28. August 2022, 17:18 Uhr

Von Bauerntanz bis Tango

28. August 2022, 17:18 Uhr
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Aus der Redaktion
Marie-Luise und Christoph Dingler aus Mannheim begeistern als The Twiolins mit klassischer Musik einmal anders, hier im historischen Ambiente der alten Pletschmühle. FOTO: PM

Das durch seine eingängigen Melodien berühmt gewordene 1725 von Antonio Vivaldi geschriebene Werk »Vier Jahreszeiten« besteht aus jeweils vier dreisätzigen Konzerten. Hier beschreibt er Frühling, Sommer, Herbst und Winter mit den für ihn der jeweiligen Jahreszeit angepassten typischen Geräuschen, Klängen und Gefühlen.

»Die Unbilden des Wetters als heftige Stürme, Gewitter und Orkane, Eis, Schnee, Hitze und Sommerstürme, auch der an die Scheibe pochende Regen, verschiedene Vogelstimmen, Hundegebell, ja sogar menschliche Betätigungen, wie etwa die Jagd, ein Bauerntanz, das Schlittschuhlaufen einschließlich Stolpern und Hinfallen bis zum schweren Schlaf eines Betrunkenen. Alles nimmt Vivaldi auf. Diese poetische Idee setzt er um, indem er mit ihrem Ausdruckswillen, den Wohlklang durchbricht und so die Regeln der Harmonie über den Haufen wirft. Irgendwie skurril, Vivaldis ästhetisches Experiment vom Wettstreit zwischen Harmonie und Einfällen oder?«

Zugang zum Werk Vivaldis

Mit diesen Worten versuchte Beate Goßfelder-Michel von der Kommission Kunst und Kultur im historischen Ambiente der alten Pletschmühle in ihrer Begrüßungsansprache die Vorstellungskraft des Publikums wachzukitzeln und durch den außermusikalischen Inhalt den Zugang zum Werk Vivaldis zu erleichtern.

Astor Piazzolla, der Begründer des Tango nuevo, riskierte, dass seine Tangos nicht mehr im traditionellen Sinne tanzbar sind, sondern in erster Linie Musik zum Zuhören sind. Typisch synkopische Rhythmen und harmonische Wendungen des Tango, Staccati und die generell melancholische Stimmung der Musik behielt er jedoch bei.

Bereits andere Musiker haben sich der Gegenüberstellung dieser beiden Komponisten und derer four seasons, vereint zu »eight seasons«, angenommen. Ganz anders aber das Geschwisterpaar Marie-Luise und Christoph Dingler, alias The Twiolins - sie gehen ganz anders an den musikalischen Stoff heran.

Christoph gelingt es, dem italienischen Barockstar Vivaldi ausgewählte Stücke des Tango Nuevo des italienisch-stämmig argentinischen Komponisten Astor Piazzolla aus musikalischen Erwägungen heraus gegenüber zu stellen, hier eine ganz neue Struktur zu kreieren und alles neu zu arrangieren - Stimmung, passende Tonart und Ähnlichkeiten der musikalischen Mittel, wie zum Beispiel das Pizzicato - die gezupfte Geige - oder auch Melodien in der Begleitstimme gaben den Ausschlag für die Auswahl in der Gegenüberstellung - spielten hier die sprichwörtlich »erste Geige«.

Ursprünglich komponiert als eine Orchesterfassung entstanden, wagten sich The Twiolins als Violinduo mit nur acht Saiten an eine Reduktion, die die Struktur der Musik oftmals besonders schön zur Geltung brachte. Die Vorstellungskraft der Gäste wurde jedenfalls gefordert.

So wurde zum Beispiel der erste Sommer-Satz Vivaldis, Piazzollas »Oblivion« (1972 entstanden) entgegengesetzt. Wehmütig und herzzerreißend spielte hier Marie-Luise die Violine, wohingegen Christoph mit dem Pizzicato der Bratsche im rhythmischen Fundament weiter inszenierte.

Im zweiten Sommer-Satz wurden die ruhenden Menschen durch Fliegen und Mückenschwärme geplagt - was sich in Piazollas »Fuga y Misterio« fast wie Ameisengewirr anfühlte. Kopfkino vom Feinsten. Auch das bäuerliche Trinklied des ersten Satzes des Herbstkonzertes steigerte sich in der Violine mit gefährlichen Doppelgriffen, immer höher werdend, immer schwieriger aber - absichtsvoll - auch immer zusammenhangsloser. The Twiolins gelang diese Assoziation des weingetränkten Bauerntanzes perfekt.

Hierauf folgte mit »Mi Exaltacion« einer von Piazzollas erfolgreichsten und bekanntesten Tangos. Der dritte Herbst-Satz betonte ganz besonders schön die auf zwei Geigen verschlankte Zweistimmigkeit. Vivaldis Jagdszene im Dreiertakt: Im Kopf entstanden die Bilder von Gewehrschüssen vom Echo zurückgeworfen, von aufgeregten Versuchen, des Tieres zu entkommen, bis schließlich deren Zusammenbrechen die Jagd beendete.

Eichhörnchen und Igel

Geradezu reizend kommt hier Piazzollas »Psicosis« daher und endet mit einer abrupten »Punktlandung«. Viele Vergleiche und Assoziationen bot das aus 23 Sätzen bestehende Werk. Diese hochkonzentrierte und anspruchsvolle Darbietung des sehr virtuosen Konzertabends war umso erstaunlicher, als dass The Twiolins bereits am frühen Nachmittag ein Konzert für die jüngste Generation, für Kinder zwischen 4 und 10 Jahren, gespielt hatten. Für »Hurra, wir spielen ein Konzert« schlüpfte Marie-Luise in die Rolle des lösungsorientierten Eichhörnchens und Christoph in die des etwas schüchternen und immer wieder erneut zu begeisternden Igels.

Aber die Frage, wie man denn eigentlich ein Konzert spielt, konnte letzten Endes nur gemeinsam mit den aktiv zur Mithilfe animierten Kindern gelöst werden, die die Geschichte über Mut, Ausdauer, Freundschaft und die Kraft der Musik erfahren konnten.

Zwei wunderbare Konzerte präsentierten The Twiolins im Rahmen der Homberger Kulturwochen Ohm sweet OHm und das Feedback aus dem Publikum ließ nicht auf sich warten und sprach den Wunsch nach weiteren derartigen Konzerten aus.



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