18. August 2022, 21:36 Uhr

»Grobe Verdrehung von Tatsachen«

18. August 2022, 21:36 Uhr
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Aus der Redaktion
Nach dem Fund von Sprengstoffspuren im Boden waren die Bauarbeiten an der A 49 bei Stadtallendorf stellenweise gestoppt worden. Nun kann es weitergehen, der Baustopp ist aufgehoben worden. ARCHIVFOTO: DPA

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisiert die Aufhebung des Baustopps an der A49 bei Stadtallendorf scharf. »Baustopp aufheben heißt: das Trinkwasser für 500 000 Menschen riskieren«, erklärt Dr. Wolfgang Dennhöfer für den BUND Vogelsberg.

Wenn das RP schreibe, der Altlastenverdacht habe sich nicht bestätigt, dann sei das eine »grobe Verdrehung der Tatsachen«. Nach wie vor durchquere die Trasse der A49 eine der gefährlichsten Rüstungsaltlasten Europas. Nicht umsonst habe der BUND vor Beginn der Rodungsarbeiten im September 2019 dagegen geklagt. Und nicht umsonst habe die Geschäftsführung des Zweckverbands Mittelhessischer Wasserwerke mehrfach erklärt, der Bau der A49 durch das Wasserschutzgebiet sei »wie eine Operation am offenen Herzen«.

Schon im Mai habe der Landesverband des BUND kritisiert: »Der nun nötige Baustopp wegen der Altlastenfunde auf der Trasse der A49 bestätigt die Planungsfehler. Die Altlastenproblematik wurde unzureichend untersucht und nun besteht das Risiko der Grundwasserverschmutzung in einem Trinkwassergewinnungsgebiet, aus dem eine halbe Millionen Menschen versorgt werden. Wir fragen uns, welche Risiken noch im Boden schlummern.«

Die A49 verläuft von Stadtallendorf bis zur Anbindung an die A5 (VKE 40) fast vollständig im Wasserschutzgebiet, davon rund 3,5 km in der Wasserschutzzone II. Eigentlich dürfen in der Schutzzone II des Wasserschutzgebietes keine Löcher gegraben und keine Geländeeinschnitte vorgenommen werden, weil die obersten Erdschichten als Filter für Schmutz und Schadstoffe dienen. Annähernd die gesamte Trasse im Herrenwald sei gekennzeichnet durch die vollständige Entfernung des Oberbodens und damit dessen Absorbtions- und Filterwirkung, an mehreren Stellen werde außerdem die Trasse in das anstehende Gestein eingeschnitten und durchtrenne dabei abdichtende Lehmschichten im Bundsandstein, welche die tiefer liegenden Grundwasserhorizonte schützen. Die natürliche Schutz- und Filterwirkung dieser Schichten werde damit »durchlöchert«.

»Statt immer wieder die Risiken kleinzureden, muss das Land endlich die gravierenden Versäumnisse bei der Altlastensanierung und beim Grundwassermonitoring beseitigen. Für die Autobahntrasse im Herrenwald muss eine neue und gründlichere Gefährdungsabschätzung durchgeführt werden.«

Es müsse endlich verhindert werden, »dass weiterhin giftige Sprengstoffreste durch die Bauarbeiten fein zerteilt und in der Gegend verstreut werden«. Die Arbeiter, die mit dem giftigen Hexyl in Kontakt gekommen seien, direkt oder durch das Einatmen von Staub, müssten medizinisch untersucht werden. Das betreffe zum Beispiel die Bagger- und Lkw-Fahrer, die Boden aus dem WASAG-Gelände aufgeladen und abgefahren haben (WASAG = das Gelände der ehemaligen Sprengstofffabrik südlich der Kaserne im Herrenwald). Der BUND schreibt weiter: »Wir brauchen dringend ein numerisches Grundwassermodell, das den Trassenverlauf der A49 im Einzugsgebiet der Trinkwasserbrunnen darstelle und die Risiken, die damit verbunden sind. Stattdessen handele das Land erst, »wenn hartnäckige Bürger unbestreitbare Untersuchungsbefunde vorlegen«. Was die A49 besonders gefährlich mache: »500 000 Menschen werden aus einem Grundwasserkörper versorgt, der schon ohne Autobahnbau riskant war.« Auf dem Grundwasserkörper liege dort eine »Blase« aus giftigem Trinitrotoluol. Nach langen hydrogeologischen Untersuchungen wurde ein sorgfältig ausbalanciertes System von Schluck- und Einspeisebrunnen errichtet, das die Strömung des Grundwassers von den Trinkwasserbrunnen wegleitet. Die Autobahn durchschneide die oberen Bodenschichten. Das gefährde diese Balance. Mit einem modernen hydrogeologischen Modell könnten entsprechende Störfälle simuliert werden - unter Berücksichtigung der Fließrichtung innerhalb der betroffenen Grundwasserkörper. Auf dieser Basis könne dann beurteilt werden, ob das im Sanierungsplan geforderte Grundwassermonitoring hinreichend ist.

Die aktuellen Untersuchungsergebnisse müssten veröffentlicht werden, ebenso müsse dokumentiert werden, welche Materialien aus den Bereichen der WASAG hinaustransportiert wurden und andernorts zum Beispiel zum Dammbau verwendet wurden.

Die bisher nicht berücksichtigten sprengstofftypischen Parameter wie Dinitrodiphenylamin, Trinitrochlorbenzol und Tetryl seien in das Grundwassermonitoring aufzunehmen.



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