31. Juli 2019, 21:08 Uhr

Als das Handy noch eine Axt war

Die Zeit der Ritter, Burgfräuleins und Wikinger fasziniert. Im Bad Vilbeler Mittelalterverein »Historica Velwila« wird das Leben, wie es vom 8. bis zum 10. Jahrhundert war, wieder spürbar. Gemeinsam lagern die Vereinsmitglieder auf Mittelaltermärkten und leben dabei ausschließlich mit altertümlichen Mitteln. Langweilig wird das nie.
31. Juli 2019, 21:08 Uhr

Männer und Frauen sitzen um ein Feuer, auf dem ein großer Kessel steht. Es wird gelacht und gescherzt, doch etwas ist anders. Ihre Kleidung ist aus Leinen und kommt nicht vom Discounter, sondern ist handgemacht. Statt Messer und Gabel aus Metall benutzen sie einen selbst geschnitzten Holzlöffel. Zum Schlafen geht es nicht in den Wohnwagen, sondern in das Zelt aus Leinen. Wenn der Mittelalterverein »Historica Velwila« lagert, dann ist man in einer anderen Zeit.

»Eigentlich war es Zufall«, erinnert sich die Vorsitzende Katja Kropp heute zurück. Denn als sie vor zwölf Jahren gemeinsam mit ihrer Familie den Mittelaltermarkt auf der Ronneburg besuchte, war die Gründung eines eigenen Vereins kein Thema. Doch es kam, wie es der Zufall wollte: »Ich entdeckte ein schönes Kleid. Doch um es einmal im Jahr zu tragen, das lohnte sich ja gar nicht«, sagt Kropp und lacht. Von ihr ausgehend, breitete sich das »Mittelalterfieber« über den gesamten Freundeskreis aus, bis alle eine mittelalterliche Gewandung hatten. Und die wollte natürlich auch benutzt werden.

»Ritter und das Mittelalter waren für uns als Familie schon immer ein verbindendes Element, es ist etwas, was uns alle fasziniert hat«, sagt Kropp. Doch durch die Gründung des Vereins im Sommer 2007 nahm es eine neue Form an: Gemeinsam lagert der Verein auf Mittelaltermärkten in Kleidung und in Zelten, die es damals im Mittelalter gab. Gekocht werden mittelalterliche Gerichte, unterhalten wird durch Bogenschießen, Handwerk und Musik - und das Smartphone bleibt aus.

»Das Lagern ist für uns etwas ganz Besonderes«, erklärt Kropp. »Für mich ist es ein riesiges Stück Freiheit und wie ein Kurzurlaub.« Dass das Handy aus bleibt, ist für die Vereinsleute etwas Tolles. »Heutzutage ist das Leben sehr schnell. Ständig muss man erreichbar sein. Sich keinen Stress wegen ständiger Erreichbarkeit zu machen, das ist ungeheuer befreiend!«

Der Verein hat zwar seinen Schwerpunkt auf dem frühen Mittelalter vom 8. bis zum 10. Jahrhundert, der Wikingerzeit, doch Einschränkungen macht der Verein nicht. »Manche Vereine spezialisieren sich auf eine Epoche und wenn die Kleidung nicht passt, kann man nicht mitmachen«, sagt Kropp. »Das ist bei uns nicht so. Wir haben alle genug Stress im Job, da braucht man das nicht auch noch im Hobby.«

Der Verein macht am liebsten alles selbst. »Jeder kann etwas anderes, und so ergänzt man sich gut«, weiß Kropp. In den zwölf Jahren hat sich eine erstaunliche Anzahl an Gegenständen angesammelt, die selbst hergestellt wurden. Von Messern über Truhen, Kettenhemden und Schilden bis hin zu Glasperlen: Man hilft sich gegenseitig und orientiert sich an Funden aus der Vergangenheit.

Doch auf die Errungenschaften der Neuzeit kann man natürlich nicht ganz verzichten. »Selbstverständlich gibt es heute vieles im Internet, und diese Möglichkeit nutzen wir natürlich«, sagt die Vorsitzende. »Doch der Austausch findet auch so statt. Wenn wir auf einem Lager sind, entdeckt man immer wieder neue Dinge. Dann fragt man eben nach: Hey, wie habt ihr das hergestellt, wie können wir das selbst machen?«

Wenn gekocht wird, packen alle mit an. »Die Rollenverteilung ist ganz klar«, erklärt Kropp. Während zwei Leute sich um den großen Kessel kümmern, in dem alles zubereitet wird, ist der Rest fürs Schnippeln eingespannt. »Wir kochen nach mittelalterlichen Rezepten, doch es ist eher fürstlich«, sagt Kropp. »Die normalen Leute würzten kaum, es gab Suppe oder Brei. Bei uns gibt es schon mal Hühnchen, aber kein Wild, denn das war schließlich dem König vorbehalten.«

Vor allem aber wird es beim Lagern nie langweilig. »Viele unserer Mitglieder haben die ganze Familie dabei, je nachdem wie alt die Kinder sind, beschäftigen sie sich selbst und erkunden den Markt« sagt Kropp. »Wir kehren zwar immer wieder zu unseren Zelten zurück, doch alles ist offen und jeder ist gerne willkommen. Das schätze ich an den Märkten: Es herrscht eine ungeheure Freiheit. Es macht einfach viel Spaß!«

Wer die Vereinsmitglieder kennenlernen möchte, hat am Samstag und Sonntag, 3. und 4. August, die Gelegenheit. Dann lagert der Verein bei der Oberurseler Feyerey auf den Wiesen am Bachpfädchen in Oberursel.

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