18. November 2019, 20:07 Uhr

570 Mal zum Frieden gemahnt

18. November 2019, 20:07 Uhr
Vorname, Nachname, Alter - Insgesamt sind 570 Namen von im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten, getöteten Zivilisten und ermordeten Juden auf dem Gedenkstein am neuen Friedenswald notiert. (Foto: jsl)

Noch sind die gepflanzten Bäume Bäumchen. An den dünnen Stämmen hängen noch ein paar verwelkte Blätter. Jede Buche steht für einen toten Menschen. 570 sind es. Das ist die Summe aller gefallenen Soldaten, Zivilisten und ermordeten Juden aus Karben. Am Volkstrauertag ist zum Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren der Friedenswald eingeweiht worden. Gegenüber der Gemeinschaftsobstanlage in Klein-Karben, an der Büdesheimer Straße, ist diese zentrale Erinnerungsstätte entstanden.

Bis zum Jahr 2025 soll dort ein stattlicher Wald entstehen. Dann jährt sich die Niederlage Nazi-Deutschlands zum 80. Mal. Die Wege sind zum Teil schon vorhanden, ebenso wie die Gedenktafel mit den Namen der Toten. Die Anlage wird mit ihren Bäumen in die Zukunft wachsen. So haben es die Planer, die aus mehreren städtischen Vereinen und Organisationen kamen, vorgesehen.

Initiator Stephan Kuger von der evangelischen Kirchengemeinde Rendel sprach vor zahlreichen Zuschauern von »570 Bäumen, die zum Frieden mahnen und eine lebendige Erinnerung sein sollen«. Bis 2025 und darüber hinaus werde der Friedenswald weiter wachsen und vielleicht helfen, die Distanz des Unfassbaren zu überwinden. »Wäret allen Anfängen des Krieges«, mahnte Kuger. Bürgermeister Guido Rahn erklärte, warum dieses zentrale Projekt für Karben so wichtig ist. »Wir wollten kein in Stein gemeißeltes Denkmal, sondern etwas Lebendiges. Das Thema Krieg ist immer aktuell, deswegen ist das Gedenken auch so wichtig.«

Name des Vaters gesucht

Pfarrer Werner Giesler erzählte die Geschichte einer Klein-Kärber Familie. Die Schneiders waren von alters her Landwirte. Auch während des Dritten Reiches bearbeiteten Großvater, Sohn und Enkel die Felder. Mit zunehmender Dauer des Krieges wurden immer mehr Männer über 35 Jahre eingezogen. Unter ihnen war auch Karl Philipp Schneider. Seinen 64-jährigen Vater Philip Michael Schneider trieb das in die Verzweiflung, war sein Sohn doch der Hoferbe. Er sah nur eine Lösung: Um seinen Sohn vor dem Kriegsdienst zu bewahren und den Fortbestand des Hofes zu sichern, musste er ihn zum Alleinbesitzer machen. Und so nahm sich der alte Schneider selbst das Leben. Die Wahnsinnstat hatte Erfolg. Doch fiel sein Enkel Walter Schneider am 9. September 1941 mit 21 Jahren bei Charkow in der Ukraine. Aufgeschrieben hat diese Geschichte Karla Eberhard.

Viele Familien verloren mehrere Angehörige. Menschen, die im höheren Alter oder als Kinder starben, gehörten meistens zu den deportierten Juden; junge Männer um die 20 starben als Wehrmachtssoldaten. Zehn Schüler der Kurt-Schumacher-Schule lasen alle 570 Namen.

Elisabeth Hauza geb. Koch suchte unter den Namen den ihres Vaters. Er sei am 24. Januar 1945 im Elsass gefallen. »In Niederbronn liegt er auf dem Soldatenfriedhof«, erzählte sie. »Dort war er bei einer Familie im Quartier, zu der ich noch heute Kontakt habe. Die Tochter besuche ich mehrmals im Jahr. Sie ist jetzt 90 Jahre alt.« An ihren Vater könne sie sich kaum noch erinnern - nur an seine Stiefel und an den Ausruf der Mutter: »Papa ist da«, als er einmal auf Urlaub heimgekommen ist. »Ich war erst fünf, als er fiel.«

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