Bad Nauheim

Prokon-Insolvenz: Ehepaar bangt um seine Ersparnisse

Bad Nauheim (bk). Wer sein Erspartes nicht in Aktien einer Waffenschmiede oder Lebensmittelfonds, sondern in erneuerbare Energien investiert, kann mit ruhigem Gewissen schlafen. Erfreuliche Begleiterscheinung: Mit sechs bis acht Prozent Zinsen winkt ein ungewöhnlich hoher Ertrag. Auch ein älteres Ehepaar aus Bad Nauheim wollte eine gute Sache unterstützen und dabei Geld verdienen, muss aber möglicherweise herbe Verluste hinnehmen.
22. Januar 2014, 18:58 Uhr

Die beiden Senioren haben nämlich 120 000 Euro in Genussscheine der Prokon Regenerative Energien GmbH angelegt. Das Unternehmen, das in erster Linie Windparks betreibt, ist seit Wochen in den Schlagzeilen und hat am Mittwoch Insolvenz angemeldet.

Wie andere Firmen dieser Branche hat Prokon den Bau seiner 314 Windräder fast ausschließlich mit dem Geld von Privatanlegern finanziert, nimmt kaum Kredite auf. Die von Verbraucherschützern als aggressiv angesehene Werbung in den letzten Jahren dürfte auch das Bad Nauheimer Ehepaar, das namentlich nicht genannt werden möchte, veranlasst haben, der GmbH seine Ersparnisse anzuvertrauen. Schließlich genießen Windpark-Betreiber eine Abnahmegarantie zu einem subventionierten Festpreis für ihren »grünen« Strom. Was soll da schiefgehen? Diese irrige Annahme ist in den letzten Monaten bereits etlichen Anlegern zum Verhängnis geworden, die in Papiere der Solarwirtschaft investiert haben. In dieser Branche gab es einen wahren Pleite-Boom.

Vorerst kein Geld zurück

Bein Prokon scheint es jetzt auch so weit zu sein. Weil inzwischen mindestens 6900 von rund 75 000 Genussschein-Inhabern ihre Papiere zurückgeben wollen, ist das Unternehmen in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Zu den Kleinanlegern mit Bauchschmerzen gehören auch die Senioren aus der Kurstadt, die sich an die Bad Nauheimer Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, Dagmar Steidl, gewandt haben. »Meine Mandaten habe ihre Genussrechte Ende Dezember frist- und formgerecht gekündigt. Ihr Geld werden sie aber – zumindest vorerst – nicht zurückerhalten«, sagt Steidl auf WZ-Anfrage. Der Prokon-Vorstand hat nämlich angekündigt, bis auf Weiteres weder Zinsen zu zahlen, noch Genussscheine einzulösen. Zudem wurden in den letzten Wochen alle Anleger gebeten zu erklären, ob sie ihr Geld mindestens bis Oktober 2014 bei Prokon lassen oder nicht. Wie Carsten Rodbertus, geschäftsführender Gesellschafter der Firma mit Sitz in Itzehoe, vor Tagen betonte, sei die Insolvenz unausweichlich, wenn nicht 95 Prozent der Geldgeber dem Unternehmen vertrauen. Diese Linie wurde überschritten: Laut Unternehmensangaben haben bislang 6900 Anleger gekündigt (Stand Mittwoch), was einem Anteil von 9,2 Prozent entspricht. Presseberichten zufolge wollen Anleger weit über 200 Millionen Euro zurück, insgesamt hat Prokon Genussscheine im Gesamtwert von 1,4 Milliarden ausgegeben.

»Wie es jetzt weitergeht, weiß kein Mensch«, meint Fachanwältin Steidl, die zahlreiche Anfragen in Sachen Prokon erhalten hat und mit einer deutlichen Zunahme rechnet. Sollte die Firma die Genussscheine des Bad Nauheimer Ehepaars jemals einlösen, werde der Buchwert ausbezahlt. Laienhaft ausgedrückt: Gibt Prokon sein Gesamtvermögen mit 700 Millionen Euro an, erhält jeder Anleger nur die Hälfte seines Geldes zurück, weil dem Unternehmen 1,4 Milliarden zur Verfügung gestellt wurden. »Der Insolvenzverwalter könnte das ausgezahlte Geld zudem zurückfordern«, rät Steidl Personen, deren Genussscheine eingelöst wurden, den Betrag nicht auszugeben.

Gericht: Unlautere Werbung

Wie andere Anleger auch hätten ihre Bad Nauheimer Mandaten den Prokon-Informationsprospekt nicht richtig gelesen. Vermutlich seien viele Sparer auf die Werbung des Unternehmens hereingefallen, in der von Risiken wenig, von Sicherheit und hohen Zinsen dagegen viel die Rede sei. Diese Werbung wurde vom Oberlandesgericht Schleswig auf Antrag der Verbraucherzentrale Hamburg 2012 als unlauter verboten. Wie die Stiftung Warentest anmerkt, würden Käufer von Genussscheinen keineswegs Miteigentümer von Windkraftanlagen, sondern erwerben lediglich eine »stille Beteiligung«. »Käufer gehen erhebliche Risiken ein. Sollte das Unternehmen pleitegehen, verlieren sie im schlimmsten Fall ihre gesamte Geldanlage«, schreiben die Verbraucherschützer. Genussrechte würden im Insolvenzverfahren nämlich »nachrangig« behandelt, die Anleger wären erst dran, nachdem die Ansprüche aller andern Gläubiger bedient seien. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Lübeck: Es bestehe ein Anfangsverdacht des Betrugs und der Insolvenzverschleppung. Medien vermuten hinter dem Gebaren von Prokon eine Art »Schneeballsystem«, weil die Firma die hohen Zinsen, die in der Vergangenheit ausbezahlt wurden, nicht erwirtschaftet habe.

»Erneuerbare Energien, das klingt nicht schlecht. Wer Geld anzulegen hat, sollte sich zuvor aber möglichst umfassend über das jeweilige Unternehmen informieren«, empfiehlt Steidl. Wie der Laie das bewerkstelligen soll, wenn etwa die Produktprospekte irreführende Angaben enthalten, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/bad-nauheim/art549,88298

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung