15. August 2014, 19:08 Uhr

Therme-Neubau droht zu scheitern

Bad Nauheim (bk). Neubau ade? Noch ist die Suche nach einem Investor für das Thermalbadprojekt in Bad Nauheim zwar nicht gänzlich gescheitert, doch fast alles deutet derzeit darauf hin. Das berichten zuverlässige Quellen, während die Rathausspitze weiter eisern jede Aussage verweigert. Angesichts der miesen finanziellen Lage der Stadt bleibt die völlig offene Frage, was aus der alten Therme wird.
15. August 2014, 19:08 Uhr
Einen Neubau wird es vermutlich nicht geben, damit ist der Erhalt der alten Therme aber noch lange nicht gesichert. (Foto: Nicole Merz)

Seit etlichen Monaten beschäftigt sich die sogenannte Lenkungsgruppe mit der Suche nach einem Geldgeber für die Errichtung eines neuen Thermalbads. Bürgermeister Armin Häuser hat die Mitglieder dieses Gremiums zu strengstem Stillschweigen verdonnert. Begründung: Es handele sich um ein ÖPP (Öffentlich-Private Partnerschaft)-Projekt, für das besondere Vorschriften gelten. Gerieten Informationen zu früh an die Öffentlichkeit, könnten auf die Stadt Schadensersatzforderungen der potenziellen Investoren zukommen.

In der jüngsten Sitzung der Gruppe, die im Übrigen keinerlei Entscheidungsbefugnis hat, wurde von Häuser eine schriftliche Zusammenfassung der Verhandlungsergebnisse verteilt. Wie die WZ erfahren hat, wird darin das Angebot eines Unternehmens beschrieben. »Die Offerte ist bei den Mitgliedern des Gremiums auf einmütige Ablehnung gestoßen«, sagte ein Informant, der wie alle Gesprächspartner der WZ namentlich nicht genannt werden möchte. Zwar sei der Firma eine Nachbesserungsfrist bis zum 28. August eingeräumt worden, niemand rechne aber mit einer Einigung.

Die laut Lenkungsgruppe (darin sind alle Fraktionen vertreten) offenbar miese Qualität des Angebots mag mit der schlechten Verhandlungsposition der Stadt zusammenhängen. Bereits vor Monaten hatte unserer Zeitung erfahren, dass es eigentlich nur einen ernsthaften Bewerber für den Großauftrag gibt, was von den Verantwortlichen allerdings nie bestätigt wurde.

Investor will höheren Zuschuss

Den zuverlässigen Quelle zufolge wäre der Investor bereit, 23 Millionen Euro für den Neubau bereitzustellen. Die Baupläne sähen aber weder ein Therapiebecken noch eine Tiefgarage vor. Oberirdisch seien lediglich 90 Parkplätze vorgesehen, obwohl mit einer Verdoppelung der Besucherzahlen kalkuliert werde. Danach sollte der Neubau im Schnitt von 400 000 Badegästen pro Jahr genutzt werden.

In der Vergangenheit hatte die Stadt mehrfach betont, pro Jahr nicht mehr als 600 000 Euro für den Betrieb der Therme zuschießen zu können, was in etwa dem Defizit entspricht, das bisher erwirtschaftet wird. Trotzdem gehe das Unternehmen in seinem Angebot von einer jährlichen Gabe der Stadt von 770 000 Euro aus. Unterschiedliche Ansichten gibt es offensichtlich auch zur Laufzeit des ÖPP-Vertrags. Nach den Vorgaben der Stadt soll der Investor den Bau der Therme finanzieren, die Freizeiteinrichtung 25 Jahre lang mit finanzieller Unterstützung der Stadt betreiben und dann in gutem Zustand an die Stadt übergeben. In dem Konzept der Firma ist aber anscheinend von einer deutlich kürzeren Laufzeit die Rede.

Nach Ansicht mancher Politiker wurde bei der Investorensuche von Anfang an der falsche Weg beschritten. ÖPP (auf Englisch PPP) habe sich bereits bei zahlreichen anderen Investitionsprojekten als der falsche Weg erwiesen. Letztlich habe die öffentliche Hand mehr bezahlt als bei einer Realisierung in Eigenregie. Zudem würden mit dem Verfahren demokratische Rechte des Parlaments ausgehebelt, das erst sehr spät in den Entscheidungsprozess eingebunden werde. Falsch sei außerdem die frühzeitige Festlegung auf einen Höchstzuschuss von 600 000 Euro pro Jahr gewesen.

