28. Oktober 2010, 19:24 Uhr

Gedenken in einem »parkähnlichen Kleinod«

Kirtorf-Ober-Gleen (ia). Kirtorfs Stadtteil Ober-Gleen verfügt jetzt offiziell über eine Gedenkstätte für seine ehemaligen, dem Holocaust zum Opfer gefallenen, jüdischen Bürger. Die Gedenkstätte wurde im Rahmen der Umbaumaßnahmen des alten Friedhofs geschaffen, aus deren Anlass am Sonntag eine Einweihungsfeier im Beisein zahlreicher Bürger und öffentlicher Repräsentanten stattfand.
28. Oktober 2010, 19:24 Uhr
Von links: Bürgermeister Ulrich Künz, Ernst A. Bloemers, Ortsvorsteher Armin Becker, Pfarrerin Mona Rieg, Karlheinz Geißler und Albert Naumann (Kirtorf).

Kirtorf-Ober-Gleen (ia). Kirtorfs Stadtteil Ober-Gleen verfügt jetzt offiziell über eine Gedenkstätte für seine ehemaligen, dem Holocaust zum Opfer gefallenen, jüdischen Bürger. Die Gedenkstätte wurde im Rahmen der Umbaumaßnahmen des alten Friedhofs geschaffen, aus deren Anlass am Sonntag eine Einweihungsfeier im Beisein zahlreicher Bürger und öffentlicher Repräsentanten stattfand. Dem Anlass angemessen-würdevoll gehalten waren die Ansprachen von Ortsvorsteher Armin Becker, Bürgermeister Ulrich Künz, Ernst A. Bloemers, Pfarrerin Mona Rieg und mit Blick auf die technische Konzeption und Ausführung von Architekt Karlheinz Geißler.

Die Gedenkstätte an der restaurierten Basaltbruchsteinmauer - zehn wetterfest lackierte Aluminium-Tafeln mit den eingefrästen Namen ausgewählter Ober-Gleener Opfer beziehungsweise ermordeter Familien sowie eine großformatige Tafel mit einem zum Nachdenken einladenden Text - geben ehemaligen Ober-Gleenern israelitischer Religionszugehörigkeit, die dem Rassenwahn des NS-Regimes zum Opfer fielen, ihre Namen wieder. Die Inschrift auf der großen Tafel: »Zum Gedenken an die letzten ehemaligen jüdischen Bürger von Ober-Gleen mit ihren Familien und deren Fortgang bis 1939«. Ortsvorsteher Becker sagte, im Rahmen der Dorferneuerung sei die Wiederherrichtung des alten Friedhofs nun realisiert worden: »Dieser Friedhof ist für uns ein erhaltenswertes Kulturgut.« Der schöne alte Friedhof sei für die Nachwelt wieder hergestellt worden. Neu bepflanzt wurde die Allee, an deren Ende die Ehrenanlage liegt.

Neu hinzugekommen ist die Gedenkstätte für die ehemaligen jüdischen Bewohner. So sei aus dem schlichten Begräbnisplatz »ein parkähnliches Kleinod« geworden. Dankesworte des Ortsvorstehers galten dem Ortsbeirat, dem Arbeitskreis Dorferneuerung, Bürgermeister Künz, dem Magistrat und den Stadtverordneten. Dank galt ebenso Architekt Geißler und dem Amt für den ländlichen Raum, der Firma Casper und dem Bauhof. Bürgermeister Ulrich Künz würdigte den Sinn des Friedhofsumbaus. Friedhöfe seien Orte des Gedenkens und der Sammlung wie auch Zeugnisse der Kulturgeschichte eine Volkes, einer Region oder eines Ortes. Künz thematisierte die eigentliche Bedeutung von Friedhöfen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten suchten die meisten Menschen sie nur auf, wenn sie einen ihnen nahe stehenden Menschen verloren haben oder aus Anlass bestimmter Feiertage: »Friedhöfe wecken Gedanken an den Tod, und den verdrängen wir lieber. « Sie mahnten an Sterblichkeit und »wir wollen doch mitten im Leben stehen.« An der Erfahrung der Endlichkeit des Lebens aber komme niemand vorbei. Sei ein nahe stehender Mensch verstorben, sei es tröstlich, einen Ort zu haben, an dem man sich dem Verstorbenen nahe fühlt. Doch mit der Zeit und dem verblassenden Schmerz wüssten auch Menschen, denen der Verstorbene zunächst noch überall ganz präsent sei, oftmals einen Ort zu schätzen, der zur Zwiesprache oder stillem Gedenken einlade.

