05. Dezember 2020, 06:48 Uhr

A49

Igor Levit spielt im Dannen röder Wald Klavier

Es ist ein fast unwirkliches Bild. Der weltbekannte Pianist Igor Levit sitzt am Freitag an einem schwarzen Klavier - nicht in einem Konzertsaal, sondern im Dannenröder Wald.
05. Dezember 2020, 06:48 Uhr
Auf der gerodeten Schneise für die Autobahn liegen Baumstämme, während die Polizei die letzten Baumhäuser räumt. FOTOS: JOL

Es ist eine seltsam anmutende Atmosphäre am Bauzaun mit NATO-Stacheldraht im Dannenröder Wald: Aus Lautsprechern klingt klassische Musik, während Hundertschaften der Polizei die verbliebenen Baumbesetzer von ihren luftigen Plattformen holen, um die letzten 100 Meter von drei Kilometer für die Trasse der Autobahn 49 zu roden. Der Weltklasse-Pianist Igor Levit kam am Freitag für einen Kurzauftritt in den Wald, ausdrücklich, um die Aktivisten zu unterstützen, wie er sagte.

Helfer von Greenpeace hatten zuvor dafür gesorgt, dass ein Klavier auf einer kleinen Plattform am Bauzaun aufgebaut wurde. Das letzte Stück mussten sie das schwere Instrument dann über einen kleinen Trampelpfad tragen. Mit einer über einen Kilometer langen Kabelstrecke wurden Lautsprecher für die Übertragung des kleinen Konzertes auf das Gelände gespeist.

Levit sagte, er empfinde den Anlass für seinen Besuch als sehr traurig. »Ich habe das Gefühl, einen Schwanengesang zu spielen«, sagte er mit Blick auf die abgeholzte Schneise mitten durch den Wald. Die Aktivisten in den Baumhäusern hätten es in den vergangenen Monaten geschafft, das eigentliche Problem deutlich zu machen. »Ich spiele für eiuch«, rief der russischstämmige Pianist dann aus und stimmte das irische Volkslied »Danny Boy« und später noch enige klassische Stücke an.

Für die Klimaschutzbewegung Fridays for Future kündigte Sprecherin Luisa Neubauer an, der Protest werde weiter gehen. Der Konflikt um den Dannenröder Forst und den Autobahnbau zeige, wie schwer es sei, die Natur zu schützen. Die Aktivisten in den Baumhäusern hätten es mit ihrer Aktion geschafft, »den Widerstand am Leben zu halten«. Die Konsequenzen der anhaltenden Naturzerstörung würden insbesondere junge Generationen tragen müssen. Dabei gehe es um dem notwendeigen Klimaschutz sowie die Bewahrung der Tier- und Pflanzenarten.

Gesche Jürgens, Waldexpertin bei Greenpeace, wandte sich dagegen, »einen gesunden Mischwald für den Autobahnbau zu opfern«. Der Protest der Aktivisten in den Baumhäusern sei zum Symbol geworden. Verkehrsplanungen müssten unter Klimaschutz Aspekten neu bewertet werden.

Räumung und Rodungen sind mittlerweile weit fortgeschritten und fast fertig. Am Freitag stand nur noch ein etwa 100 Meter breiter Baumstreifen zwischen den bereits gerodeten Bereichen im Norden und Süden des Waldes.

Auch die Waldbesetzer gehen davon aus, dass die Räumung in Kürze abgeschlossen ist, das letzten Camp »Oben« wurde am Freitag abgebaut und die Bewohner auf den Boden befördert. Unter ihnen gebe es viele, die in irgendeiner Form weitermachen wollen, hieß es. Manche sprechen sich dafür aus, an der Autobahnschneise weiter zu protestieren, andere können sich vorstellen, andere Bauprojekte zu blockieren. »Für einige Menschen ist das hier ihr Zuhause im Einklang mit der Natur geworden, in dem sie neue Lebensweisen kennen gelernt haben«, sagt eine Sprecherin der Waldbesetzung. Das Ziel bleibe weiterhin, eine Verkehrswende in Deutschland zu erreichen.

Ein Baumbesetzer verwies auf den »Riesen-Aufwand, um die Schneise in den Wald zu schlagen«. Kilometerlange Bauzäune mit Stacheldrahtrollen und ein Aufgebot mit Hundertschaften an Polizisten seien für den Autobahnbau nötig. »Wenn das das neue Normal ist, dann haben neue Autobahnen keine Zukunft.«

Am Sonntag soll ab Mittag erneut für eine Verkehrswende und eine Wende in der Klimapolitik demonstriert werden. Es bleibt nicht ruhig im »Danni.«

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