23. August 2016, 18:43 Uhr

Wo sich Stadt und Land begegnen

Bad Vilbel (pe). Die ganze Region scheint auf den Beinen. Aus der Wetterau, aus Frankfurt, der Rhön und dem Vogelsberg sind Züchter und Tiere gekommen. Und die Zuschauer ebenso, denn die 61. Bezirkstierschau anlässlich des Bad Vilbeler Marktes verzeichnet einen regelrechten Besucherrekord.
23. August 2016, 18:43 Uhr
Diese sechs Nachwuchszüchter machen beim Kälberwettbewerb mit. (Foto: Holger Pegelow)

Auf der einen Seite riecht es nach Mist, auf der anderen weht einem der strenge Geruch von Ziegen entgegen. Der Deutschen Holstein-Kuh läuft der Speichel aus dem Maul, und das Jersey-Rind im Führring hebt den Schwanz, um sich kurz darauf mitten auf dem Rasen zu erleichtern. Nein, wer sich ekelt, hat auf der Tierprämienschau nichts verloren. Aber allzu viele Menschen scheinen es nicht zu sein, die dem Top-Ereignis anlässlich des Bad Vilbeler Marktes ferngeblieben sind. Im Gegenteil: Es sind nicht nur wahre Massen aus nah und fern gekommen, sondern die meisten Besucher trauen sich sogar ganz dicht ran an die Rinder und Kühe, die Schafe, Ziegen, den gewaltigen Schätzbullen und das liegende Mutterschwein, das seine acht Jungen an den Zitzen hängen hat.

Und nicht zu vergessen die Pferde. Große und kleine sind in den Gattern zu sehen, die jungen Mädchen sind ganz verrückt danach. Erst ganz vorsichtig, dann, als das Pony still hält, traut sich die kleine Janina näher dran und mag mit dem Streicheln gar nicht mehr aufhören. Respektvoll bleibt indes der Abstand zum Schätzbullen, einem gewaltigen Tier, das Christoph Gries aus Laubach mit nach Bad Vilbel gebracht hat. 1084 Kilo wiegt das hellbeige Monstrum, das einen extra starken Zaun erhalten hat. Den haben die Schwarz- und Rotbunten, die Deutschen Holsteins und das Fleckvieh nicht nötig, obwohl darunter manch kräftiger Geselle ist. Aber an diesem Vormittag genießen sie mit stoischer Ruhe die Aufmerksamkeit der vielen Menschen.

Egal, wen man an diesem Vormittag fragt: Alle mögen die Atmosphäre, mögen das Treffen von Menschen und Tieren aus Stadt und Land. »Ich bin jedes Jahr hier«, sagt Paul Herrmann, der aus Jossgrund gekommen ist. Der Ort ist ländlich geprägt, und seine Eltern haben selber einen Hof. Der Knirps kennt sich aus mit Tieren, das merkt man, als er doch tatsächlich das Gewicht des Schätzbullen bis auf ein Kilo genau getroffen hat. 1085 Kilo hat er auf seine Teilnahmekarte geschrieben. Er darf zum Schluss aus den Händen von Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr einen Gutschein für die Vilbeler Burgfestspiele entgegennehmen. Auch die sind ja bekanntlich eine gute Gelegenheit, mal in die Stadt vor den Toren Frankfurts zu fahren.

Sie wollen nie im Büro sitzen

Heute erfreut sich Paul aber erst mal an den Tieren. Da ist er in bester Gesellschaft, denn auch sechs Nachwuchszüchter sind nach Bad Vilbel gekommen, um ihre Kälber den Richtern zu präsentieren. Dafür haben alle einen Preis erhalten. Für manchen Besucher ist es doch erstaunlich, dass sich der Nachwuchs noch für Landwirtschaft interessiert. Auch angesichts der Tatsache, dass der Beruf anstrengend ist und für viele weniger einbringt als ein Bürojob. »Ich möchte nie im Büro sitzen«, sagt denn auch die 21-jährige Theresa Schäfer. Sie ist mit ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Preisrichterin beim Kälberwettbewerb. Ihre Eltern haben in Dipperz bei Fulda einen großen Milchviehbetrieb mit 130 Tieren. »Morgens um sechs geht es los, und abends sind wir meistens erst nach halb acht fertig«, sagen die beiden. Aber sie sind »mit Leidenschaft bei der Landwirtschaft«. Ohne die könne man einen so schweren Beruf nicht machen. Ob die Familie angesichts sinkender Milchpreise Angst um die Zukunft hat, mögen sie nicht beantworten. Ein Thema sei das schon, »aber wir liefern an eine Molkerei und denken, dass es irgendwann sogar wieder aufwärts geht. Schwankungen hat es schon immer gegeben.«

Gar nicht so optimistisch ist hingegen Achim Lohrey vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Er beobachtet mit Sorge das Sterben der Höfe. Im Jahr 2010 habe es noch 4000 Betriebe in Hessen gegeben, heute seien es 1000 weniger. In der Wetterau seiens es einst 135 Betriebe gewesen, im Jahr 2015 noch 72. Die Zahl der Milchkühe habe aber nur um rund 700 abgenommen. Die Betriebe würden größer, deren Inhaber müssten aber immer mehr Fremdkapital einsetzen. »Und wer in moderne Technik investiert, kommt in wirtschaftliche Schwiergkeiten.« Denn die modernen Melksysteme für Milchkühe kosteten viel Geld.

Das sind indes die einzigen kritischen Worte an diesem Markttag. Ansonsten herrscht eitel Sonnenschein, und das im wahrsten Wortsinn. Und so strömen immer mehr auf den Festplatz, vor allem viele Familien nutzen diesen Dienstag zu einem Ferien-Ausflug auf die Tierschau. »Die Kinder sind immer ganz fasziniert«, sagt eine Mutter. Sie ist mit ihrem Nachwuchs aus Frankfurt gekommen. »Da haben wir die Tiere nur im Zoo. Und man kommt nicht so dicht dran.«

Genau das scheint das längst gelüftete
Geheimnis dieser Tierschau zu sein. »Diese Verbindung von Stadt und Land ist wohl einmalig«, erklärt der Bürgermeister. Schließlich kann er für dieses Jahr den
Rekordbesuch von über 5000 Menschen verkünden, die in Dreier- und Viererreihen an den Gattern und Zäunen stehen.

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