28. Juni 2021, 21:49 Uhr

Nichtschwimmer-Alarm

Endlich wieder Freibad und Badesee! Das schöne Wetter lockt nach den Lockdown-Monaten aktuell viele zum ersten Mal wieder ins kühle Nass. Doch die DRLG mahnt zur Vorsicht - das hat mit Corona zu tun, aber nicht nur. Den Alsfelder DRLG- Vorsitzenden Kai Gehrau beunruhigt vor allem die längerfristige Entwicklung.
28. Juni 2021, 21:49 Uhr
LKL
Viele Kinder können nicht sicher schwimmen, doch die Wartelisten für Schwimmkurse sind lang. SYMBOLFOTO: ROLF VENNENBERND/DPA

Sinkende Infektionszahlen, sonniges Wetter und sommerliche Temperaturen - in diesen Tagen lockt es viele Leute erstmals wieder ins Freibad oder an den Badesee. Doch die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) warnt zum Auftakt der Badesaison vor den Corona-Folgen: Eine Verschlechterung der Schwimmfertigkeiten und mangelnde Fitness könnten sich, so die Befürchtung, auf die Ertrinkungszahlen auswirken. Zudem dürfte sich die Zahl schwimmunfähiger Kinder erhöht haben. »Dadurch, dass die Bäder so lange im Lockdown waren, haben Jahrgänge, die vom Alter her dran gewesen wären, noch nicht schwimmen gelernt«, berichtet Kai Gehrau, Vorsitzender der DRLG in Alsfeld.

Damit verschärft die Corona-Krise, wie in vielen Bereichen, ein ohnehin bestehendes Problem zusätzlich: Bereits vor der Pandemie war die DLRG davon ausgegangen, dass inzwischen nicht einmal die Hälfte der Kinder beim Verlassen der Grundschule sicher schwimmen kann. Gerade der Schwimmunterricht scheint trotz gesetzlich geregeltem Auftrag häufig zu kurz zu kommen: Nur 27 Prozent der Kinder haben demnach in der Schule das Schwimmen gelernt - ein Trend, den auch Gehrau mit Sorge beobachtet. »Wir merken das daran, dass wir nicht mehr vielen Lehrern die Rettungsfähigkeit abnehmen«, sagt er.

Dass im Zuge des Lockdowns zuletzt nicht nur viele Unterrichtsstunden, sondern auch Schwimmkurse ausgefallen sind und Kinder sehr viel seltener im Schwimmbad waren, zeigt sich an den Prüfungszahlen: So wurden laut DRLG im vergangenen Jahr knapp 75 Prozent weniger Menschen zu sicheren Schwimmern ausgebildet als 2019. Bei der Seepferdchen-Prüfung, die die Organisation im Bereich der Wassergewöhnung verortet, lag der Rückgang bei über 70 Prozent.

Grundsätzlich ist das laut Gehrau kein Problem, das man nicht nachträglich durch Übung beheben könnte: »Natürlich wird es im zunehmenden Alter schwerer, Dinge zu lernen - sowohl im theoretischen als auch im praktischen Bereich - und Kinder neigen manchmal dazu, etwas angstfreier an die Sache ranzugehen«, sagt er. »Aber eine Obergrenze, um schwimmen zu lernen, gibt es eigentlich nicht.«

Auch das Thema fehlende Wassergewöhnung macht dem Alsfelder Vorsitzenden keine Sorgen. Grundsätzlich beginne diese zwar im Babyalter, und es sei sinnvoll, stets dranzubleiben, doch die coronabedingte Unterbrechung sei zu verkraften, meint er. »Der Spaß am Wasser ist bei den Kindern mit Sicherheit nicht verloren gegegangen, im Gegenteil: Die freuen sich wieder ins Schwimmbad zu können.«

Schon früher gab es Wartelisten

Ist also alles super und das Problem bald behoben? Nicht ganz. Denn bereits vor der Pandemie war die Nachfrage nach Schwimmkursen deutlich höher als das Angebot, sodass es vielerorts lange Wartelisten gab. Ein Grund dafür ist das sogenannte »Bädersterben« in Deutschland. So wurden laut DRLG in den vergangenen 17 Jahren durchschnittlich 80 Schwimmbäder pro Jahr geschlossen. Zum Teil mangelt es daher an Hallenkapazitäten. Und auch Personal muss zur Verfügung stehen - Personal, das zum Training und für den Nachweis der Rettungsfähigkeit wiederum auf Hallenkapazitäten angewiesen ist.

Dass nach Schätzungen der DRLG nun, nach den Monaten des Lockdowns, deutschlandweit fast eine Million Kinder auf einen Schwimmkurs warten, könnte sich demnach noch längere Zeit bemerkbar machen. Bis die Kinder zu sicheren Schwimmern ausgebildet werden könnten, ist für die Eltern also besondere Vorsicht geboten. Natürlich könne man seinem Kind auch selbst schwimmen beibringen, sagt Gehrung. »Aber oftmals ist es eben besser und professioneller, wenn man externe Hilfe hat, weil es einfacher und weniger stressig für alle ist.« Das habe sich im Kontext des Homeschoolings ja nur allzu deutlich gezeigt.

Wenn die Kinder das Seepferdchen haben, können sie sich bei der DRLG Alsfeld anmelden. Denn Kurse zum schwimmen lernen werden hier nicht angeboten, wohl aber solche, die aus Schwimmern Rettungsschwimmer machen - angesichts der thematisierten Entwicklung laut Gehrung umso wichtiger. »Wenn weiterhin Bäder schließen und im Schulsport kein Schwimmen angeboten wird, übersteigt die Zahl der Unfälle vielleicht irgendwann die Zahl derer, die helfen können«, befürchtet er.



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