29. Juni 2010, 17:06 Uhr

Wenn der Mehrfachschock traumatisiert ...

Bad Nauheim (pm). Die Klinik für Psychokardiologie auf dem Herz- und Gefäßcampus Bad Nauheim hat in einer Studie die erste Phase der Entwicklung einer psychotherapeutischen Behandlung abgeschlossen, mit der erstmals Patienten erfolgreich behandelt werden können, die aufgrund von Mehrfachschocks ihres implantierbaren Defibrillators traumatisiert sind.
29. Juni 2010, 17:06 Uhr

Bad Nauheim (pm). Die Klinik für Psychokardiologie auf dem Herz- und Gefäßcampus Bad Nauheim hat in einer Studie die erste Phase der Entwicklung einer psychotherapeutischen Behandlung abgeschlossen, mit der erstmals Patienten erfolgreich behandelt werden können, die aufgrund von Mehrfachschocks ihres implantierbaren Defibrillators traumatisiert sind. Die Gefahr plötzlicher und lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen lässt sich nach Angaben von Prof. Jochen Jordan, Leiter der Klinik für Psychokardiologie, für viele Betroffene durch die Implantation eines Defibrillators bannen. Nicht größer als eine Streichholzschachtel überwache ein solches Gerät lückenlos den Herzschlag. Kündige sich eine gefährliche Störung des Herzrhythmus an, gebe der Defibrillator einen elektrischen Impuls ab, der den normalen Rhythmus wiederherstellt.

Bei einigen Defibrillator-Trägern komme es jedoch zu Mehrfachschocks. Während eines solchen »electrical storms« erhielten die Patienten unmittelbar hintereinander bis zu 70 Schocks, da der Defibrillator immer wieder eine Herzrhythmusstörung registriere. Die dramatischen Folgen für die Patienten erläutert Jordan: »Rund 70 Prozent aller Patienten, die von solchen Mehrfachschocks betroffen sind, entwickeln durch dieses Ereignis eine schwere posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), ähnlich wie Überlebende einer Katastrophe oder Soldaten nach Gefechtseinsätzen.«

Die Betroffenen wie auch die behandelnden Ärzte seien in einer solchen Situation oft hilflos, weshalb die meisten Patienten jahrelang an den psychologischen Folgen leiden: starke Ängste und Nervosität sowie Rückzug aus dem sozialen Leben bis hin zum Arbeitsplatzverlust und der vollständigen öffentlichen und privaten Isolation. Symptome einer Depression wie Schlaflosigkeit, absolute Hoffnungslosigkeit und die Unfähigkeit, Emotionen zu empfinden, folgten meist. »Solche Patienten sind in aller Regel hochgradig therapiepflichtig«, erläutert Jordan und weist gleichzeitig darauf hin, dass ein geeignetes und speziell angepasstes Therapiekonzept bislang nicht zur Verfügung stand.

»Zudem hat eine aktuelle medizinische Studie gezeigt, dass Herzpatienten, die nach einem ›electrical storm‹ eine PTBS entwickeln, eine deutlich eingeschränkte Lebenserwartung haben«, ergänzt Jordan. Neben der schweren psychischen Belastung beeinflusse das Erleben von Mehrfachschocks also auch den Krankheitsverlauf von Patienten mit schweren Herzrhythmusstörungen drastisch.

In Zusammenarbeit mit der Kerckhoff-Klinik sei es der Klinik für Psychokardiologie nur gelungen, eine wirkungsvolle Psychotherapie zu entwickeln und zu erproben. Seit 2007 wurden laut Jordan in der ersten Phase des Projekts im Rahmen einer systematischen Studie insgesamt 25 Patienten beraten, 21 davon wurden anschließend stationär behandelt. Eine kürzlich abgeschlossene Nachbefragung, an der 17 der ehemaligen Patienten teilnahmen, habe ergeben, dass sich die Situation von 15 der Betroffenen deutlich gebessert hatte oder sie vollständig geheilt waren.

Zu Beginn ihrer Behandlung seien alle Patienten aufgrund ihrer Ängste in ihrem Alltag massiv eingeschränkt gewesen. Zum Teil hätten sie das Haus nicht mehr alleine verlassen und unter häufigen Panikattacken gelitten. Im Anschluss an die Therapie hätten alle Patienten von einem deutlichen Rückgang der PTBS-Symptome berichtet und sich sehr zufrieden mit der Behandlung geäußert. Lediglich zwei Patienten seien nur zum Teil zufrieden und hätten sich erneut in Behandlung der Klinik für Psychokardiologie begeben. »Wir sind über die Resultate unserer ersten Studie sehr erfreut«, resümiert Jordan. Denn zu Beginn der Studie sei es nicht zu erwarten gewesen, so schnell so gute Erfolge zu erzielen. Weltweit sei bisher kein anderer psychotherapeutischer Therapieansatz für Patienten mit Mehrfachschocks bekannt, der ähnlich erfolgversprechend sei.

Je nach Schwere und Dauer der psychischen Beeinträchtigungen dauert die neu entwickelte Therapie zwischen einer und drei Wochen. Bei den meisten Patienten trat bereits nach einer einzigen Woche hochdosierter stationärer Therapie eine deutliche Besserung ein. Im Mittelpunkt des therapeutischen Ansatzes steht die intensive Psychotherapie mit einer täglichen Dauer von 70 bis 90 Minuten. Tiefenpsychologisch fundiert beinhaltet sie auch verhaltenstherapeutische Elemente der Angstverarbeitung und des Abbaus von Vermeidungsverhalten sowie die psychotraumatologische Behandlungsmethode der EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing).

Zudem ist die eingehende kardiologische Information über Funktion und Wirkung des implantierten Defibrillators sowie über die Ursache der erhaltenen Elektroschocks ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Daneben erhalten die Patienten wegen ihrer durchweg sehr starken körperlichen Anspannung täglich drei Stunden Entspannungstherapie wie etwa Biofeedback, progressive Muskelentspannung, Meditation und Entspannungsmassagen.

In einer zweiten Phase plant die Klinik nun, aus dem entwickelten Therapieverfahren einen allgemeinen Behandlungsleitfaden abzuleiten und die Evaluation vor und nach der Behandlung weiter auszudifferenzieren. In einem Nachfolgeprojekt, dessen Start in der zweiten Jahreshälfte geplant ist, sollen 40 Patienten stationär behandelt und intensiv vor und nach der Therapie untersucht werden. Die Studie wurde von der Willy-Robert-Pitzer-Stiftung finanziert.



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