11. Februar 2021, 21:47 Uhr

Von den Grünen enttäuscht

Die Zeiten ändern sich. Neben den etablierten Parteien treten bei der Kommunalwahl am 14. März neue politische Gruppen an. In Feldatal und Mücke ist das auf Ebene der Großgemeinde, für den Kreistag bewirbt sich die Klimaliste neu. Wie es dazu kam und was sie will, erläutert der Homberger Patrick Alexander im Interview.
11. Februar 2021, 21:47 Uhr
GKM
Patrick Alexander (r.) ist einer von denen, die sich im Zuge der Proteste gegen den Weiterbau der A 49 politisch einsetzen. Deshalb ist er auf dem Foto auch bei einer Veranstaltung mit Bürgermeisterin Caudia Blum (l.) zu sehen, die als Sozialdemokratin allerdings der neuen Wählergruppierung nicht zuzurechnen ist. FOTO: GKM

Viele von ihnen haben sich bei den Protesten gegen die Autobahn 49 zusammengefunden. Jetzt kandidieren sie als »Klimaliste« für den Kreistag. Acht Bewerber sind angetreten. Wie sie mehr Klimaschutz auf Landkreisebene verwirklichen wollen, erläutert einer der Kandidaten: Patrick Alexander aus Homberg. Der Dreißigjährige absolviert momentan die Ausbildung zum Fahrdienstleiter bei der Bahn, nachdem er bereits Versicherungskaufmann gelernt hatte.

Herr Alexander, Sie haben sich gegen die Waldrodungen für den Bau der A 49 engagiert, weil Sie diesen für überholt halten und stattdessen mehr Engagement der verantwortlichen Politiker für den Klimaschutz fordern. Soll diese Haltung jetzt in den Kreistag getragen werden?

Patrick Alexander: Es gibt schon länger an verschiedenen Orten in ganz Hessen, beispielsweise im Nachbarkreis Marburg-Biedenkopf und in der Stadt Marburg, Diskussionen um eine neue Klimaschutz-Initiative in den Kommunalparlamenten. Einige Vogelsberger, die sich gegen die A 49 engagieren, haben Mitte Dezember gemeinsam entschieden, dass sie hier bei der Kommunalwahl im März mit einer eigenen Liste, der Klimaliste, kandidieren wollen. Dazugekommen sind auch Menschen aus weiter vom Dannenröder Forst entfernten Kreisteilen. Ein wichtiger Impuls war dabei die Enttäuschung über die Grünen. Wir finden es nicht akzeptabel, dass man, nur um an der Regierung zu bleiben, anders entscheidet, als man es vorher versprochen hat.

Dabei stand nur die Gründung einer eigenen Liste in Betracht, die Möglichkeit, sich in einer der etablierten Parteien für mehr Klimaschutz einzusetzen, war ausgeschlossen?

Alexander: Wir stehen im Kontakt mit anderen Parteien hier vor Ort. Es ist ja nicht so, dass man sich nicht miteinander austauscht. Uns ist wichtig, deutlich zu zeigen, dass es so nicht weitergeht, und das geht nach unserer Überzeugung nur mit einer eigenständigen Liste.

Sie vermissen entschlossenes Handeln der vorhandenen Parteien zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels für die Klimaerwärmung, wie es im Pariser Klimaschutzabkommen festgehalten wurde. Was heißt das für die Politik auf Landkreisebene?

Alexander: Zunächst ist der Klimawandel eins der wichtigsten globalen Themen. Das gilt damit auch für unsere Region. Ein wichtiger Aspekt ist beispielsweise, dass man hier, wie in vielen anderen ländlichen Regionen, komplett auf das Auto angewiesen ist. Das wollen wir ändern, zum Beispiel durch Verbesserungen im ÖPNV. Dazu gehört für den Schienenverkehr die Reaktivierung der Ohmtalbahn und - nicht zuletzt - ein attraktives Tarifsystem für den gesamten ÖPNV, wie es teilweise für den Schülerverkehr mit dem 365-Euro-Ticket bereits eingeführt wurde. Als Alternative zum eigenen Auto bietet sich außerdem die gemeinsame Autonutzung, das Carsharing, an. Die bereits dazu im Vogelsbergkreis in einem Modellprojekt gemachten Erfahrungen sollten weiterentwickelt werden: Carsharing mit E-Autos. Über weitere Themen zur klimaverträglichen Mobilität verständigen wir uns noch für die endgültige Fassung unseres Wahlprogramms, beispielsweise die Modernisierung der Vogelsbergbahn durch Elektrifizierung.

