01. November 2021, 21:47 Uhr

Jugendhilfe wird teurer

Die Kosten im Jugend- bereich des Kreishaushalts sind in den letzten Monaten angestiegen. Das liegt nicht an den Folgen der Corona-Pandemie. Auf weniger junge Flüchtlinge, verstorbene Schuldner und mehr Teilhabeassistenten für Schulkinder verweist Finanzdezernent Dr. Jens Mischak im Gespräch.
01. November 2021, 21:47 Uhr
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Von Joachim Legatis
Die sinkende Zahl an minderjährigen Flüchtlingen und Mehrkosten bei der Jugendhilfe schlagen sich im Kreishaushalt nieder. Die Verwaltung hat wenig Einfluss auf die Zahlen, wie Dezernent Dr. Jens Mischak erläutert. Im Jugendamt geht es um die sozialpädagogische Betreuung von jungen Menschen, die zum Beispiel bei Magersucht oder massiven Schulproblemen Unterstützung brauchen. FOTO: DPA

Eine Zahl ließ im Kassenbericht für den Kreistag dieser Tage aufhorchen: 478 000 Euro. Auf diesen Wert bezifferte Dr. Jens Mischak, 1. Kreisbeigeordneter, die erwartete Verschlechterung im Vergleich zum Haushaltsplan des Vogelsbergkreises für das laufende Jahr. Deutliche Korrekturen nach unten sind bei der Jugendhilfe zu verzeichnen, wie Mischak den Kreisparlamentariern erläuterte. Grund genug, einmal nachzufragen, woher diese Zahlen kommen.

»Das liegt weder an steigenden Ausgaben noch an Corona, sondern eher an den Verlusten bei den Einnahmen«, sagt Mischak. So gibt es weniger Unbegleitete minderjährige Ausländer, was charmant mit UMA abgekürzt wird. Das bedeutet weniger Einnahmen aus den Erstattungen durch das Land Hessen. Zudem hat die Kreiskasse bei ausstehenden Forderungen einen harten Schnitt gemacht, stattliche 900 000 Euro an offenen Rechnungen wurden im Gesamthaushalt abgeschrieben. »Die Schuldner sind absolut nicht greifbar oder schon verstorben«, erklärt Dagmar Scherer, Leiterin des Jugendamts, bespielhaft für ihren Geschäftsbereich. Mit Martina Beyer, der »Frau für die Zahlen« im Jugendamt, erläutert sie die Kassenlage.

Ein Grundproblem bei der Planung eines Haushalts sind die schlecht absehbaren Zahlen. Denn im Jugendamt geht es um die sozialpädagogische Betreuung von zum Beispiel verhaltensauffälligen Jugendlichen, magersüchtigen Mädchen und um die Unterstützung von Kindern in der Schule. Die vielen Einzelfälle summieren sich und lassen sich wenig beeinflussen. Wenn eine Familie in den Kreis zieht, die drei Kinder mit Unterstützungsbedarf hat, entstehen schnell hohe Kosten.

Besonders deutlich wird das bei den Kindern, die in einer Jugendeinrichtung betreut werden müssen, weil es zuhause nicht mehr geht. »Da haben wir einen Tagessatz von 200 Euro pro Tag, das sind rund 6000 Euro pro Monat oder 75 000 Euro mit Nebenkosten in einem Jahr«, sagt Scherer.

Daran kann das Jugendamt nicht rütteln, denn es besteht ein Rechtsanspruch auf eine angemessene Betreuung. Die Elternbeiträge bei stationären Hilfen, also Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen, liegen knapp über fünf Prozent der Ausgaben.

In das Ressort des Jugendamts fallen auch Kinder mit seelischer Behinderung, deren Zahl ansteigt. Das sind junge Menschen, die mit ihren Schulkameraden nicht gut zurechtkommen, im Unterricht mit massiven Schwierigkeiten kämpfen, aber einen Anspruch darauf haben, in den Regelunterricht zu gehen. Das bedeutet Kosten für einen Teilhabeassistenten, der sich gezielt um den jungen Menschen kümmert.

Bewegung kommt nur dadurch hinein, dass Familien wegziehen. Allerdings beobachtet Scherer, dass in CoronaZeiten weniger umgezogen wird. Ein positiver Corona-Effekt ist die gestiegene Zahlungsmoral von unterhaltspflichtigen Vätern. Sie haben offenbar mehr Geld verfügbar, das sie für den getrennt lebenden Nachwuchs aufwenden.

Mischak betont, dass der Kreis dennoch seine Hausaufgaben gemacht hat. Bereits seit 2013 wird sozialraumorientierte Jugendhilfe betrieben. Vereinfacht bedeutet das, dass der Kreis in vier Regionen (Sozialräume) eingeteilt ist, in denen Jugendheime und Jugendämter sowie Jugendpfleger eng zusammenarbeiten. Ein positiver Effekt ist, dass mehr stationäre Plätze geschaffen wurden, unter anderem in Alsfeld und Mücke. Das senkt die Ausgaben, die für eine Unterbringung in anderen Regionen aufgewendet wird. Durch die engere Kooperation im Sozialraum wird vorbeugende Unterstützung einfacher.

Jedenfalls ist Mischak zufrieden mit dem Ergebnis der Reform. »Die Ausgaben entwickeln sich seitwärts und nicht mehr nach oben.«



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