30. September 2021, 21:30 Uhr

Sind Gelbbirken die Lösung?

Der deutsche Wald verändert sich: Trockenheit und Borkenkäfer haben Lücken hinterlassen. Die Debatte, welche Baumarten widerstandsfähiger sein können, läuft. Dabei gibt es seit rund 40 Jahren schon einen unfreiwilligen Versuch. Der inzwischen 85-jährige Otto Karl Nies hat in den 1980er Jahren Gelbbirken im Oberwald gesetzt. Die haben den Klimawandel seither gut überstanden.
30. September 2021, 21:30 Uhr
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Von Dieter Graulich
Der ehemalige Revierleiter Otto Karl Nies an einer der in den 1980er Jahren gepflanzten nordamerikanischen Gelbbirken. FOTO: AU

Waldsterben und Klimawandel sind derzeit in vieler Munde. Nicht erst durch zurückliegende Trockenjahre mit sich rasch vermehrenden Borkenkäfern, großen Waldbränden und der verheerenden Flutkatastrophe im Westen der Bundesrepublik haben die Themen Beachtung bei den Menschen gefunden.

Bereits in der Mitte der 1980er Jahre beschäftigte sich der damalige Leiter des Revieres Ilbeshausen, jetzt Grebenhain, Otto Karl Nies mit der Bepflanzung von Flächen und Standorten mit anderen neuen und widerstandsfähigeren Baumarten.

So kann man jetzt im Oberwald inmitten von Buchen, Fichten und Bergahornen eine Baumart antreffen, die auch das geschulte forstliche Auge ins Grübeln versetzt: Es ist die Gelbbirke (Betula alleghaniensis). Sie stammt ursprünglich aus dem Osten Nordamerikas und zählt in den Oststaaten Kanadas und den Vereinigten Staaten zu den klassischen Wirtschaftsbaumarten.

Ihre Namensgebung erhielt die Gelbbirke durch ihre gelblich-bronzefarbene Borke, wodurch sie sich von unseren heimischen Birkenarten unterscheidet.

Ihren weiten Weg in den Vogelsberg bestritt die nordamerikanische Birkenart Mitte der 1980er Jahre. Damals erhielt der ehemalige Revierförster Otto Nies, inzwischen 85 Jahre alt, über den amerikanischen Offizier Reinhard Schuhmann etwa 8000 Gelbbirkensamen von der Michigan State University. Schuhmann war beim amerikanischen Militär in Gießen stationiert und jagte bereits unter der Leitung des vorherigen Revierleiters Karl Nies, dem Vater von Otto Nies, in der Region.

So kam es zwischen den Freunden zum Austausch hinsichtlich Forstwirtschaft und den heimischen Baumarten. Dabei erzählte Reinhard Schuhmann, dass die Gelbbirke zu den führenden Wirtschaftsbaumarten im US-Bundesstaat Michigan gehört. Des Weiteren seien die klimatischen Rahmenbedingungen aus dem Herkunftsgebiet der Gelbbirke ähnlich wie im Vogelsberg. Ein Teil der Samen wurde auf einer kleinen Freifläche als Pilotprojekt angepflanzt und hat teilweise prächtige Exemplare hervorgebracht.

Durch das vielseitig einsetzbare hell- bis rostbraune Holz ist der Nationalbaum Quebecs eine wichtige Quelle für Laubschnittholz in Nordamerika. Das Holz der Gelbbirke findet Verwendung in der Herstellung von Furnieren, im Innenausbau, in der Herstellung von Möbeln sowie als Bodenbelag in Turnhallen.

Thomas Mechler, Leiter des Reviers Grebenhain, sagt zum Einsatz der Gelbbirken, dass die Verwendung neuer, vermutlich besser mit klimatischen Extremen zurechtkommenden Baumarten vor dem Hintergrund der aktuellen deutlich sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald eine besondere Bedeutung gewonnen habe: »Zurzeit sterben unsere heimischen Baumarten in bisher nicht für möglich gehaltenem Umfang ab. Besonders betroffen sind die Fichten und die Buchen, die Ulmen sind schon fast ausgestorben, und der Esche droht ein ähnliches Schicksal«. Das Baumartenspektrum in Mitteleuropa sei im Vergleich zu Nordamerika sehr gering, sodass andere Baumarten nicht so rasch die Lücken füllen könnten.

Insofern sei Otto Nies seiner Zeit voraus gewesen, als er die Versuchsfläche im Oberwald angelegt habe.

»Es bleibt abzuwarten, wie die Bäume längerfristig mit Klimaextremen wie zum Beispiel dem extremen Wassermangel in den Jahren 2018 bis 2020 zurechtkommen«, relativiert Mechler die Erwartungshaltung. Im Augenblick machten sie allerdings einen vitalen Eindruck, was für andere, einheimische Baumarten leider nicht zutreffe.

Ob die langlebige Birkenart eine Alternative zu den heimischen Baumarten darstellen könnte, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Wie die heimischen Birkenarten kann auch die Gelbbirke durch Wetterextreme wie Hitzeperioden geschädigt werden.



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