Grundsätzlich werden für den Klimaschutz zwei Strategien gesehen: Erneuerbare Energien ausbauen und Energieeffizienz verbessern oder einfacher gesagt: Energie einsparen. Wie sehen Ihre Vorschläge für die Kreispolitik aus?

Alexander: Wir sind auf jeden Fall für den Einsatz Erneuerbarer Energien. Durch höhere Zuschüsse sollte es beispielsweise viel attraktiver werden, Fotovoltaikanlagen auf Dächern zu installieren, sowohl bei Privatleuten als auch bei Firmen. Die Solarenergie vom Dach ist der von großen Freiflächenanlagen grundsätzlich vorzuziehen, aber im Einzelfall muss man immer schauen, wie stark sie in die Natur eingreifen. Wir sind grundsätzlich für die Windkraft, aber wenn für die Anlagen Wald abgeholzt werden muss, erschließt sich uns der Vorteil nicht. Interessant könnte die stärkere Nutzung von kleineren Windrädern auf Hausdächern oder privaten Grundstücken sein. Aber zu diesen Fragestellungen haben wir noch keine abschließende Position für das Wahlprogramm formuliert. Das gilt auch für das Energiesparen, das grundsätzlich stärker gefördert werden muss.

Einige politischen Forderungen der Klimaliste lassen sich in ihrem Internetangebot bereits nachlesen. Dabei ist nicht nur der Klima- und Umweltschutz angesprochen.

Alexander: Ja, wir wurden natürlich schnell mit dem Vorwurf der Ein-Punkt-Partei konfrontiert, die sich nur um den Klimaschutz kümmert. Tatsache ist jedoch, dass wir auch auf viele wichtige Fragen des zukünftigen Lebens in ländlichen Regionen eingehen. Wir setzen uns für die bessere Vernetzung von landwirtschaftlichen Produzenten und den Verbrauchern in der Region ein. Nicht überall wird wieder ein Lebensmittelgeschäft im Ort möglich sein. Aber wo das wirtschaftlich machbar ist, sollte ein Projekt angegangen werden, eventuell auch als mobiles Angebot. Wichtiges Thema ist auch die Versorgung mit medizinischen Einrichtungen in den Gemeinden, aber auch das Alsfelder Krankenhaus. Auch dazu werden wir eine Position entwickeln.

Wann wird das Wahlprogramm öffentlich vorgestellt?

Alexander: Im Februar werden wir soweit sein. Wir tauschen uns aus, was wir für wichtig halten, nehmen aber gern auch Anregungen von interessierten Menschen auf. Wir sind ja alle keine Politiker, die schon 20 Jahre im Amt sind. Wir entwickeln Projekte, von denen wir meinen, dass sie von Bedeutung sind. Es hat schon bis hierher Spaß gemacht, mit den Menschen die Themen zu besprechen und Projekte zu entwickeln, die wirklich realisierbar sind. Wir laden alle ein, die sich für einen entschiedenen Klimaschutz in der Kommunalpolitik engagieren wollen, sich zu beteiligen. Auf unseren Seiten bei Facebook, Instagram oder Twitter sowie der eigenen Website gibt es Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme. Wir hatten nur sehr wenig Zeit, die Unterschriften für die Unterstützung unseres Wahlvorschlags beim Kreiswahlleiter einzureichen. Am 17. Dezember 2020 haben wir die Unterlagen bekommen und am 4. Januar musste alles korrekt abgegeben sein. Trotz der Feiertage, an denen die Verwaltungen geschlossen waren, ist das unglaublich gut gelaufen. Es war zu merken, dass es einige Leute gibt, die meinen, dass es eine Veränderung in unserem Sinn geben muss.

In welchem Ergebnis wird sich dieser Eindruck bei der Wahl niederschlagen?

Alexander: Wenn wir einen oder zwei Sitze im Kreistag bekommen, ist das sicher ein schöner Erfolg.



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