19. März 2009, 19:24 Uhr

»Jedes Konzept wird Schwächen haben«

Bad Nauheim (jw). Die Stadt geht in die Informationsoffensive - und erntet den Vorwurf, alles sei schon entschieden und die Bürger würden mal wieder nicht gefragt. So kann man, überspitzt formuliert, die Bürgerversammlung am Mittwochabend im Sportheim zusammenfassen. Es ging um das Markterkundungsverfahren zur Nutzung des Sprudelhofs. Wie soll der Jugendstilbau genutzt werden? Wie könnte ein neues Thermalbad aussehen und wie ein Hotel, ohne die Ästhetik des Ensembles zu zerstören? Wo hat die Kultur ihren Platz und welche Räume werden neben der Nutzung für Medizin und Wellness der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen?
19. März 2009, 19:24 Uhr
Das Modell der Planungsgruppe Dr. Krieger/GMF sieht folgende Nutzungen des Sprudelhofs vor: Neubau eines Hotels mit Übergang zu den Badehäusern V und VI (grün), Kultur (dunkelrot) und Gastronomie (lila) im Badehaus VII, Kultur ferner im Kopfbau (unten) und im ehemaligen Balneologischen Institut (oben), Medical-Wellness, Beauty und Fitness in den Badehäusern III und IV (rosa, oliv, gelb), Sauna im Badehaus II (rot), Neubau eines Thermalbads (dunkelblau) mit großem Außenbereich (hellblau), darüber die bestehende Saunalandschaft. Die Foyers der Schmuckhöfe (orange) sollen öffentlich zugänglich sein. (Repro: WZ)

Bad Nauheim (jw). Die Stadt geht in die Informationsoffensive - und erntet den Vorwurf, alles sei schon entschieden und die Bürger würden mal wieder nicht gefragt. So kann man, überspitzt formuliert, die Bürgerversammlung am Mittwochabend im Sportheim zusammenfassen. Es ging um das Markterkundungsverfahren zur Nutzung des Sprudelhofs (siehe WZ vom Donnerstag). Wie soll der Jugendstilbau genutzt werden? Wie könnte ein neues Thermalbad aussehen und wie ein Hotel, ohne die Ästhetik des Ensembles zu zerstören? Wo hat die Kultur ihren Platz und welche Räume werden neben der Nutzung für Medizin und Wellness der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen? Diese und andere Fragen standen im Raum, und nicht alle konnten beantwortet werden. Denn: Die von sechs Planungsbüros bei der Stadt eingereichten Modelle sind Entwürfe, Vorstellungen, Ideen, Vorgaben - aber keine endgültigen Festlegungen. Dieses Credo versuchten Vertreter von Stadt, Behörden und Stiftungskuratorium unter die Leute zu bringen. Die Botschaft kam an, doch bei vielen Bürgern bleiben Zweifel und Ängste um »ihren« Sprudelhof.

Gut und gerne 150 Bürger waren erschienen, alle Stühle im Sportheim waren besetzt, und nach der rund einstündigen Vorstellung der Modelle und insbesondere des Favoriten vom Architekturbüro Krieger und der Gesellschaft für Management von Freizeitsystemen (GMF) wurden weitere zwei Stunden Fragen beantwortet und Meinungen ausgetauscht. Bürgermeister Bernd Witzel freute sich anfangs, so viele Bürger begrüßen zu können, was belege, dass sich die Bad Nauheimer mit ihrem Sprudelhof identifizieren. Die aufgeräumte Stimmung des Rathauschefs (»Wir sind ein großes Stück vorangekommen, wir haben erfreuliche Ergebnisse erzielt«) verflog mit zunehmender Dauer der Veranstaltung, zumal sich Witzel und einige Bürger hitzige und emotionale Wortgefechte lieferten.

Die Vorgabe ist unmissverständlich: Der Sprudelhof soll als eine Art Wellness-Zentrum bis zum Jahr 2018 wirtschaftlich betrieben werden. Klappt das nicht, fällt das Ensemble zurück in den Besitz des Landes, das für Sanierung, Planung, Entwicklung und Unterhaltung rund 52 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Seit kurzem liegen dem Lenkungsausschuss Sprudelhof die Konzepte der Planer vor, bis zu einer Verwirklichung ist es aber noch ein gutes Stück. »Da ist noch nichts in Stein gemeißelt«, bekräftigte Erster Stadtrat Armin Häuser.

