06. September 2021, 21:46 Uhr

Immer weniger Rinder

Friedlich grasende Rinder auf der Weide - auch das ist ein typisches Szenario, wenn Bilder für den Vogelsberg bemüht werden. Aber die Zahl der Rinder nimmt kontinuierlich ab - die Gründe sind vielfältig und nicht nur im Vogelsbergkreis zu suchen.
06. September 2021, 21:46 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Rinderdämmerung? Im Vogelsbergkreis gibt es bereits viele Dörfer, in denen nicht ein Rind gehalten wird. FOTO: KS

Die Veganer werden immer mehr, Milchkühe, Mastrinder, Zuchttiere, Mutterkühe oder Kälbchen werden hingegen immer weniger: Rund 11,3 Millionen Milchkühe, Mastrinder, Zuchttiere, Mutterkühe oder Kälbchen standen im November 2020 in den Ställen und auf der Weide von Flensburg bis Berchtesgaden. Das sind rund 338 000 weniger als ein Jahr vorher. Im Vogelsbergkreis geht die Rinderhaltung ebenfalls zurück: Aktuell werden nur noch 49 093 Tiere gehalten, das sind 2026 Tiere weniger als vor einem Jahr und rund 5000 weniger als noch 2015. Die Zahlen zeigen auch: Der Schwund beim Vieh passiert immer schneller.

Den härtesten Klimaaktivisten wäre ein Muh-Limit null am liebsten: Denn Kühe werden als klimaschädlich eingestuft. »Alle wissen um die verheerende Klimabilanz der Fleischproduktion. 14 Prozent trägt der Sektor derzeit zu den klimaschädlichen Gasen bei«, rechnet Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung vor, der parteinahen Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen, die den Fleischatlas 2021 herausgegeben hat. Aber diese Erkenntnisse aus der Ecke der Klimaaktivisten dürfte auf die Vogelsberger Gegebenheiten nur mittelbar Auswirkungen haben. Deshalb stellt sich die Frage: »Was ist Anlass für diesen Trend im Landkreis?«

Sicher haben auch die Witterungsverhältnisse in den vergangenen Jahren eine Rolle gespielt. Denn durch die anhaltende Trockenheit war das Sicherstellen der Futtervorräte für die kalte Jahreszeit nicht mehr gewährleistet. Zukauf ist teuer, und nicht nur im Vogelsbergkreis machte die Trockenheit den Landwirten zu schaffen. Entscheidend ist aber wohl das Aufheben der Milchquote vor Jahren, weswegen sich der Markt seitdem neu ordnet. Bereits vor zwei Jahren hatte der Nieder-Ohmener Landwirt Jörg Schlosser auch den Generationswechsel als einen Grund der Veränderungen in der Landwirtschaft ausgemacht.

Denn die großen Betrieb laufen in der Regel als Familienunternehmen, an dem zwei der gar drei Generationen beteiligt sind. Und ein Arbeiten rund um die Uhr bei jedem Wetter ist sicher nicht jedermanns Sache. So schließen betriebe oder fahren zumindest die besonders arbeitsintensive Milchwirtschaft zurück. Die Folge sind nicht mehr nötige Anbauflächen, die anderweitig verpachtet werden und ein weiteres Auseinanderklaffen zwischen den großen und sehr großen Betrieben.

Das mit der Fleischindustrie hat, wie fast alles, auch zwei Seiten: Wer als Landwirt mit Kuh und Rind seinen Lebensunterhalt verdienen will, hat im Grunde drei Möglichkeiten: Zuchtvieh, Milchvieh und Mastvieh. Gut koppeln lassen sich Milcherzeugung und Fleischproduktion. Die 16 180 in der Rinderzahl enthaltenen Milchkühe in den Ställen im heimischen Bereich machen dabei momentan rund 33 Prozent des gesamten Rinderbestands aus (2015 waren es noch 33,8 Prozent). Deutschlandweit kletterte dieser Anteil in den vergangenen fünf Jahren von 33,9 (2015) auf 34,7 Prozent.

Ob das Steak auf dem Grill ein Auslaufmodell ist? Im Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft, die die Bundesregierung eingesetzt hat, liest man: »Der verantwortungsvolle, abwechslungsreiche Genuss von Lebensmitteln ist Teil veränderter und stärker pflanzlich orientierter Ernährungsstile sowie einer modernen Kulinarik.« Das ist ein typischer Fall von Politsprech. Übersetzt: weniger Echt-Steak, mehr Schein-Fleisch aus Pflanzen. Und Fleisch von echten Rindern wird natürlich teurer.

Aber von hohen Preisen lassen sich die Freunde von Rindfleisch nicht schrecken. So bietet Steffen Schäfer aus Romrod-Zell seit Jahren erfolgreich Fleisch von Berkshire-Schweinen sowie Angus- und Wagyu-Rindern an. Allerdings ist ihm der heimische Markt dafür zu klein, als »Der Vogelsberger« offeriert er seine Produkte Schäfer im Rhein-Main-Gebiet, ist zudem Fleisch-Sommelier, stellt bei Seminaren und Koch-Events die verschiedenen Fleischsorten vor. »Da kann ich zum Steak erzählen, wo der Bulle gegrast hat und wie es verarbeitet wurde«, berichtet der Romröder. der schon Starköche wie Jamie Oliver und Frank Rosin beliefert hat.

Aber im Vergleich zum Gros der Rinderzüchter und Milchbauern steht Schäfer nur für einen sehr kleinen Marktanteil. Nicht einmal der deutlich großere Teil der Biobauern kann eine Trendwende einleiten, denn dieser Markt scheint gesättigt. Nur wenige Verbraucher sind bereit oder in der Lage, die deutlich teureren Produkte regelmäßig einzukaufen.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos