03. April 2012, 19:08 Uhr

Angriff mit Beil am helllichten Tag – aber schuldunfähig

Gießen/Homberg (mkn). Angriff mit Beil auf einen Menschen, dennoch kommt ein 73-jähriger Homberger nicht ins Gefängnis. Eine Kammer des Landgerichts urteilte auf Unterbringung in der Psychiatrie wegen einer Psychose.
03. April 2012, 19:08 Uhr
Stadt und Kreis haben vor dem Gießener Landgericht einen Vergleich geschlossen. (Foto: red)

Homberg/Gießen (mkn). »Der ist meiner Meinung nach eine Gefährdung für sich selber und für die Gemeinde,« und: »Endlich ist der aus dem Verkehr«, – so wurde die Stimmung der Nachbarschaft in Homberg wiedergegeben, noch bevor ein Urteil des Landgerichts gegen einen 73-Jährigen erging. Am 10. Oktober soll dieser mit erhobenem Beil und den Worten »Ich bring dich um« in der Michelbachstraße auf einen 36-Jährigen losgegangen sein. Allerdings stolperte der Angreifer und fiel hin. Das Beil soll er aus dem Liegen wieder ergriffen haben, der 36-Jährige habe ihm die Waffe jedoch aus der Hand getreten. Am Dienstag wurde der Angreifer vom Schwurgericht des Landgerichts Gießen unter Vorsitz von Bruno Demel zur Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus verurteilt. Das Gericht entschied auf versuchten Totschlag, der Angeklagte sei allerdings wegen einer starken Psychose nicht schuldfähig.

Der 73-Jährige befand sich auf dem Nachhauseweg vom Einkaufen. Das Beil hatte er in einer der Plastiktüten, er wollte es umtauschen. Der 36-jährige Familienvater sah den älteren Mann an seinem Grundstück vorbeilaufen. Sein Sohn und sein 39 Jahre alter Bruder waren bei ihm und machten ihn auf den Passanten aufmerksam. Dieser habe in der Vergangenheit die Mutter der beiden Brüder öfter bedroht, berichtete der 39-Jährige. So stellte der Jüngere den stadtbekannten 73-Jährigen zur Rede. Der drehte sich herum und zog das Beil aus einer Tüte. Mit erhobener Axt sei er andere auf ihn zugegangen, dann sei der Angreifende hingefallen. »Ich bin hin und habe ihm die Axt aus der Hand getreten – hätte ich das nicht gemacht, wäre das schlimmer ausgegangen.« Danach sei der 73-Jährige weggegangen, als ob nichts gewesen wäre. »Mein Sohn musste das ganze Spektakel mit angucken. Er hatte noch wochenlang Albträume«, so der Jüngere.

Aus Sicht des Angeklagten stellte sich die Situation anders dar: Der 36-Jährige habe ihn von der anderen Straßenseite bereits beschimpft: »Du alter Idiot, dich mach ich kaputt.« Dann sei er hinterher gelaufen und habe ihn zusammenschlagen wollen. »Ich wollte ihn gar nicht umbringen«, beteuerte der Angeklagte. Er stellte das Ganze so dar, als sei er selbst das Opfer gewesen. Die Sehne an seinem Ringfinger sei abgerissen durch die Tritte und der andere habe ihm den Kopf zweimal nach vorne in das Kopfsteinpflaster gedrückt. Dreizehn Schnittwunden habe er im Gesicht gehabt. »Ich habe überall geblutet.« Die Axt sei ihm bei dem Angriff aus der Plastiktüte gefallen.

Von vier weiteren Zeugen konnte keiner mit Sicherheit von einem erhobenen Beil berichten. Durch eine lautstarke Auseinandersetzung waren die Anwohner aufmerksam geworden. Alle berichteten von dem Sturz des Angeklagten, das Beil nahmen sie Zeugen erst durch das Aufsammeln nach dem Fall wahr. »Das sah schlimm aus, überall Blut am helllichten Tag«, erinnerte sich eine Beobachterin. »Er lief blutüberströmt in die andere Richtung weg, wie in so einem Horrorfilm. « Rechtsanwältin Daniela Elger plädierte für einen Freispruch ihres Mandanten. Das erhobene Beil hätten »alle anderen sehen müssen«. Der gebrechliche 73-Jährige sei außerdem »nicht ansatzweise ein ebenbürtiger Gegner« für den 36-Jährigen.

Der Angeklagte habe bereits 1982 erste psychotische Erscheinungen gezeigt, berichtete der Sachverständige Dr. Rainer Gliemann. Er habe sich vier Monate in der Wildnis in Kanada aufgehalten und danach total verändert. Einen »Knick in der Lebenslinie« nannte Gliemann die Rückkehr aus der Wildnis. Im Mai 1985 trat eine Schädelfraktur hinzu, die zu »mehr Problemen, paranoiden Stimmungen und Streitereien mit Nachbarn« führte. 2002 wurde der 73-Jährige verurteilt, nachdem er mit einer Handfeuerwaffe andere Menschen bedroht hatte. Unter regelmäßiger Medikation habe er sich beruhigt. »Der Weg zwischen Bedrohung und Umsetzung ist nur minimal.« Der Angeklagte habe keinerlei Krankheitseinsicht. »Gott sei Dank ist bisher nichts Schlimmeres passiert«, so Staatsanwalt Klaus Bender. Das sei allerdings Zufall.



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