Insbesondere die vorgeschlagene Nutzung der Badehäuser stieß bei der Versammlung auf Kritik. Das Modell von Dr. Krieger/GMF - das einzige, bei dem der Denkmalschutz mitspielt - sieht den Neubau eines Hotels auf dem Parkplatz gegenüber dem Kerckhoff-Institut sowie den Neubau einer Therme in Form eines langen Rechtecks mit gläsernem Tonnengewölbedach vor (ein »schickes Gewächshaus«, wie ein Bürger spottete). Zwischen diesen südlichen und nördlichen Polen liegt der Sprudelhof, dessen Badehäuser für Sauna, Medical Wellness, Hotel, Gastronomie, Jugendstil-Zentrum und Kultur genutzt werden sollen (siehe Plan). Und Letztere kommt nach Ansicht von Robert Garmeister (TAF, Koordinierungsgruppe Sprudelhof) deutlich zu kurz. Die für Kultur vorgesehenen Bereiche seien »nicht wirklich ansprechend«, für das Theater etwa wäre ein Schmuckhof interessant. Die Stadt hingegen favorisiert das Gebäude westlich des Sprudelhofs, in dem derzeit die Landesgartenschau GmbH sitzt. Eine »hervorragende Kultur nur für maximal 80 Zuschauer«, das, so Witzel, könne nicht sein.

»Jugendstil-Zentrum an den Rand gedrängt«

Auch der Jugendstilverein hat Bedenken. Die Schwäche des Modells, sagte Vorstandsmitglied Hans-Dieter Wagner, liege darin, dass der nördliche Trakt des Sprudelhofs komplett für Wellness und Sauna und der südlich für Hotel und Gastronomie vorgesehen ist. Das geplante Jugendstil-Zentrum werde in eine zu kleine Nische gedrängt, doch für die Außendarstellung benötige man einen Schmuckhof. »So wird das den Widerstand der Bürger herausfordern«, sagte Wagner unter großem Beifall der Versammelten. Landtagspräsident Norbert Kartmann, Vorsitzender des Sprudelhof-Kuratoriums, versuchte zu beschwichtigen. »Jedes Konzept wird Schwächen haben«, warb er um einen Kompromiss. Am Ende würden mehr Räume öffentlich zugänglich sein als bisher, alles müsse bezahlbar sein und die Modelle seien nun mal keine genehmigten Bebauungspläne, sondern Vorschläge.

Weitere Themen wurden aus den Reihen der Bürger angesprochen: Die Dachlandschaft des Ensembles dürfe nicht veröden, meinte ein Bad Nauheimer. Ein anderer wollte wissen, ob denn unbedingt ein Hotel nötig ist. Ja, antwortete Witzel. Es fehle in der Stadt an Betten in der gehobenen Kategorie, und ein Hotel eines Privatinvestors könne Defizite auffangen, die beim Thermalbad-Betrieb entstehen. Aber ist es sinnvoll, dass Hotel und Therme so weit auseinander liegen? Eine Bürgerin wollte wissen, ob die Stadt das Hotel mit öffentlichen Mitteln fördert. Und ob sich das Projekt angesichts der Wirtschaftskrise überhaupt realisieren lässt. Witzel meint ja. Der einzige Wirtschaftszweig mit Wachstum sei derzeit der Gesundheitssektor. »Wellness-Kurzurlaub statt zwei Wochen Ballermann: Wir müssen die Krise als Chance begreifen.«

Lob für Informationsveranstaltung

Lob für diese Informationsveranstaltung der Stadt kam vom 3 B-Vorsitzenden Jörg Krämer: »Erstmals erleben wir einen gut strukturierten Prozess. Das ist eine sehr gute Art der Information.« Daran werde man festhalten, bekräftige Witzel und versprach, die Bürger jederzeit über alle wichtigen Dinge zu informieren. Gerhard Bökel, Rechtsanwalt der Stadt, musste den Bürgermeister in seinem Offensivdrang stoppen: Die bislang praktizierte Transparenz werde nicht mehr möglich sein, sobald das Vergabeverfahren läuft. Werden Verhandlungen mit Investoren aufgenommen, geben alleine die städtischen Gremien den Ton an. Deshalb, so der frühere hessische Innenminister Bökel, nehme man jetzt die Vorschläge der Bürger auf.

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