Vogelsbergkreis

Klimawandel braucht Ideen

»Oha«, denke ich, als ich die Höhe über Neu-Ulrichstein erreiche. Ein 80 000-Euro-Mercedes parkt auf einem Feldweg. Darinnen ein Mensch mit Fernglas. Seine Blickrichtung geht zum Protestcamp am Dannenröder Forst, das noch für eine Woche lang unter dem Namen »Klimacamp« firmiert. Trotz des schlechten Wetters haben sich etliche Teilnehmer eingefunden.
11. April 2021, 19:07 Uhr
KOA
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»Oha«, denke ich, als ich die Höhe über Neu-Ulrichstein erreiche. Ein 80 000-Euro-Mercedes parkt auf einem Feldweg. Darinnen ein Mensch mit Fernglas. Seine Blickrichtung geht zum Protestcamp am Dannenröder Forst, das noch für eine Woche lang unter dem Namen »Klimacamp« firmiert. Trotz des schlechten Wetters haben sich etliche Teilnehmer eingefunden.

Nach mehr als einem Jahr Besetzung sind die Dannenröder zumindest an die bunte Schar an Menschen jeden Alters gewohnt.

Dass sich hier jetzt jedoch die neue Klimabewegung fest installieren möchte, das ist neu.

Doch es gibt an diesem Tag außer dem Beobachter auf der Anhöhe keinen Bürger und keine Bürgerin, die den Weg auf die Straße findet. Ich treffe Maya, die gemeinsam mit anderen das Klimacamp organisiert hat.

Warum man sich für diesen Ort entschieden ha? »Weil genau hier der Protest weitergeht«, sagt sie, »denn wir wenden uns nicht nur gegen die Abholzung, sondern gegen den Autobahnbau.«

Klimazentrum geplant

Dabei deutet sie auch in Richtung Gasthaus, in dem ein neu gegründeter Verein künftig ein Klimazentrum einrichten möchte: »Es soll eine Transformationsplattform sein für die sozial-ökologische Wende.« Eine Botschaft, die ankommt, findet sie: »Am ersten Tag waren rund 400 Menschen hier und wir rechnen täglich mit ungefähr der gleichen Anzahl.«

Das ist eine beeindruckende Zahl, auch wenn sich die Leute auf dem großen Gelände verlieren. »Klimacamp«, sagt sie noch, bevor ich mich den vielen Angeboten zuwende, »das bedeutet auch, die Mobilitätswende weiter zu denken und die Welt klimagerecht und sozial-ökologisch gerecht zu definieren«. Das bedeute auch, dass das Klima in direktem Zusammenhang stehe mit Rassismus, Patriarchat, Gefängnissen und Pandemien.«

Corona hatten die Organisatoren daher besonders im Blick, die Strategie dazu ist ausführlich. »Das Klimacamp bringt aber auch Hoffnung für die Menschen, die hier vor Ort gegen den Bau der A 49 gekämpft haben«, so Maya, daher werde auch an Bildung und Entspannung gedacht.

Kletteraktionen bringen mehr Aufmerksamakeit

Das nehme ich zum Anlass, am ersten Haltepunkt meines Spaziergangs über das Camp den Seilkletterern über die Schulter zu schauen. Noah, der schon seit dem Fall der ersten Bäume in Dannenrod ist, teilt seine Kenntnisse, die hier »skills« genannt werden, damit jeder, der kein Deutsch spricht, ebenfalls weiß, worum es geht.

Klettern, findet er, steht jetzt nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit dem Klima. Doch für die Menschen vor Ort war es ein Mittel, die Bäume zu schützen.

»Kletteraktionen erzeugen durch den Einsatz weniger Menschen große Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit«, sagt er, »und das ist wichtig, denn während Corona fällt das Thema Klima einfach hinten runter.« Kurz zeigt er noch einer Interessierten, wie man eine sogenannte Raupe bindet - Klettern scheint eine Wissenschaft für sich.

Für eine Zukunft ohne Autos

Ich gehe vorbei an jenen, die gemeinsam eine Komposttoilette bauen, Hoola-Hoop tanzen, meditieren oder sich über den Protest und ihre eigene Seele austauschen. In der »grünen Lunge« - ein Zelt auf dem Sportplatz - geht es um eine »Zukunft ohne Autos.«

Gesprächsrunden haben sich formiert. Einige diskutieren über Öffentlichkeitsarbeit, sehen eine Chance auf Aufmerksamkeit darin, »Redaktionen mit Leserbriefen zu überschütten«. Dass ich Fotos von einer Plakatwand mache, wird kritisch beäugt und kommentiert. Dort finden sich die Ideen gesammelt, wie ein Leben ohne Automobilität funktionieren könnte - und Konzepte, die in diesem Kontext stehen: Flächenfraß und Versiegelung zu stoppen, ÖPNV-Tickets für jeden zum Nulltarif, Fahrradstraßen und »Parkhäuser zu Wohnhäusern.« Ich nicke, würde jedoch empfehlen, sich über die Öffentlichkeitsarbeit weiter Gedanken zu machen.

In einem weiteren Zelt steht der Austausch unter Gleichgesinnten auf dem Programm. Ich werde freundlich herauskomplimentiert.

Ein weiteres Zelt, eine große Zahl an Teilnehmern in der Gesprächsrunde. Gerade steht die Frage im Raum, wie die jungen Menschen von »Fridays for Future« mit Klimaaktivisten der älteren Generation kooperieren könnten.

Eine spannende Frage, finde ich. »Denn wegen Corona«, so eine junge Frau, »ist da viel verloren gegangen.« Die Menschen nicken. Ein Aktivist fordert mich auf, mich als Presse zu erkennen zu geben, »damit die Menschen sich überlegen können, was sie sagen und was nicht.«

Ich verlasse das Zelt wieder und überlege noch, dass Einzelne sich tatsächlich über Öffentlichkeitsarbeit und den Umgang mit der Presse ein paar Gedanken machen müssten.

Vorbei geht es dann an der Küfa, der Küche für alle, die für alle, die möchten, eine Essen ohne Bezahlung kredenzt, gehe ich, um einen letzten Blick auf das Programm des Camps zu werfen.

Meditation, Workshops zu »Migration und Klimawandel«, Selbsterfahrung, nachhaltigem Konsum oder zur feministischen Militanz in den 1970er Jahren. Bunt wie die Menschen, die einladen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/klimawandel-braucht-ideen;art74,731262

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