatigen Installation einen erstaunlichen Kontrast zu den großformatigen Bildern in überwiegend Gold und Kupfer. Unter dem Titel »Schwärme« hat sich die Künstlerin mit der Entstehung von Mythen auseinandergesetzt, in denen der Mensch im Schwarm ihm unbekannten Objekten gegenübersteht. Winzige weiße Modellbaufiguren in unterschiedlichsten Haltungen wurden mit unendlicher Geduld und Präzision als Schwarm aufgestellt und zu kleinen Fundstücken aus der Natur in Beziehung gesetzt. Jeder Blick in eines der kleinen Guckkästen fördert erstaunliche Assoziationen zutage und berührt stark aufgrund seiner fragilen Beschaffenheit und des von hoher Intensität zeugenden Herstellungsprozesses.

Dass Marina Sinjeokov Andriewsky ein so breites Spektrum verwandlungsfähiger Aspekte zwischen Mensch, Insekt und Verpuppung festhalten konnte, hat nicht zuletzt wohl mit ihrer bewegten Vita zu tun. Sprachlich wie räumlich ist sie zu unterschiedlichen Wurzeln zurückgekehrt und hat von dort aus in vielen Ländern Erfahrungen mit Menschen sammeln können.

Nicht nur ihr Kunststudium sowohl in Argentinien wie auch in Deutschland bildete die Grundlage für ihr Schaffen. Vor allem ihre in unterschiedlichen Ländern jeweils aufgenommene Tätigkeit als Lehrerin für Kunst und Sprachen weitete ihren Blick und ihr Herz für die Gemeinsamkeiten der Menschen. Damit einher ging der Blick für ihr gemeinsames Bedrohtsein und nicht zuletzt für ihre Abhängigkeit von den kleinsten Lebewesen, die besonders vom Artensterben betroffen sind. So verbindet sich die Liebe der Künstlerin zu den Insekten mit ihrem Spürsinn für die Verletzlichkeit und Fragilität allen Seins auf dieser Erde.

Die Ausstellung wird noch bis zum 29. August sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen sein. Der Eintritt ist frei.

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