08. September 2021, 21:47 Uhr

Man musste sich zusammenraufen

08. September 2021, 21:47 Uhr
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Aus der Redaktion
Gernot Facius blickt auf die Zeit seiner Kindheit und Jugend in Romrod zurück. FOTO: PM

Romrod (pm). Dieser Tage blickte der Journalist Gernot Facius, geboren im sudetendeutschen Karlsbad und nach der Zwangsaussiedlung seiner Familie in Romrod und Alsfeld aufgewachsen, auf die Zeit seiner Kindheit und Jugend in Romrod zurück. Unter dem Motto »Das stille Glück der frühen Jahre oder Böhmen liegt im Vogelsberg« beschrieb er bei einer Lesung des Heimat- und Kulturvereins Alltagssituationen und Lebensgefühl im Romrod der 1950er Jahre.

Eingebettet in die politischen und geschichtlichen Zusammenhänge des 20. Jahrhunderts malte Facius ein eindringliches Bild des Schicksals seiner Familie. Romrod war im April 1949 für die Familie Facius vorläufige Endstation einer Irrfahrt durch das noch vom Krieg versehrte Deutschland und seine Aufnahmelager für Vertriebene. »Zuzugsgenehmigung, dieses Wort hatte für die entwurzelten Menschen von damals geradezu magische Bedeutung,« sagte er.

Vergleich mit »Kartoffelkäfern«

Es sicherte auch der Familie Facius dank der Hilfe von Verwandten, die schon 1946 in Romrod gestrandet waren, eine vorläufige Bleibe.« Zur damaligen Zeit mussten die Bürgermeister und Gemeinderäte dafür sorgen, dass die unterzubringenden Menschen ein Dach über den Kopf bekamen, notfalls per Zwangseinweisung. Auch die Familie Facius belegte unter Polizeischutz eine Stube bei einer Bauernfamilie. Die Besitzer hatten sich zunächst geweigert, die Heimatlosen aufzunehmen. »Warum sind sie nicht geblieben, wo sie herkommen?« Tiefes Unverständnis herrschte vielerorts und mancher Alteingesessene wunderten sich, warum die »Flichtlinge« so gut deutsch sprachen, »wo sie doch aus der Tschechoslowakei kämen. »Vertriebene und Kartoffelkäfer wurden als sogenannte Plagen der Nachkriegszeit oft in einem Atemzug genannt.«

Der Erzähler vermittelte aber auch, dass sich neben solchen Reaktionen manche helfende Hand rührte. »Bauersfrauen brachten den Fremden, oft in aller Heimlichkeit Milch, Eier und Gemüse und im Laufe der Zeit entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis.«

Ein Fazit des Vortrags war dann auch dieses, dass Integration Zeit braucht, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Aktivität. Hier knüpfen die Erfahrungen von damals an die heutige gesellschaftliche Situation, die ebenfalls geprägt ist von Menschenwanderungen, Fluchtbewegungen und Vertreibungen, an.

Nach Ankunft in Romrod erfolgte 1949 die Einschulung in der oberhessischen Zwergschule, in der das sudetendeutsche Element dominierte. Lehrkräfte waren die mütterliche Frau Friedek, der strenge Edgar Kreutzer und der nicht immer einfache Hans Stec - alle ebenfalls Heimatvertriebene - sowie Hauptlehrer Dotzert. Dieses Lehrpersonal sorgte mit dafür, dass nicht wenige Schüler aus Romrod, überwiegend Vertriebenenkinder, die Aufnahmeprüfung für die Realschule oder das Gymnasium in Alsfeld schafften. Romrod, so Facius, war trotz aller Entbehrungen, dörfliche Romantik pur.

Viele schaffen es auf höhere Schule

Ein Freiraum für Kinder, Felder und Wald, ein Schloss, in dem vornehmlich Familien aus dem Sudetenland und aus Schlesien, daneben noch einige versprengte Hessen und Rheinländer notdürftig einquartiert waren, und jede Menge »Originale«. Der Erzähler erinnert sich an den Friseur Verweyen, den »Figaro vom Niederrhein, mit dem »nicht immer gut Kirschen essen war«, an den »Blech-Peter«, Spengler mit dem böhmischen Namen Hostlovsky, oder die Eltern seines besten Freundes, die an fast jedem Samstagabend lautstark in Streit gerieten, zu Wochenbeginn aber wieder eitel Eintracht ausstrahlten.

Ein wichtiger Bestimmungsgrund des örtlichen Zusammenlebens war die unterschiedliche konfessionelle Ausrichtung von Einheimischen und den Neubürgern. 1947 waren im damaligen Kreis Alsfeld 92,3 Prozent der »Einheimischen« protestantisch. Hingegen gehörten 80,2 Prozent der Neubürger der katholischen Kirche an. Auch in Romrod führte dies dazu, die Zugezogenen als »Kreuzköpp« zu verspotten.

Die Probleme wurden weniger, als die ersten katholisch-evangelischen Paare vor den Traualtar traten - eine »Mischehe« eingingen, wie das damals genannt wurde«. Ein wichtiger Ort des Zusammenhalts für die Vertriebenen war daher der im ehemaligen Rittersaal des Schlosses eingerichtete Gottesdienstraum. Er war für viele »Neubürger«, »hießen sie Böhm, Blaschko, Eisenrauch, Schraml, Schuster, Heinzl, Paule, Pfeiffer, Wallesch, Puhane, Winkelbauer, Ruzicka oder Machovec, ein Stück Hier hörte man noch die vertrauten Laute, hier wurden die Lieder gesungen, die man von »drüben« kannte und die heute weitgehend vergessen sind.

Auch wenn das Zusammenleben auf engstem Raum nicht immer einfach war, musste man sich in Erwartung besserer Zeiten zusammenraufen und die Zähne zusammenbeißen. Mit der Zeit verschwanden viele Dialekte und Idiome der Neubürger. Fazit von Gernot Facius: »Es ist nicht viel übrig geblieben vom kleinen Böhmen im Vogelsberg«.



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