08. März 2012, 10:38 Uhr

Im Stillen kämpft Hildegard Nölke für Frauen

Bad Vilbel (khn). Hildegard Nölke könnte am Weltfrauentag öffentlichkeitswirksam Forderungen formulieren und provokante Thesen aufstellen. Aufmerksamkeit und Schlagzeilen wären ihr damit sicher. Aber so ist die 72-Jährige nicht. Die ehrenamtliche Frauenbeauftragte der Stadt ist eine Pragmatikerin. Dogmen sind ihr fremd.
08. März 2012, 10:38 Uhr
Hildegard Nölke ist keine Lautsprecherin. Im Stillen arbeitet sie und berät Frauen in allen Lebenssituationen. (Foto: Al-Khanak)

»Ich werde am Weltfrauentag nicht auf die Straße gehen«, sagt sie und nippt an ihrer Tasse mit schwarzem Tee. »Ich agiere im Privaten und will so Hilfestellungen geben.« Es ist eine Hilfe im Verborgenen, vertraulich und einfühlsam. Sie ist deswegen aber nicht weniger wichtig.

Hildegard Nölke empfängt in ihrem Haus auf dem Niederberg. Gemütlich ist es bei ihr, aufgeräumt. Es dominieren Erd-Farben: braun, beige. Große Fenster geben die Aussicht frei auf einen kleinen Garten. Auf einem Tisch hat sie mehrere Ordner, Flyer und Papiere sortiert – nebeneinander. Unter einem Stapel findet sich dort ein Krimi: »Wer Wind sät« von Nele Neuhaus. Nölke bietet Kaffee an, sie selbst bleibt beim Tee. »Aber deswegen sind Sie doch sicher nicht gekommen«, sagt sie und lächelt. Es ist ein Lächeln, das einnimmt, Vertrauen schafft, Offenheit erzeugt. Das scheint genau die richtige Eigenschaft für einen »Kummerkasten« zu sein, wie sie ihre Arbeit charakterisiert.

Einmal im Monat – immer am ersten Donnerstag von 15.30 bis 17.30 Uhr – ist Nölke im Rathaus zu finden. Seit knapp fünf Jahren. Dann hält sie als Frauenbeauftragte ihre Sprechstunde. Sie berät aber nicht nur während den Sprechzeiten. Einmal in der Woche kontrolliert sie den E-Mail-Eingang, regelmäßig hört sie ihre Mailbox ab. »Was mich fasziniert«, sagt sie und macht eine kurze Pause, »nicht nur Vilbelerinnen wenden sich an mich. Auch von außerhalb kommen Anfragen.«

Oft geht es ums Finanzielle – vor allem nach Trennungen. Auch die Kinderbetreuung sei ein Thema. »Manche fragen einfach, ob es eine Frauensauna in der Stadt gibt«, sagt Nölke und grinst. Solche Anfragen erleichtern ihr ihre Arbeit. Denn oft genug muss sie schlucken, wenn sich Frauen ihr öffnen. Beispielsweise, wenn Ältere über die Pflegesituation klagen oder von ihren Kindern nicht mehr beachtet werden. Nölke könnte klagen, schimpfen, mahnen. Aber sie sagt nur: »Manches ist sehr persönlich und bedrückend.« Alles, was ihr Frauen in der Sprechstunde erzählen, ist vertraulich. Das soll so bleiben. »Bis sie zu mir kommen, waren sie schon bei allen anderen Institutionen«, sagt sie. »Ich bin für viele die letzte Anlaufstelle.«

Nölke ist Vorsitzende des Deutschen Frauenrings und saß bis vor einem Jahr im Stadtparlament für die CDU – erst als Stadtverordnete, später als Magistratsmitglied. »In Bad Vilbel sind Frauen immer gefördert worden«, sagt sie. Es habe stets einen hohen Anteil an weiblichen Stadtverordneten gegeben. Heute sei das nicht anders, betont sie und zählt auf: »Hannelore Rabl ist bei den Grünen, Irene Utter bei der CDU Fraktionsvorsitzende, Heike-Freund-Hahn ist Sozialdezernentin und Gesine Wambach Sozialamtsleiterin.«

In der Privatwirtschaft jedoch, da hake es, glaubt Nölke. Das liege aber nicht unbedingt an Männern, die Frauen bei der Karriere Steine in den Weg legten. »Jeder kann heute etwas werden, wenn er es nur will«, betont sie. Wer eine Führungsposition bekleiden wolle, müsse Zeit aufwenden. Dazu seien viele Frauen nicht bereit, sagt Nölke. »Es ist doch sehr schwer, Kinder, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.« An einem mangelnden Betreuungsangebot liege das aber nicht. »Das ist viel besser als früher«, sagt Nölke.

Lösungen für dieses Dilemma hat sie nicht parat. Unzufrieden ist sie deswegen aber noch lange nicht. »Die Ziele, die der Frauentag hat, also die politische Bildung von Frauen, der Kampf um Gleichberechtigung, die haben wir hier erreicht.« Ziel müsse sein, diese Errungenschaften beizubehalten. Ob dazu auch eine Frauenquote beitragen könne? Nölke schüttelt leicht mit dem Kopf. »Es wäre für mich diskriminierend, wenn Frauen einen Posten nicht wegen ihrer Qualifikation, sondern nur wegen ihres Geschlechtes angeboten bekommen würden.«

Die 72-Jährige wirkt gelassen, wenn man mit ihr über das Thema Gleichberechtigung spricht. Sie sei zufrieden mit dem Erreichten, sagt sie immer wieder, und stelle keine Forderungen, die Luftschlösser glichen. Es macht sie stolz, dass ihre Töchter nach der Geburt ihrer Enkelkinder »selbstverständlich« in ihrem Beruf geblieben sind. »Das gab es früher nicht«, sagt sie. Sowieso habe es in ihrer Familie keine Unterdrückung von Frauen gegeben. »Meine Großmutter leitete 1868 eine kleine Poststelle«, sagt sie und lächelt.

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