23. September 2016, 11:13 Uhr

Hilfe gegen das Zahlenchaos

Bad Nauheim (all). Wer kennt sie nicht, die Verzweiflung im Mathe-Unterricht? Wenn aber schon Aufgaben wie 17+9 zum Problem werden, dann kann es schwer werden im Leben. Hilfe bietet bald das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in Bad Nauheim an. Ihr Leiter Georg-Ulrich Kretner erklärt Wissenswertes im WZ-Interview.
23. September 2016, 11:13 Uhr
Beim Hantieren mit Materialien begreifen Kinder das Zahlensystem und lernen die Addition, die Substraktion, die Multiplikation und das Dividieren. (Fotos: ZTR/all)

Was ist eine Rechenschwäche?

Georg-Ulrich Kretner: Es gibt Kinder, aber auch manche Erwachsene, die Zahlen nicht in ihrer Mengenbedeutung verstehen. Das heißt beispielsweise, sie begreifen nicht, dass 2 weniger als 4 ist oder 5 die Hälfte von 10. Als eine Folge bleibt das Kind beim zählenden Rechnen, wobei häufig die Finger zur Hilfe genommen werden und der Übergang in den Zehner-Zahlenraum schwerfällt. Das Kind zählt etwa die Aufgabe 17+8 durch und fängt bei einer nächsten Aufgabe, die 17+9 heißt, wieder von vorne an. Es versteht hier nicht, dass die 9 der Nachfolger von der 8 ist. Das Auszählen von Rechenaufgaben ist also eine aufwendige und daher ungeeignete Lösungsstrategie.

Was ist die Ursache für Rechenschwäche beziehungsweise Dyskalkulie?

Kretner: Auf jeden Fall ist es nicht mangelnde Intelligenz oder fehlender Wille. Es handelt sich um grundsätzliche mathematische Wissensdefizite. Beim Rechnenlernen bauen die Schritte hierarchisch aufeinander auf. Wenn es an einer Stelle hakt, geht ab da der Anschluss an den Schulstoff verloren. Diese Stelle nennen wir Bruchstelle. Sie kann bei jedem Kind woanders liegen. Bei den im allgemeinen großen Schulklassen bleibt das Problem meistens unerkannt und das Kind mit ihm alleine.

Wann macht sich das Problem in der Regel bemerkbar?

Kretner: Das passiert häufig in der 2. Schulklasse, wenn der Schulstoff über den Zahlenbereich der 10 hinausgeht und die Kinder nicht mehr mit den Fingern zählen können. Nach unseren Kenntnissen leiden 15 bis 20 Prozent der Kinder im Grundschulalter an Dyskalkulie. Aber es gibt auch Erwachsene, die nicht rechnen können und sich ganz auf den Taschenrechner verlassen.

Warum muss man eigentlich rechnen können, wenn es doch den Taschenrechner gibt?

Kretner: Die Grundrechenarten sollte man schon beherrschen, auch die Bruchrechnung und den Dreisatz. Sonst kommt man schon in Alltagssituationen nicht zurecht. Man versteht zum Beispiel nicht, was 20 Prozent Rabatt auf 120 Euro ausmachen, oder man kann sich ein Wechselgeld nicht ausrechnen.

Welche Folgen hat die Dyskalkulie für die betroffenen Schulkinder?

Kretner: Häufig werden sie von den Mitschülern gehänselt. Sie gehen mit Bauchschmerzen in die Schule, verlieren ihr Selbstvertrauen und die Freude am Lernen. Wenn nichts getan wird, scheitern sie später an den Anforderungen von Schule und Berufsausbildung. Nachhilfeunterricht nützt meistens wenig, weil hier meistens die herkömmlichen Schulmethoden angewendet werden, die das Kind nicht versteht. Damit verstärkt sich die Frustration.

Welche Art von Hilfe bieten Sie an?

Kretner: Wir bieten eine auf das Kind individuell zugeschnittene Einzeltherapie durch ausgebildete Dyskalkulie-Therapeuten an. Dabei stellen wir zunächst in qualitativen Tests fest, an welchem Punkt bei dem betreffenden Kind das Verständnis des Mathematikstoffs aussetzt. Wir halten es an, laut zu denken und uns zu erklären, wie es zu seinen Rechenlösungen kommt. So können wir die Bruchstelle im Verständnis feststellen und von da aus das Begreifen von Zahlen individuell und systematisch erarbeiten.

Was machen Sie dabei anders als die Schul- und Nachhilfelehrer?

Kretner: Mithilfe von Veranschaulichungsmitteln führen wir die Kinder Schritt für Schritt zu einem abstrakten Zahlenverständnis. Im Mittelpunkt steht dabei die sprachliche Reflexion. So vermitteln wir an einer Zehnerstange, die aus zehn einzelnen Würfeln besteht, nicht nur, dass 10 x 1 ein Zehner ist, sondern die Kinder beschreiben dies auch in ihren eigenen Worten. So erarbeiten wir mit den Kindern in Kleinstschritten den Anschluss an den aktuellen Schulstoff.

Wie lange dauert eine Therapie der Rechenschwäche und was kostet sie?

Kretner: Abhängig vom nachzuholenden Schulstoff dauert die Behandlung maximal zwei bis drei Jahre. Die Einzelsitzung findet einmal in der Woche 45 Minuten statt, hinzu- kommt ein anschließendes zehnminütiges Elterngespräch über den Behandlungsstand. Die Therapie kostet ca. 280 Euro im Monat. Ein erstes Beratungsgespräch ist kostenfrei. Die Diagnose der Rechenschwäche, also der ausgewertete Rechentest, kostet 120 Euro und ein Diagnosebericht 60 Euro.

Gibt es staatliche Zuschüsse für die Eltern?

Kretner: Eltern können Unterstützung zur Behebung von Lernstörungen beim Jugendamt beantragen. Das Jugendamt übernimmt die Kosten in voller Höhe, wenn laut ärztlichem oder psychologischem Attest ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist, wie es in §35a Kinder- und Jugendhilfegesetz heißt. Ansonsten zahlen die Eltern selbst.

Wie hoch ist die Erfolgsquote der Behandlung?

Kretner: Wir können in 90 Prozent der Fälle die Rechenschwäche erfolgreich überwinden. Wir erleben in der Regel, wie die Kinder langsam wieder Anschluss an den Schulstoff finden und ihr Selbstbewusstsein wächst. Geplant ist auch eine Effektivitätsstudie an der Universität Konstanz. Auf jeden Fall ist die Abbruchquote sehr gering.

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