Vogelsbergkreis

Sauberes Wasser ist teuer

Was bei Waschmaschinen und Toiletten hinten rauskommt, belastet die Städte und Gemeinden. Um nun zumindest bei der Entsorgung von Klärschlamm zu sparen, planen Ulrichstein, Feldatal und Schwalmtal gemeinsam ein Vererdungsbeet, in dem der Schlamm eindickt und danach billiger entsorgt werden kann.
14. Juni 2021, 21:48 Uhr
Joachim Legatis
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Viel Aufwand für die Reinigung des Abwassers: Bürgermeister Edwin Schneider, Klärwärter Falco Scharmann und Bauamtsleiter Lutz Hammerstädt (v. l) an einem Becken der Kläranlage Ulrichstein. FOTO: JOL

Manchmal streitet die Kommunalpolitik leidenschaftlich um kleine Beträge, in anderen Bereichen geht es ohne jede Debatte um Zehntausende oder Millionen. So zum Beispiel, wenn es um rund zwei Millionen Euro für die Kläranlage Ulrichstein oder 70 000 Euro für eine Presse geht, um Klärschlamm in Feldatal zu trocknen.

Das ist der Preis, den man dafür zahlt, Schmutzwasser aus Toilette, Küche und Waschmaschine zu säubern. Die moderne Kläranlage ist unverzichtbar, um weitgehend sauberes Wasser in die Ohm zu leiten, die Presse, um mittelfristig einiges Geld zu sparen.

Um Kostensenkung geht es auch bei einem gemeinsamen Projekt von Ulrichstein, Feldatal und Schwalmtal für ein Vererdungsbeet. Das ist eine pfiffige Lösung, um den Schlamm aus Kläranlagen billiger loszuwerden. Denn dabei geht es um Tonnen von unerwünschtem Wasser. Klärschlamm frisch aus dem Becken besteht zu einem Großteil aus Wasser, wie Lutz Hammerstädt, Bauamtsleiter bei der Stadt Ulrichstein, sagt. »Ein Fachbüro hat für uns errechnet, dass sich ein Vererdungsbeet rechnet.«

Das Prinzip ist recht einfach: Der frische Klärschlamm wird in einem mit Folie ausgekleideten Erdbecken ausgebracht. Das relativ saubere Sickerwasser fließt zurück in die Kläranlage und das extra angepflanzte Schilf sowie Mikroorganismen spalten organische Stoffe auf. Über Monate hinweg wird der Schlamm zu Erde und kann verbrannt werden. Dabei verliert die Masse an Gewicht, was die Entsorgung billiger macht.

»Früher konnten wir Klärschlamm noch landwirtschaftlich verwerten, Bauern haben uns den Schlamm für 25 Euro pro Kubikmeter abgenommen«, rechnet Hammerstädt vor. Inzwischen darf Vogelsberger Klärschlamm nicht mehr in der Region ausgebracht werden, die Kosten liegen nun bei 51 Euro pro Kubikmeter. Der Grund dafür liegt in einer Besonderheit der hiesigen Erde. Der Vulkanboden enthält relativ viel Nickel und ist somit »vorbelastet«. Zusätzliche Belastungen sind verboten.

»Das gilt übrigens auch für den Aushub bei Bauvorhaben«, sagt Bürgermeister Edwin Schneider. Der Aushub muss analysiert werden und darf oftmals nur in der näheren Umgebung wieder ausgebracht werden. Wenn die Grenzwerte noch strenger werden, wird das auch zum Problem für Bauherren beim Hausbau.

Grenzwerte bieten kaum Spielraum

Strengere Grenzwerte sind auch beim Klärschlamm das zentrale Problem. Er wurde in den vergangenen Jahren vom Dünger zum Sondermüll herabgestuft. Um die Entsorgungskosten zu senken, lohnt es sich, den Schlamm zu entwässern, denn er wird nach Gewicht abgerechnet.

Das Vererdungsbeet soll geplant und errichtet werden, wenn eine Bachelorarbeit vorliegt. Eine Nachwuchswissenschaftlerin prüft dabei, wie der Ausstoß an Kohlendioxid durch eine solche Anlage gesenkt wird. Davon hängt ab, welche Förderungen fließen können, wie Feldatals Bürgermeister Bach erläutert. So sind Zuschüsse aus dem Topf für Interkommunale Zusammenarbeit und aus Klimaschutzprogrammen möglich.

Dabei geht es um große Mengen. Allein in der Kläranlage Schellnhausen fallen pro Jahr etwa 1000 Kubikmeter Schlamm an. Die Gemeindevertretung hat bereits 70 000 Euro für eine Schlammpresse bewilligt.

Damit soll ein Teil des Wassers herausgeholt werden, entsprechend weniger muss in eine Verbrennungsanlage gebracht werden. »Das bringt uns 10 000 bis 15 000 Euro Einsparung im Jahr«, erläutert Bach. Eine solche Presse macht sich also binnen weniger Jahre bezahlt.

»Bei der Abwasserreinigung müssen die Kommunen auch die Grenzwerte für das gereinigte Wasser beachten. Die werden immer schärfer, besonders für meine größeren Anlagen wie die für die Kernstadt Ulrichstein. Da sind nur geringe Mengen Ammonium, Nitrate und Phosphate erlaubt«, wie der Ulrichsteiner Klärwärter Falco Scharmann berichtet.

Das war auch der Grund für den Neubau der großen Kläranlage von Ulrichstein für rund zwei Millionen Euro, davon rund 800 000 Euro Förderung. Gerade bei der zunehmenden Trockenheit ist es wichtig, möglichst sauberes Wasser in den nahen Bach abzuleiten. »Wir sind quasi die zweite Ohmquelle mit dem Abfluss der Kläranlage«, meint Scharmann mit einem Augenzwinkern.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/sauberes-wasser-ist-teuer;art74,739411

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