10. Februar 2021, 21:46 Uhr

Neubau sichert Krankenhaus

Die Vogelsberger Kreispolitik ist sich überwiegend darin einig, das Kreiskrankenhaus Alsfeld mit Millionenaufwand neu zu errichten. Das ist ein großer Sinneswandel, denn bis vor wenigen Wochen standen die Zeichen auf Sanierung. Den Hintergrund erläutert Landrat Manfred Görig, Aufsichtsratschef der Klinik.
10. Februar 2021, 21:46 Uhr
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Von Joachim Legatis
Der Parkplatz am Krankenhaus Alsfeld ist als Standort für den Neubau der Klinik im Gespräch. FOTOS: JOL

Viele Jahre harten Ringens um die Sanierung des Kreiskrankenhauses Alsfeld haben dieser Tage ein Ende gefunden. Der Kreistag hat einem Neubau der Klinik mit breiter Mehrheit zugestimmt, »das war ein historischer Tag für die Gesundheitsversorgung der Region«, zeigt sich Landrat Manfred Görig schon fast euphorisch. Endlich bietet sich die Chance, den Instandhaltungsstau in der kreiseigenen Klinik aufzulösen.

Die Entscheidung hat eine lange Vorgeschichte: Schon vor Manfred Görigs Amtsantritt 2012 strebte der Kreis die Fusion mit dem Krankenhaus in Bad Hersfeld an, doch im Kreistag fand sich dafür keine Mehrheit.

Görig griff als Aufsichtsratschef das Thema wieder auf, denn den dringend notwendigen Zuschuss für eine Sanierung des Alsfelder Krankenhauses koppelte Wiesbaden an eine Bedingung: Geld gibt es nur bei einer Fusion. »Das war der Grund, warum wir Gespräche mit Bad Hersfeld und mit Fulda aufgenommen haben«, erinnert er sich. Die Partner wurden sich einig, der Vertrag war unterschriftsreif. Doch plötzlich wurde er vom Bad Hersfelder Kollegen Dr. Schmidt gecancelt, Hersfeld entschied sich für die kreiseigene Lösung mit dem Herz-Kreislauf-Zentrum Rotenburg. »Damit war die Sache gestorben, zumal der Fuldaer Oberbürgermeister sagte, dass man mit Alsfeld allein keinen Verbund bilden will.«

»Den in Aussicht gestellten 10-Millionen-Zuschuss des Landes haben wir nie bekommen, weil die Fusion nicht geklappt hat. Im Grunde bin ich acht Jahre hinter diesen Fördergeldern hergelaufen«, sagt Landrat Görig in der Rückschau. Klar war ihm jederzeit: »Ich war dringend auf diese Landesförderung angewiesen, ich hätte die Sanierung nie alleine stemmen können.« Also wurde eine Markterkundung eingeleitet, am Ende blieben Fulda und das Eichhofkrankenhaus in Lauterbach als mögliche Partner.

Doch mit dem Krankenhaus Lauterbach wurde man sich nicht einig, weil beide Häuser unterschiedliche Rechtsformen mit unterschiedlichen Tarifen haben. Schwierig auch eine Fusion mit dem großen Klinikum in Fulda, die zu einem Größenverhältnis von 10:1 geführt hätte. »Wir hätten am Ende nicht mehr die Hand auf dem Haus gehabt, das wir aber weiter finanziert hätten, denn die Betriebsverluste hätten wir weiterhin tragen müssen. Am Ende hätte der Oberbürgermeister von Fulda entschieden, was mit dem Krankenhaus in Alsfeld geschieht«, was für die Vogelsberger Politiker nicht akzeptabel erschien. Auch bei dieser Lösung hätte der Kreis übrigens neu bauen sollen. »Wir hätten alle Nachteile, aber konnten nicht bestimmen«, fasst Görig die Lage zusammen.

Inzwischen war der zugesagte Zuschuss des Landes von zehn Millionen Euro woanders hingeflossen, nur eine Förderung über das KIP-Programm war möglich: 13 Millionen Euro für die Sanierung - allerdings als Kredit. Dafür schrieb die landeseigene WI-Bank dem Kreis vor, ein komplettes Sanierungsprogramm für das Krankenhaus zu erstellen.

