Vogelsbergkreis

»Neu bauen scheint einfacher«

In vielen Orten im Vogelsberg stehen einst stolze Fachwerkhäuser leer und vergammeln. Wenige Meter entfernt ziehen sich Neubaugürtel um die Dörfer, die manche am liebsten verbieten würden. Städte und Gemeinden weisen aber immer neue Baugebiete aus. Weil die Menschen das so wollen, heißt es. Altbausanierung gilt als unattrativ und teuer. Stimmt das? Darauf antwortet Denkmalpfleger Cornelius Hopp.
16. April 2021, 21:37 Uhr
Kerstin Schneider
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C. Hopp

Sollten neue Baugebiete verboten werden, wie es manche fordern?

Hopp: Schon vor einigen Jahren hat der Architekt und Stadtplaner Daniel Fuhrhop mit seinem Buch »Verbietet das Bauen!« Furore gemacht. Die Hinweise auf die Potentiale, die in bestehenden Häusern liegen, sind also durchaus schon länger in der fachlichen Diskussion.

In vielen Orten stehen einst stolze Häuser leer. Wie kam es dazu?

Hopp: Dahinter steht ein im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung einsetzender und bis in unsere heutige Zeit anhaltender Strukturwandel. Viele zieht es in die Städte, besonders seit die kleinteilige Landwirtschaft nicht mehr rentiert. Die demographische Entwicklung der Gesellschaft ist auch ein wichtiger Faktor. Ein Teil der vielerorts negativen Entwicklung ist jedoch auch hausgemacht: Während Altorte veröden, wurden und werden Neubaugebiete außerhalb der Ortskerne ausgewiesen, was zum berüchtigten »Donut«-Effekt führt, also einem Neubaugürtel rings um einen leerfallenden Ortskern. Hier ist ein Umdenken erforderlich. Denkmalschutz und Denkmalpflege leisten ihren Anteil, das kulturelle Erbe der Region zu bewahren.

Ist es zu unattraktiv, ein altes Haus zu sanieren?

Hopp: Es gibt viele Menschen, die sich eines denkmalgeschützten Gebäudes annehmen. Es braucht aber die Bereitschaft, sich im Vorfeld genau mit der Geschichte, der Bauweise, vorhandenen Schäden zu befassen, um das Gebäude zu verstehen und die Kosten richtig berechnen zu können. Das Bauen auf der »Grünen Wiese« scheint vielen einfacher, obwohl es viel nachhaltiger ist, ein altes Haus zu sanieren. Stichwort ist die »Graue Energie«, die einem alten Haus innewohnt. Denkmalschutz ist Ressourcenschutz und die CO2-Einsparungen, die durch den Erhalt der im Denkmal gebundenen Energie erzielt werden, sollten künftig unbedingt in die Gesamtenergiebilanz eines Hauses mit eingerechnet werden.

Wie können Sanierungen gefördert werden?

Hopp: Der Gesetzgeber hat verschiedene Möglichkeiten der erhöhten steuerlichen Abschreibung geschaffen, um Denkmaleigentümer zu entlasten. Aus Mitteln des Landes werden jährlich rund acht Millionen Euro für Zuwendungen zur Erhaltung von Kulturdenkmälern zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus gibt es weitere Förderprogramme.

Warum setzen Kommunen auf neue Baugebiete?

Hopp: Das sind politische Entscheidungen in den Gremien. Einen wichtigen Beitrag zur Innenentwicklung leistet die Kommune mit der Bindung, während der Teilnahme am Dorfentwicklungsprogramm keine konkurrierenden Baugebiete auszuweisen. Dies ist zentrale Voraussetzung zur Aufnahme in das Dorfentwicklungsprogramm. Das ist ein wichtiges Ziel, um die Innenentwicklung aktiv zu fördern und den »Donut-Effekt«, das Leerfallen von Zentren und das Ansiedeln von Neubaugebieten um das Zentrum herum zu verhindern.

Was kann aus Ihrer Sicht getan werden?

Hopp: Mit Blick auf den Klimawandel und die baukulturellen Traditionen sollte es darum gehen, im schonenden Umgang mit Ressourcen die Bedürfnisse des Einzelnen mit dem Wohl der Gemeinschaft zu harmonisieren. Das könnte bedeuten, an Wohnformen zu denken, die heute noch von untergeordneter Bedeutung sind. Beispielweise generationenübergreifendes Wohnen mit mehreren Familien auf einem Hof, wie es teilweise schon umgesetzt wird. So sind im Kreisgebiet viele Scheunen neben den Wohnhäusern funktionslos geworden, bieten aber erhebliches Umnutzungspotential. Die Denkmalpflege unterstützt dabei das Erkennen von Wertigkeiten im Bestand und das Aufzeigen von Weiter- und Nachnutzungsmöglichkeiten.

Gibt es generell zu wenig positive Beispiele?

Hopp: Es gibt viele positive Beispiele in ganz Hessen. Zu nennen wären zum Beispiel die »Bürgergruppe Wanfried« oder die »Denkmalagentur in Marburg-Biedenkopf«. Denkmalpflege ist nachhaltig und grundsätzlich auch mit modernen Wohnerfordernissen vereinbar.

Was muss passieren, damit die Sanierung von bestehenden Bauten interessanter wird?

Hopp: Die Normen, beispielsweise der Bauordnung, sind vielfach ausgerichtet an den Notwendigkeiten im Neubaubereich. Umnutzungen im Bestand könnten hier sicherlich stärkere Berücksichtigung finden. Auch könnte beispielsweise die Verwendung von Materialien im Neubausektor, die nicht nachhaltig sind und hohe CO-2-Emissionen verursachen, anders besteuert werden - das ist eine Herausforderung an die Politik.

Oft klagen Leute, die alte Häuser sanieren möchten, über die hohen Auflagen.

Hopp: Auflagen ergeben sich zumeist aus der Charakteristik des Hauses: Das heißt Reparaturen und Instandsetzungen müssen werk- und materialgerecht sein. Hier sollen die Häuser vor Schäden und die Eigentümervor Fehlern bewahrt werden. Nicht alles muss wie noch zur Bauzeit ausgeführt werden, es gibt durchaus Ermessensspielräume. Im Denkmalbereich werden diese Mehraufwendungen durch steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten und durch öffentliche Fördermaßnahmen auch teilweise kompensiert. Es gibt sehr viele Eigentümer, die nach einer Denkmalsanierung zu begeisterten Anwälten für ihre Denkmäler geworden sind.

Eine kostenlose Beratung könnte ein Weg sein.

Hopp: Die Untere Denkmalschutzbehörde wie auch das Landesamt beraten kostenlos, im Rahmen der Förderung durch die Dorfentwicklung sind ein kostenloses Beratungsgespräch und die Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde sogar verpflichtend.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/neu-bauen-scheint-einfacher;art74,732052

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