07. August 2009, 12:02 Uhr

Fünf Schüsse töten »Kavalier der Straße«

Wetteraukreis/Florstadt/Altenstadt (ihm). Christel Rink (48) war eine couragierte Frau. Sechs Jahre vor ihrer Ermordung hatte sie einem Pkw-Fahrer, dessen Herzschrittmacher ausgefallen war, das Leben gerettet. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann bezeichnete Rink seinerzeit als »Kavalier der Straße«.
07. August 2009, 12:02 Uhr
Vor 20 Jahren ermordet: Christel Rink. (Fotos: WZ-Archiv)

Regelmäßig war die Frau, die 1988 von Nieder-Mörlen nach Reichelsheim gezogen war, mit dem Taxi unterwegs. So auch in der Nacht von Pfingstmontag auf Dienstag, den 16. Mai 1989. Es war frühmorgens, als in der Friesstraße in Frankfurt ihr leeres Taxi entdeckt wurde. Das Seitenfenster hinterm Fahrersitz war geborsten. Blutspuren und Geschosshülsen im Innern ließen Schlimmes vermuten. Eine Suchaktion wurde gestartet.

Nachmittags wurde der böse Verdacht zur schrecklichen Gewissheit: Gegen 16 Uhr entdeckten Verkehrsteilnehmer von Weitem Christel Rink. Tot lag sie auf einem Feldweg zwischen Nieder-Florstadt und Altenstadt, 80 Meter von der Landstraße entfernt. Sie war erschossen worden, niedergestreckt von fünf Schüssen. Zudem hatte ihr der Mörder einen Basaltstein auf den Kopf geschlagen. Allein diese Verletzung wäre tödlich gewesen.

Der Boden, auf dem sie lag, war lehmig feucht. Der oder die Täter hatte sich vermutlich erheblich beschmutzt. Im Auto war Lehm gefunden worden, außerdem führten Fußspuren in der Frankfurter Friesstraße vom Wagen in Richtung einer Telefonzelle. Eventuell hatte der Verbrecher jemanden angerufen, der ihn abholte, oder war mit öffentlichen Verkehrsmitteln weitergefahren. Die Polizei ging von einem Raubmord aus, denn im Wagen und bei der Toten wurde kein Geld gefunden. Anzeichen für ein Sexualdelikt gab es nicht.

Zuletzt sah ein Kollege Christel Rink. Ihr Auto hatte um 1.30 Uhr an vierter Position am Friedberger Bahnhof gestanden. Nacheinander fuhren die ersten beiden Wagen fort, anschließend machte der dritte Fahrer Feierabend. Zuvor verabschiedete sich der 59-Jährige von Rink. Kurz darauf meldete er sich bei der Zentrale ab. Über Funk hörte er, sie habe Fahrgäste aufgenommen, ob einen oder mehrere war unklar. Ziel sollte Altenstadt sein. Um 2.30 Uhr wollte sie zurück in Friedberg sein, wo an der Stadthalle eine Reisegesellschaft zurückerwartet wurde. Rink war offenbar ohne Umweg die 10,8 Kilometer zum Feldweg dirigiert worden, wie die Polizei ermittelte.

Sämtliche Schüsse waren im Auto abgefeuert worden. Eine der Kugeln hatte ihren Körper durchbohrt und die Scheibe durchschlagen. Der Täter hatte eine alte Selbstladepistole vom Typ »Baby« der ungarischen Firma Frommer verwendet, hergestellt in Budapest und etwa 70 Jahre alt. Wie sich herausstellte, war mit der Pistole schon mal eine Straftat begangen worden. Im Dezember zuvor hatte ein Unbekannter nachts aufs Schaufenster einer Apotheke in Assenheim geschossen.

Polizei räumt Panne ein

Kurze Zeit nach dem Verbrechen an der 48-Jährigen ergab sich eine heiße Spur. Die Belegungszeit von Schließfach 419 an der Frankfurter Hauptwache war abgelaufen, deshalb wurde der Inhalt entnommen. Unter den Gegenständen waren Rinks Pkw- und Hausschlüssel. Zudem fand man eine Brille mit schwarzem Plastikgestell, einen weißen geflickten Herrenslip, zwei unterschiedliche Tennissocken, dunkelbraune Lederhandschuhe und die Tatwaffe. Die Einsatzleitung der Kripo beschloss jedoch, das Fach nicht zu observieren. Der Täter würde es nicht wagen, sich blicken zu lassen - dachte man. Allerdings wurde das Personal in der Hauptwache informiert.

Doch das Unwahrscheinliche geschah: Am Samstagmorgen, 20. Mai, erschien in der B-Ebene der Hauptwache ein junger Mann. In einwandfreiem Hochdeutsch fragte er, warum sein Schlüssel nicht zum Schließfach passe. Er war zwischen 25 und 30 Jahren alt, etwa 1,90 Meter groß und sportlich-schlank. Sein Haar war mittelblond und kurz, sein Gesicht oval, mit dünnem Oberlippenbart. Bekleidet war er mit weißem T-Shirt und grau-dunkelgrau karierter Sommerhose. Der Angestellte bat den Fragesteller, am Schließfach zu warten. Sofort alarmierte er die Polizei und bediente erst einmal zwei andere Kunden. Plötzlich ertönte ein Martinshorn - der Mann verschwand.

Fieberhaft durchsuchten die Polizisten die Hauptwache, ohne Ergebnis. Zehn Minuten später indes erschien die verdächtige Person erneut am Schalter und fragte, ob man ihn vergessen habe. Der Mitarbeiter verständigte wieder die Ordnungshüter, doch auch diesmal kamen sie zu spät. Erneut flüchtete der Mann, nun ward er nicht mehr gesehen. Wie die Polizei einräumte, hatten an den Auf- und Abgängen und am Schließfach keine Posten gestanden. Über die Fahndungspanne waren die Friedberger Taxifahrer außer sich. Sie lebten in Angst, denn erst sieben Monate zuvor war der Bad Nauheimer Chauffeur Horst Heinz Krug ermordet worden.

Auf den sichergestellten Gegenständen hatte man Fingerabdrücke gefunden, sie waren jedoch nicht registriert. Auch ein Phantombild des verdächtigen Manns half nicht weiter: Christel Rinks Mörder ist auch nach 20 Jahren noch nicht ermittelt.

Hohe Aufklärungsquote

Wetteraukreis. Für Ermittlungen in Sachen Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung ist bei der Friedberger Kripo das Kommissariat K 10 zuständig. 2008 wies die Statistik zwölf Straftaten gegen das Leben aus, die Hälfte davon war versucht. Die Fahndungserfolge waren auch 2008 sehr groß: Außer einer fahrlässigen Tötung wurden alle Fälle geklärt.

Unsere Serie »Ermittlungsakte Wetterau« befasst sich mit Verbrechen, die sich seit den achtziger Jahren zutrugen und die für großes Aufsehen sorgten. Neben gelösten Fällen stellen wir auch einige der etwa zehn ungeklärten Fälle vor, mit ihnen machen wir den Anfang. Grundlage der Serie sind alte Zeitungsartikel und Gespräche mit Erstem Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Leß. Teil 5 befasst sich mit der 48-jährigen Taxifahrerin Christel Rink aus Reichelsheim, die 1989 erschossen wurde. Der oder die Täter wurden nie gefasst. (ihm)

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