Deshalb habe man eine Idee von Ernst A. Bloemers aufgegriffen, im Zuge der Sanierung der Friedhofsmauer eine Gedenkstätte für die ehemalige jüdische Bevölkerung einzurichten. Es gelte, die Erinnerung an sie wachzurufen. Die Wiederherstellung alter Synagogen als Kulturzentren finde mehr und mehr Beachtung wie zum Beispiel in Kestrich oder Romrod. Der Wanderweg durch den Vogelsbergkreis, der »Judenpfad«, beziehe auch Ober-Gleen und Kirtorf ein. Es liege jetzt eine Gedenkstätte »in einmaliger und bisher unbekannter Form« vor. Nach christlichen Gesichtspunkten werde dadurch auch nicht der Friedhof entweiht, sondern man gebe ihm einen Anziehungspunkt. Denn öfter kämen Nachfahren, um die Heimat ihrer Großeltern oder Eltern aufzusuchen. Gedenken bedeute, die Vergangenheit wieder sicht- und greifbar zu machent: »Bei uns in Ober-Gleen haben jüdische Deutsche gelebt, haben Juden das Ortsbild mit geprägt. Was ist aus den jüdischen Frauen, Männern und Kindern geworden, die noch rechtzeitig emigrieren konnten? Deren Biographien könnten gerade noch junge Menschen ansprechen und zum Nachdenken bringen«. Wichtig sei es, die Saat der Achtung vor den Menschenrechten früh zu legen. Menschenrechte würden nur gewahrt, wenn Menschen für sie eintreten.

Die Einweihung solle auch beitragen, das Gedenken an die Würde und die Rechte »unserer jüdischen Bürger, die mit Füßen getreten worden sind, zu bewahren«. Trauer, Entsetzen und Scham empfinde man angesichts dessen, was vor 70 Jahren im Land geschehen sei. Daraus erwachse die Verpflichtung für die Gegenwart. Wir alle trügen die Verantwortung, dass es keine schweigenden Mehrheiten mehr gebe und dass die Menschenrechte für alle gelten.

Ihre engagierte Ansprache stellte Pfarrerin Mona Rieg unter das Thema »Erinnern mit Herz und Hand« - dies mit Blick auf die zehn jüdischen Familien in Ober-Gleen. In der hebräischen Bibel gebe es kein Wort mit der Bedeutung »Geschichte«. Das liege daran, dass nach jüdischem Verständnis die Vergangenheit nie vergehe. Sie bleibe immer gegenwärtig. Erinnern und Gedenken führten zu einer tätigen Lebenspraxis. Ein Erinnern sei kein Schlussstrich, sondern führe zu einem Doppelpunkt. 2009 sei es genau 70 Jahre her, dass der letzte jüdische Bürger Ober-Gleen verlassen habe, sagte Ernst A. Bloemers. So habe es sich angeboten, auf dem Friedhof eine »kleine, bescheidene Gedenkstätte« zu integrieren. Man müsse mahnen und die Jugend darauf hinweisen, »dass hier Juden gelebt haben, dass es eine Synagoge gegeben hat, dass sie, diese Juden, nachbarlich-freundschaftlich mitgelebt haben, in diese Gemeinschaft hineingehört haben.« Auf den Tafeln an der Friedhofsmauer sind die Namen verzeichnet, die ausgewählt wurden. Bloemers nannte Familie Jakob Johann Lamm, Lina Stern, Berta Sara Sondheim, Joseph Israel Lamm, David Lamm und Minna Lamm, Familie Siegmund Israel und Jette Sondheim, Siegmund Lamm, Berta Rothschild, Familie Hirsch und Guta Lamm sowie Joseph Lamm III. Bloemers schloss mit erforschten Zahlen zur jüdischen Bevölkerung Ober-Gleens: 47 Bewohner in 1828, 55 in 1861, das waren acht Prozent der Gesamtbevölkerung von 699 Ober-Gleenern. 1933 seien es noch 23 jüdische Personen gewesen, dies bei 609 Bürgern insgesamt.

Architekt Karlheinz Geißler sagte, der alte Friedhof sei seit den 50er Jahren nicht mehr mit Gräbern belegt worden. Die ursprünglich stark verformte und teils stark zerfallene Trockenmauer war 125 Meter lang, unten mit Basaltsteinen, im oberen Teil aus Sandsteinen. Ein gemeinsamer Rundgang auf dem erneuerten alten Friedhof schloss die Einweihungsfeier ab.

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