26. Oktober 2010, 19:50 Uhr

Als der Pfarrer dem Juden Geld leihen wollte

Kirtorf-Ober-Gleen (ia). Auch Ober-Gleens ehemalige jüdische Bürger erhalten jetzt wieder Namen: Mit einer Gedenkstätte aus zehn Tafeln an der Mauer und einer Extratafel mit Stein, die am Sonntag auf dem Friedhof eingeweiht wurde.
26. Oktober 2010, 19:50 Uhr
Das Gebäude ist erhalten geblieben: Die ehemalige Synagoge Ober-Gleen war Zentrum der kleinen jüdischen Gemeinde. (Fotos: ia)

Kirtorf-Ober-Gleen (ia). Auch Ober-Gleens ehemalige jüdische Bürger erhalten jetzt wieder Namen: Mit einer Gedenkstätte aus zehn Tafeln an der Mauer und einer Extratafel mit Stein, die am Sonntag auf dem Friedhof eingeweiht wurde. Dazu gab es einen historischen Vortrag, den Galerist Ernst A. Bloemers (»Kunst im Kuhstall«) im Dorfgemeinschaftshaus vorstellte. Am Sonntag hatte es zunächst eine »kleine, aber sehr bedeutsamen Feier«, so Ortsvorsteher Armin Becker, bei der Einweihung des umgebauten Friedhofs gegeben. Damit verbunden war die Einweihung einer würdigen Gedenkstätte für die »jüdischen Deutschen« in Ober-Gleen, wie es Bürgermeister Ulrich Künz ausgedrückte.

Im Anschluss brachte der Vortrag von Bloemers in bewegten und historisch-fundierten Ausführungen die vergangene Zeit Ober-Gleener Bürger christlicher und israelitischer Konfession nahe: vor der NS-Zeit eine Ära wie selbstverständlicher Gemeinsamkeit der beiden Bürgergruppen. Ober-Gleen hatte den Ausführungen des Referenten zufolge maximal 8 Prozent jüdischen Bevölkerungsanteil. Der Kirtorfer Stadtteil verfügte über eine - noch vorhandene, wenngleich umgewidmete - und 1874 errichtete Synagoge in der Obergasse. Bloemers verlas einen Text der einstigen Archivarin Kathrin Jacob, die leider nicht teilnehmen konnte. Der Text basiere auf einer über Wochen gehenden Erarbeitung Jacobs zusammen mit Bloemers, basierend auf Erforschung des Archivs des Stadtteils.

Dabei habe Jacob sehr viel Interessantes aus der jüdischen Periode Ober-Gleens gefunden, allerdings nicht aus den 1930er Jahren: »Da ist so gut wie nichts zu finden.« Die Darstellung befasse sich mit dem 19. Jahrhundert, schränkte Blomers ein. Es gehe somit um das »Judentum in Obergleen ab 1830 und weiter«. Die Autorin habe das Ganze sehr hübsch in den Rahmen »Meier, der Bayer: Lehrer Meier Cohn und das Leben in Ober-Gleen« gefasst. Bloemers leitete mit der Prosa Jacobs ein: »Meier Kahn freut sich. Die kleine Judengemeinde im Nachbarort Ober-Gleen hatte ihn als Lehrer akzeptiert.« Unklar sei, wie wohl Kahn zu seinem Bestimmungsort gelangt sein wird, wer ihm die Reisekosten bezahlt hat, ob ihn seine Frau Sara schon begleitet hat? Auch die Zahl seiner Kinder sei den Recherchen im Archiv zufolge unklar. Bildhaft vermittelten Bloemers und Jacob dann, wie Kahn wohl von Alsfeld den Weg ins Dörfchen Ober-Gleen zu Fuß gegangen sein mag.

Offensichtlich habe in diesem Dörfchen noch nicht die »Unsitte« geherrscht, einen Lehrer »nur zwei Jahre lang zu beschäftigen«. Denn vor Kahn sei Lehrer Seidler als Judenlehrer (um 1826) nachgewiesen. Auch Seidler sei aus dem Bayerischen gekommen. Ein Hinweis auf Kahns Amtszeit in Ober-Gleen sei einem Schreiben des damaligen Landrats Neidhardt an den Bürgermeister zu entnehmen, datiert vom Februar 1833. Das Schreiben betreffe die »im Kreis Alsfeld sich aufhaltenden und ausländischen Juden«. Darin stehe: »Sie werden den Judenlehrer Meier Kahn aus Eithausen im Königreich Bayern bedeuten, binnen 14 Tagen eine Bescheinigung seiner Heimatbehörde beizubringen, dass ihm jederzeit die Rückkehr in seine Heimat freistehe, widrigenfalls ihm der Aufenthalt im Großherzogtum nicht weiter gestattet werden kann«. Im Februar des gleichen Jahres habe Kahn die Bescheinigung beigebracht, so die Mitteilung des Bürgermeisters, eingesandt an den »Großherzoglichen Kreisrath«.

Hinterfragt, wie gebildet Lehrer Meier Kahn aus Bayern wohl gewesen sein mag, kommt die Autorin zur Folgerung: »Vermutlich sprach er ein wenig anders als seine neuen Schülerinnen und Schüler«. Das »Jiddische« sei seine Sprache gewesen, wie im Vogelsberg üblich. Aufgrund von Textbeurteilungen, auch mit einer Leseprobe, geschickt an die Jüdische Gemeinde von Fulda, geht Jacob davon aus, dass Meier Kahns Jiddisch einen anderen Akzent gehabt haben müsse als das Jiddisch seine Schüler.

