02. Juli 2013, 21:18 Uhr

Mehrjährige Haftstrafen für Bahnhofsschläger

Bad Vilbel (cf). Mit der überraschenden Urteilsverkündung endete bereits am fünften Prozesstag vor der Jugendstrafkammer am Landgericht Frankfurt die Verhandlung im Fall des am Bad Vilbeler Nordbahnhof überfallenen Schulhausmeisters Arno K. (43).
02. Juli 2013, 21:18 Uhr
In Gerichtsgebäude E ist das Urteil gegen die Schläger gesprochen worden. (cf)

Vorsitzender Richter Uwe Steitz verkündete das mit den beiden beisitzenden Richterinnen und den zwei Schöffen abgestimmte
Urteil. Die Angeklagten Ilja T. (21) aus Bad Vilbel und Markus M. (22) aus Bad Nauheim wurden wegen »versuchten Mordes mit bedingtem Tötungsvorsatz, gefährlicher Körperverletzung und besonders schweren Raubes« schuldig gesprochen und müssen mehrere Jahre in Haft. Das Landgericht wandte für die Angeklagten das Jugendstrafrecht an, weil sie nach den Worten des Vorsitzenden über »viele Reifedefizite verfügen, aber auch schädliche Neigungen vorhanden sind und die Schwere der Schuld gegeben ist. Die Brutalität der Tatausführung, die sich durch die Verletzungen zeigte, zeugt bei beiden Angeklagten von einer großen Empathielosigkeit«.

Im Gegensatz zu den Verteidigern gingen die Richter von einem bedingten Tötungsvorsatz bei den Angeklagten aus. Wer seinen bereits bewusstlos am Boden liegenden Kontrahenten mit solcher Wucht trete und schlage, nehme den Tod des Opfers zumindest billigend in Kauf, hieß es in der Urteilsbegründung. Als Mordmerkmal nannte das Gericht die Habgier der Täter. Die Höhe der Strafe bemesse sich am Erziehungsbedarf. Das Landgericht verurteilte Ilja T. auf dem Papier zu sieben Jahre Jugendstrafe und einer Therapie von zwei Jahren. Bei guter Führung könnte er nach dem Verbüßen von 1,6 Jahren im Vorwegvollzug (= Haftanstalt) eine zweijährige Therapie antreten und dann bei guter Führung entlassen werden. Das bedeutet, dass Ilja T. nach frühestens dreieinhalb Jahren wieder auf freiem Fuß ist.

Markus M. lehnt Therapie ab

Im Gegensatz zu seinem Komplizen Markus M., der zuvor die Frage des Richters verneinte, ob er eine Therapie befürworten werde. Markus M. wurde zu sieben Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Er kann frühestens nach dem Verbüßen von zwei Dritteln seiner Strafe aus der Haft auf Bewährung entlassen werden.

Im Strafmaß hielt sich die Jugendstrafkammer an die Vorgaben der Staatsanwältin. Gegen das Urteil können die beiden Angeklagten Berufung einlegen.

Wie die WZ berichtete, hatte das Duo Arno K. am 11. Oktober 2012 am Nordbahnhof in Bad Vilbel mit Schlägen und Tritten ins Gesicht, auf den Kopf und in die Wirbelsäule so schwer verletzt, dass ihn die Ärzte in der Frankfurter Uni-Klinik in ein künstliches Koma versetzten. Das Opfer erlitt ein Polytrauma, alle Gesichtsknochen bis auf den Unterkiefer waren gebrochen und zertrümmert, er erlitt eine Kehlkopffraktur, hätte an seinem Blut oder Mageninhalt ersticken können. Das Überleben des Opfers sei Glück, waren sich die behandelnden Ärzte und Gutachter einig.

Wie die Staatsanwältin ausführte, prasselten die Schläge und Tritte auf den Kopf und das Gesicht des Opfers aus horizontaler und vertikaler Richtung »wie bei einem Fußballspiel« nieder. Der nach Beurteilung des Gutachters Ralf Wolf, dem ärztlichen Direktor der Vitos Klinik forensische Psychiatrie Hadamar, schwer alkohol- und drogenabhängige Markus M., verfügt über Kampfsport-
erfahrung als Kick- und Thai-Boxer. Zudem habe er aufgrund seines Vorstrafenregisters gewusst, wie er im Kampf Wirkung erzielen konnte. »Gewalt ist für Markus M. auch im nüchternen Zustand alltäglich. Er benötigt keinen Rausch für Aggressionshandlungen«, sagte Gutachter Wolf.

Markus M., der durchschnittlich intelligent sei, lernte von klein auf, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Am Tattag habe er seine zweite Abmahnung vom Bbw Südhessen erhalten. Der Gutachter bescheinigt ihm und seinem Komplizen beim Überfall und der Gewaltanwendung folgerichtiges Verhalten mit Sicherungsstrategien (Überzug einer Maske oder Kapuze) und Maßnahmenvorbereitung. Es habe sich aus seiner Sicht um keine affektive Situation gehandelt. Trotz des Alkohols- und Drogenkonsums sei von der Schuldfähigkeit der beiden Angeklagten auszugehen. Es konnten keine neurologischen, hirnorganischen oder anderen Beeinträchtigungen bei dem gemeinschaftlich handelnden Duo festgestellt werden.

Alle Zeugen sind nach Ansicht des Richters und der Staatsanwaltschaft glaubwürdig. Das Opfer wird als friedfertiger Mensch beurteilt. Der Vorsitzende Richter wie auch zuvor die Staatsanwältin und die Gutachter bezweifelten Teile des Geständnisses der beiden Angeklagten zum Tatablauf. Der Anwalt des Geschädigten aus Ortenberg, der Friedberger Fachanwalt für Strafrecht, Axel Weber, hatte dem Gericht vor dem Urteil und Plädoyer der Verteidiger noch einmal eindringlich das Leid seines Mandanten.

Neben seinen intensiven körperlichen
Verletzungen prognostizierten ihm die als Zeugin vernommene Neurologin aus Bad Salzhausen und die Unfallärztin aus Frankfurt, dass möglicherweise Trauma, Panik und Angstzustände als Folge der Verletzungen noch auftreten können. Über der bleibenden Narbe am Gehirn von Arno K. seien Ausfälle der Hirnbereiche möglich. Der Geschädigte erkannte nach dem Aufwachen aus dem
Koma weder seine Mutter noch seine beiden Kinder oder andere Familienangehörige. Er musste alles neu wie ein Kleinkind erlernen. Dazu gehörten Sprache, Hygiene, Essen und viele andere alltägliche Dinge.

Zu den Angeklagten sagte Anwalt Weber: »Sieht man sich ihr Bundeszentralregister an, dann fragt man sich: Haben sie denn bis heute überhaupt etwas verstanden?«

Der Angeklagte Ilja T. stand zum Tatzeitpunkt unter Bewährung, Markus M. unter unbefristeter Vorbewährung.

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