14. August 2013, 16:18 Uhr

»Handel im Wandel«: Einst 47 Metzger, heute noch einer

Bad Nauheim (cor). Es gibt sie noch, Geschäfte, die seit Generationen in Familienbesitz sind. In modernem Gewand verkörpern die Läden in Bad Nauheim ein Stück Unternehmenskultur. Im Rahmen der Tage der Industriekultur bietet die Stadtmarketing GmbH erstmals die Führung »Traditionsreiches Bad Nauheim – Handel im Wandel« an. Irene El Sayed erläutert die Entwicklung Nauheims vom Dorf zur Kurstadt.
14. August 2013, 16:18 Uhr
Handel im Wandel: Führerin Irene El Sayed (Mitte) hat eine Fülle von Informationen parat. (Fotos: cor)

Handwerker, Salinenarbeiter oder Tagelöhner – sie alle erlebten vor über 100 Jahren wie das Kurbad immer größer wurde. »Bad Nauheim war ein Selbstversorger«, sagt Gästeführerin Irene El Sayed. Allein 47 Metzger habe es damals gegeben, die auch die Kliniken versorgten. »Heute beziehen die ihre Waren aus Großmärkten.« Nur ein Metzger sei der Kernstadt geblieben.

Andere Unternehmen und Einrichtungen hingegen gibt es seit Generationen. Dazu zählt Optik-Boelke in der Parkstraße 4. Hier habe auch Elvis Presley eingekauft. Der King of Rock ’n ’Roll ging in vielen Geschäften der Stadt ein und aus, etwa in der Café-Konditorei Stark (Café Bienenkorb) in der Hauptstraße. Seit über 60 Jahren besteht dieser Betrieb. Nicht nur Elvis habe hier eine Torte bestellt, auch Formel-Eins-Weltmeister Michael Schumacher ließ sich das Weihnachtsgebäck schmecken.

Der Andrang auf das frühere Dorf Nauheim begann laut El Sayed vor gut 170 Jahren allerdings eher bescheiden. 1839 gab es gerade einmal neun Badezellen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Balneologie, Bad Nauheim wurde ein Heilbad für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 1852 erweiterte sich die Stadt, erhielt zwei Jahre darauf ihre Stadtrechte. Der Kurbetrieb wuchs.

»Heiratsmarkt« Casino

Allerdings kamen die Menschen nicht nur zur Kur, sondern eher wegen des Glücksspiels. Die große Zeit der Spielbanken begann in Deutschland nach 1837 – auch in Bad Nauheim. »Ein gesellschaftliches Ereignis für ganze Familien«, berichtet El Sayed. Gerade Mütter hätten das Casino als »Heiratsmarkt« für ihre Töchter genutzt, um gute Partien an Land zu ziehen. Dies änderte sich nach Schließung der Spielbank, die Kur trat wieder in den Mittelpunkt.

Als Kurort hatte Bad Nauheim um 1900 Weltrang. Die Kur diente aber auch der Geselligkeit mit internationaler Prominenz. Viele Saisonarbeiter wurden gerade in der Sommerzeit benötigt, sei es als Dienstboten, Kupfer- oder Silberputzer, Saaltöchter, Zimmermädchen oder Liftiers. Auch der Steinfurther Rosenanbau profitierte von den Gästen. Geschäfte gab es viele – von der Klavierhandlung bis zum Pelzladen. Allein im Jahr 1912 begrüßte Bad Nauheim 35 876 Gäste. Geworben wurde überall für die Stadt, viele Werbeanzeigen aus früheren Zeiten dokumentieren das Bad für Herzkranke.

Aber auch die damaligen Geschäfte und Einrichtungen, etwa die in der Parkstraße (auch Parkallee, Ulmenallee oder »Hypothekengasse« genannt) oder das Schwyzer Hüsli, verwiesen in ihren Zeitungsanzeigen auf Produkte und Dienstleistungen. So warb die Familie Dörig aus Appenzell für seine Milchmolken-Kur (1892). Zu haben war dieses vorbeugende Angebot anfangs in der Trinkkuranlage, später im Schwyzer Hüsli.

Viele Namen wie Beneke, Kerckhoff oder Bode sind mit der Entwicklung des Kurbetriebs und deren Einrichtungen verknüpft. So gründete die Witwe des Unternehmers William G. Kerckhoff aus Los Angeles, der mehrfach zur Kur in Bad Nauheim weilte, die William-G.-Kerckhoff-Stiftung. Ihr herzkranker Mann hatte sich mehrfach zur Behandlung in Bad Nauheim aufgehalten. Aus der Stiftung entwickelte sich das Forschungsinstitut, das heute zur Max-Planck-Gesellschaft gehört und 300 Wissenschaftler aus 26 Nationen beschäftigt. Ebenfalls den Namen Kerckhoff trägt das Herz- und Rheuma-Zentrum mit 1100 Beschäftigten.

Im Frühjahr 1838 stellte der Badearzt Dr. Bode den Antrag, eine Apotheke einzurichten. Noch im Herbst des gleichen Jahres eröffnete Johannes Kranz die Apotheke in der Burgstraße 20. An beide Gründerpersönlichkeiten erinnern Denkmäler auf dem historischen alten Friedhof an der Stadtschule. 1843 ließ der Apotheker ein zweistöckiges Gebäude vor dem Untertor erbauen, heute findet sich dort der Elektrofachhandel Nowak & Peichl. Die Sprudel-Apotheke befindet sich jetzt direkt daneben.

Roosevelt-Gedenktafel

Nicht nur Mediziner und zufriedene Kurgäste haben die Stadt nach Aussage El Sayeds geprägt, auch viele Menschen, die zu ihrer Zeit in Bad Nauheim noch unbedeutend waren, später aber zu berühmten Persönlichkeiten wurden. Bestes Beispiel ist Franklin D. Roosevelt, der sich 1891 als Neunjähriger mit seinen Eltern mehrere Monate lang in Bad Nauheim aufhielt. Der spätere US-Präsident besuchte hier für einige Zeit die öffentliche Volksschule.

An deren Gebäude in der Friedrichstraße weist eine Gedenktafel auf den berühmten Schüler hin.

Die Stadtführung »Traditionsreiches Bad Nauheim – Handel im Wandel« wird ausschließlich im Rahmen der Tage der Industriekultur angeboten. Treffpunkt ist am Beneke-Brunnen in der unteren Parkstraße. Freie Plätze gibt es noch am Freitag (14 Uhr) und am Sonntag (13 Uhr). Preis: 6 Euro, ermäßigt 5 Euro. Anmeldungen nimmt die Stadtmarketing und Tourismus GmbH (Telefon 0 60 32/92 99 20) entgegen.

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