»Reich war Kahn nicht - und reich waren auch die Eltern seine Schüler nicht«, so Bloemers und Jacob zu den damals kargen Lebensbedingungen der Juden in Ober-Gleens. Viele Juden seien selbst verschuldet gewesen. So habe Eisenmann Levi aus Rülfenrod in einem Schreiben vom 8. März 1841 bei der hiesigen Kirche Gold leihen wollen und versprochen, die nötigen Papiere bald beizubringen. Da Levi aber ausgeblieben sei, habe der Kirchenvorstand, um nicht in Schaden zu kommen, Levi ersucht, wenn er das versprochene Geld gegen eine »ordentliche Obligation« haben wolle, mit Ja oder Nein und seiner Unterschrift zu zeichnen. Unterschrieben war das Anschreiben von Müller, Pfarrer. Offensichtlich, so die Autorin, habe sich Eisenmann aber die Schulden nicht leisten können. Interessant bei diesem Schreiben sei aber, dass der »christliche Pfarrer dem Juden Geld leihen würde und nicht umgekehrt«, wie das Klischee vielleicht vorschreibe.

Zur Sprache kamen auch Themenbereiche wie das teure Bezahlen von Toleranz seitens der Juden, des Schutzgeldes seit 1692 - »in Goldgulden« - und der Sonderstatus der israelitischen Gemeinden als »Kultusgemeinden«, also nicht als reguläre Gemeinden, die ja der Gemeindeordnung unterliegen und die auch das Aufsichtsrecht über die Religionsgemeinden hatten. Behandelt wurden das erst spät zugestandene und teuer zu bezahlende Bürgerrecht für Juden, und weitere grundsätzlich mit der weitgehenden rechtlichen Gleichstellung von Juden und Christen im Staat verbundene Erschwernisse.

Thematisiert wurden der Berufsbereich des Handels, vor allem der Viehhandel (Patent in 1838), und die hier immer wieder festgelegten Auflagen und auch die Unterrichtspraxis - bei öffentlichen Schulen nur mit Religionsunterricht. Beschrieben wurden der jüdische Alltag zum Sabbath und die Gottesdienste für die Israeliten. Auch einige Namen jüdischer Ober-Gleener wurden in den örtlichen Kontext gestellt: so Meier Stern, Meier Sundheim, Abraham Rothschild und Feist Stern.

Die Existenz Lehrer Kahns in Ober-Gleen sei bis 1871 nachgewiesen. In 1855 sei seine Frau Sarah aber schon verstorben.

Besondere Beachtung im Text fand die Geschichte der Ober-Gleener Synagogen. So müsse es bereits vor 1846 Privatsynagogen in einzelnen Häusern gegeben haben. Die heutige, von drei Seiten freistehende Synagoge, zwischen Bauhöfen und Hinterhöfen, an der Obergasse 48 und weit zurückliegend stehend, besitze zwei Stockwerke. Es handele sich um einen Fachwerkbau. Den Zugang hätten die Gläubigen über den Vorhof und ein Rundbogenportal, flankiert von zwei Rundbogenfenstern, gehabt. Bloemers und Bürgermeister Künz sprachen sich im Anschluss an den Vortrag für die Wiederherrichtung der Synagoge im Rahmen der laufenden Dorferneuerung aus. Daraus lasse sich den Worten von Bloemers zufolge, vorausgesetzt die Mittel stünden zur Verfügung, doch ein »sehr schönes kulturelles Zentrum« schaffen.

Dort könnten dann alle Namen der Juden, die archivalisch erfasst worden seien - auch aus den bürgerlichen Kreisen - aufgeführt werden. Es könne mit Blick auf Romrod oder Kestrich eine würdige Synagoge geschaffen werden, die dann auch für kulturelle Veranstaltungen und auch Ausstellungen und Konzerte genutzt werden könne.

Juden und Nichtjuden, davon könne ausgegangen werden, seien wie in Kestrich im 19. Jahrhundert gut miteinander ausgekommen, bilanzierte der Vortragende in der Textlesung. Lange Zeit hätten die Juden Ober-Gleens den Friedhof Angenrods, wo es eine große jüdische Gemeinde gegeben habe, genutzt. Angenrod habe die Größe seiner jüdischen Gemeinde dem Umstand zu verdanken, dass der Ort sehr lange in adligen Händen gewesen sein (Noding, v. Wehrda). Somit seien dort die Lebensbedingungen für Juden günstiger gewesen als im benachbarten Ober-Gleen. Not, Elend und ungerechte Gesetze hätten die Juden auch Ober-Gleens schon vor dem Holocaust vertrieben. Vor 1933 seien es 25 Juden in dem jetzigen Kirtorfer Stadtteil gewesen. Davon seien acht in die USA ausgereist, einer nach Palästina. Alle anderen, auch die hoffnungsvoll nach Frankfurt weggezogenen Ober-Gleener israelitischer Konfession, habe die Deportation eingeholt. 1830, so die Mitteilung in der Lesung, habe die jüdische Gemeinde Obergleens 47 Mitglieder gezählt, 1905 waren es 90.

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