»Viel Geld für null Ergebnis«

Zu all diesen Zahlen und Kommentaren schweigt die Rathausspitze. Bürgermeister Häuser macht zurzeit Urlaub, Erste Stadträtin Brigitta Nell-Düvel hält sich an das »Stillhalteabkommen«. Sie war auf WZ-Anfrage nicht einmal bereit, die Informationen zu bestätigen oder zu dementieren. Ebenfalls keine Auskunft gibt es zu der Summe, die das ÖPP-Verfahren verschlungen hat. »Zurzeit wird der Haushalt 2015 vorbereitet. In der Sommerpause sind wir nicht in der Lage, diese Zahlen zusammenzustellen«, meinte die Erste Stadträtin. Kritiker gehen von einem sechsstelligen Betrag für Gutachten von Planern und Juristen sowie vor allem für die jahrelange Beratungstätigkeit des Projektsteuerers WSP aus, der auch bei der Investorensuche eine wesentliche Rolle spielte. »Das hat alles viel Geld gekostet, und das Ergebnis ist gleich null«, kritisierte ein Gesprächspartner.

Sollte es bei diesem Verhandlungsergebnis bleiben, stellen sich ganz neue Fragen. In der Vergangenheit hatte Bürgermeister Häuser die Möglichkeit der Sanierung der alten Therme stets als unerwünscht bezeichnet. Erst zuletzt hatte er erklärt, ein »Plan B« sei immer erforderlich, wenn auch ohne Detailplanung. Wie viel eine Instandsetzung kosten würde, ist vom Aufwand abhängig, der betrieben wird. Ein Ingenieur, der auf dem Gebiet der Bäderplanung tätig ist, nannte kürzlich den Mindestbetrag von 7 Millionen Euro. Einem Informanten zufolge wird im Rathaus von 10 Millionen ausgegangen. Völlig unklar ist, wie eine Stadt ohne Geld, deren Haushalt 2014 nach wie vor nicht genehmigt ist, diese Summe aufbringen soll. Gedankenspiele von Politikern sehen die Möglichkeit, die Therme den Stadtwerken zu übereignen. Problem: Bislang führen die Stadtwerke ihre Gewinne jedes Jahr an den städtischen Haushalt ab. Würde sich der stadteigene Betrieb die Therme aufhalsen, würden sehr wahrscheinlich keine Gewinne mehr anfallen.

Die neuste Entwicklung bezüglich des Neubaus dürfte Wasser auf die Mühlen der Therme-Stammgäste sein, die das alte Bad unbedingt erhalten wollen (die WZ berichtete). »Der Zeitungsartikel ist auf wahnsinnig großes Interesse gestoßen. Unsere Position wird von sehr vielen Bürgern unterstützt«, berichtete Gisela Steller, eine der engagierten Bad Nauheimer, die eine Bürgerinitiative gründen möchten. Demnächst sollen in zahlreichen Geschäften Unterschriftenlisten ausgelegt werden.

Für Kurstadt-Status nicht nötig?

Auch wenn die Neubaupläne zu kippen scheinen, sollten die regelmäßigen Besucher des Thermalbads ihre Aktivitäten vielleicht noch nicht einstellen, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen. Hinter vorgehaltener Hand wird in Politikerkreisen nämlich über Variante Nummer drei gesprochen: Schließung der Therme. Für die klamme Stadt wäre das die günstigste Lösung, ein Schwimmbad als Zuschussbetrieb halten manche für Belastung genug, zumal nur etwa ein Viertel der Thermalbadbesucher aus Bad Nauheim komme.

Ein wesentliches Argument, was bislang immer für den Erhalt gesprochen hat, scheint plötzlich nicht mehr zu ziehen. Ohne das Thermalbad verliere Bad Nauheim den Kurstadt-Status, hieß es bisher. Jetzt wird
anders argumentiert: Die Stadt benötige lediglich ein Kurmittelangebot unter Einbeziehung von Sole. Darunter könnten etwa Wannenbäder im Sprudelhof verstanden werden.

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