Erst dann, im Herbst vergangenen Jahres, kam die genauere Berechnung zustande, wonach eine Sanierung rund 75 Millionen Euro kosten würde. Bei früheren Kalkulationen war die technische Infrastruktur im Haus nicht beurteilt worden, deshalb war man bislang von etwas über 47 Millionen Euro ausgegangen.

Neubau angeregt

»Das habe ich am 18. November den Fraktionsvorsitzenden vorgelegt, und da gab es schon die ersten Bedenken«, erinnert sich Görig. Alle waren schockiert über die Gesamtkosten. Die Freien Wähler stellten schon in dieser Sitzung die Frage, ob ein Neubau nicht eine denkbare Alternative darstellen würde. Es sprachen sich auch die Linken und die Grünen für einen Neubau aus. In den Fraktionen von CDU und SPD gab es ebenfalls Diskussionsbedarf dazu.

So kam es, dass der lange verfolgte Ansatz einer Sanierung des Hauses gegen einen Neubau abgewogen wurde. Unter dem Strich zeigte sich, dass der Neubau vorteilhafter ist. Nachteil ist allerdings, dass man das Geld binnen fünf Jahren aufbringen muss und die Kosten nicht über 15 Jahre strecken kann.

Dass eine Sanierung prinzipiell möglich ist, zeigt sich beim Evangelischen Krankenhaus in Gießen. Das baugleiche Gebäude wird saniert, »die haben aber schon viel früher angefangen«, sagt Görig.

Der Vogelsbergkreis ist erst seit 2015 wieder finanziell auf einem guten Weg. »Vor meinem Amtsantritt vor mehr als acht Jahren hatten wir 100 Millionen Euro Kassenkredite«, also kurzfristige Darlehen, um die laufenden Aufgaben zu finanzieren. Erst durch die Landesprogramme Schutzschirm und Hessenkasse ist es gelungen, von dem Schuldenberg weitgehend herunterzukommen. Aber abgelöst sind die Altkredite lange nicht.

Smart Hospital

In der Abwägung hat sich der Neubau durchgesetzt. Der Charme des Neubaus liegt auch in der zeitgemäßen Gebäudestruktur. »Dann haben die Patientenzimmer direkten Zugang zum Bad« und die Laufwege im Haus werden kürzer. »Früher hat man weitläufiger geplant, heute will man eher die Bereiche zusammenbringen«, das entlastet das Personal. Moderne Technik wird gleich mit verbaut, es entsteht ein »Smart Hospital«. Zudem verringert man die Bettenzahl von 188 auf 142, weil die Liegezeiten kürzer geworden sind.

Mit einem modernen Haus sichert der Kreis die Klinik und viele Arbeitsplätze vor Ort. Zudem macht ein Krankenhaus für Görig eine Region attraktiver für Menschen, die in den Kreis ziehen möchten. Man solle nicht ohne Not Teile der eigenen Infrastruktur stilllegen. Görig ist froh, dass die Kreispolitik über die Jahre mitgezogen hat, die Defizite des laufenden Betriebs abzudecken - seit 2013 rund 32 Millionen Euro für notwendige Sanierungen, Geräte und Betriebsverluste.

Aktuell zeige die Pandemie, wie wichtig es sei, auch die kleinen Krankenhäuser der Grundversorgung zu erhalten. Allerdings wurden im Zuge von Corona viele Behandlungen abgesagt, was sich in Betriebsverlusten widerspiegelt. Diese Defizite muss der Bund abdecken, es reicht nicht, große Unternehmen über die schwierigen Zeiten zu bringen.

Ein Krankenhaus in Alsfeld ist jenseits einer Pandemie medizinisch wichtig, damit ein Armbruch und eine Knieoperation vor Ort behandelt werden können. Für die speziellen Fälle stehen die größeren Häuser in Fulda, Gießen und Marburg bereit.

In den vergangenen Jahren beobachtet Görig eine Politik von Land und Bund, den kleinen Häusern das Wirtschaften schwer zu machen. Da werden mal hier die Anforderungen hochgesetzt, bestimmte Behandlungen durchführen zu dürfen, mal dort die Vorgaben verschärft. Im Ergebnis wurden einige Krankenhäuser geschlossen. Er hofft, dass die Pandemie zu einem Umdenken führt.



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