01. Mai 2019, 12:00 Uhr

Experten kommen

Bad Vilbeler CDU-Politiker will Debatte um Baumfällungen versachlichen

Seit im Frühjahr die ersten Bäume für einen Radweg am Bad Vilbeler Niddaufer fallen mussten, regt sich Widerstand. Der CDU-Politiker Jens Völker will diesem Streit nun mit einer Infokampagne begegnen.
01. Mai 2019, 12:00 Uhr
Dort hinten am Ufer hätte Gottfried Lehr (r.) gerne eine Trauerweide gepflanzt. Dass das nicht möglich ist, hat rein juristische Gründe. Über solche und weitere Hintergründe will er am Dienstag im Umweltausschuss von Jens Völker (l.) berichten. (Fotos: Rinkart/pv)

Jens Völker (CDU) hat schon einige Jahre Bad Vilbeler Stadtpolitik auf dem Buckel. Seit 2006 sitzt er im Stadtparlament, aktuell ist er Vorsitzender der Planungs-, Bau- und Umweltausschusses und kann auf etliche Themen zurückblicken, die für Streit sorgten. Doch die Diskussion, die seit einigen Monaten auf den Straßen der Quellenstadt geführt wird, übertreffe alles: Fällt die Stadt zu viele Bäume ohne Grund?

»Seit 2006 habe ich noch nie so viele Emotionen zu einem Thema erlebt«, betont Völker. Höhepunkt sei der Vortrag von Ronald Agel, Fachdienstleiter für Park- und Gartenanlagen, in der jüngsten Ausschusssitzung gewesen. 30 Bürger besuchten den sonst so ruhigen Ausschuss, die Emotionen kochten hoch, die Fronten waren verhärtet.

Das will Völker nun ändern. »Wir müssen jetzt reagieren, wir brauchen mehr Transparenz und müssen die Bürger mitnehmen«, ist sein Credo. »Wenn wir informieren, kann sich keiner mehr echauffieren.« Denn längst haben die Bürger deutlich gemacht, dass sie mit einbezogen werden wollen in die Frage, wie Plätze, Straßen und Parkanlagen in der Stadt begrünt sein sollen. Mit den »Gelbwespen« hat sich schnell eine Bürgerinitiative gegründet und sorgt nicht nur auf Facebook für anhaltendes Misstrauen gegen die Stadt, wenn irgendwo ein Baum gefällt wird.

 

Fünf Experten im Ausschuss

»Die Baustellen in Bad Vilbel präsentiert das Stadtmarketing gerne mit Führungen, so etwas sollten wir auch für Bäume machen«, hat sich Völker überlegt und als Vorsitzender des Umweltausschusses eine kleine Ringvorlesung ins Leben gerufen. In jeder Sitzung diesen Jahres soll ein anderer Experte einen Vortrag rund um das Thema Stadtbegrünung halten. Dadurch sollen sowohl die Bürger als auch die Stadtpolitiker umfassend informiert, die Debatte versachlicht und schlussendlich die Gemüter beruhigt werden.

Fünf Experten werden daher in den übrigen Ausschusssitzungen des Jahres zu Wort kommen. Den Beginn macht am Dienstag Gewässerökologe Gottfried Lehr. Er spricht über die Nidda. Denn auch die Bäume an deren Ufer wurden immer wieder Thema in den Diskussionen. Lehr musste in seinem Leben schon etliche Bäume fällen lassen, doch stehts für ein größeres Ziel: die Renaturierung der Nidda.

Denn oftmals gebe es Zusammenhänge, die vielen nicht bekannt seien: »Bäume auf der Uferböschung sind nur Alibi-Aktionen, weil sie dem Fluss nichts bringen«, erklärt Lehr. Die Bäume gehörten ans Ufer, um dem Wasser Schatten zu spenden. In den kleinen Buchten nahe der Neuen Mitte hätte er somit gerne die ein oder andere Trauerweide gepflanzt: »Das geht allerdings auch nicht«, betont der Experte. Da die Nidda im Innenstadtbereich viel zu schmal sei, gelte die gesetzliche Vorgabe. »Der Hochwasserschutz darf auf keinen Fall verschlechtert werden.« Bei jeder Baumaßnahme müssten daher hydraulische Berechnungen durchgeführt werden. Bäume am Ufer könnten bei einem Hochwasser den Wasserdurchfluss nämlich hindern und so zum Problem werden. Oftmals seien sie daher schlicht nicht erlaubt.

 

Vortragsreihe geplant

Am Dienstag will Lehr im Ausschuss Antworten liefern und Hintergründe erklären. Und auch um Verständnis werben: »Obwohl man was ökologisch wertvolles macht, muss man manchmal Bäume fällen, das müssen die Menschen verstehen.«

Peter Menke
Peter Menke

Im Juni spricht mit Peter Menke von der Stiftung Grüne Stadt ein weitgereister Experte. Er habe schon vor der CDU im Bundestag und der SPD im Landtag gesprochen, lobt Völker. Im Ausschuss werde Menke die Bedeutung von grüner Infrastruktur für die Städte vorstellen. Nach seiner Erfahrung sind Grünflächen vor allem in Zeiten des Klimawandels von enormer Bedeutung. Jedoch sei immer auch zu bedenken, dass der urbane Raum alles andere als der natürliche Lebensraum für Bäume und Pflanzen ist – es komme also sehr darauf an, die richtigen Pflanzen für die richtige Stelle zu finden, die dann in Verantwortung der Kommune gepflanzt, gepflegt und erhalten werden kann, so Menke.

Nach der Sommerpause führt Förster Helmut Link die Vortragsreihe im September fort. Er blickt in den Bad Vilbeler Wald und wagt Prognosen in die Zukunft: Wie wird sich der Wald in den nächsten 30 Jahren verändern? Welche Bäume haben eine Zukunft? Welche Bäume werden dem Klimawandel zum Opfer fallen? Denn Förster Link erlebt schon jetzt die Folgen der Erderwärmung im Wald und muss regelmäßig kranke Bäume fällen. Was vielen Spaziergängern wie ein Affront erscheint, ist für ihn unausweichlich. Für dieses Dilemma will er bei seinem Vortrag sensibilisieren.

 

Sitzung am 7. Mai

Im November wird sich Diplom Forstwirt Mark Pommnitz vom Nauheimer Sachverständigenbüro Leitsch, erneut der Innenstadt widmen. »Welche Bäume sind die Bäume der Zukunft?« ist seine zentrale Frage. Zu der Herausforderung wie Bäume im Stadtbild integriert werden können, wird er sowohl Mindestanforderungen als auch Premium-Lösungen vorstellen. Denn Pomnitzt betont: »Machbar ist alles, es ist nur eine Frage des Aufwands, des Willens und des Geldes.«

Den Abschluss macht im Dezember Waldemar Tiedemann aus Altenstadt mit einem Leckerbissen für Umweltfreunde: »Unkrautvernichtung ohne Gift« ist seine Expertise. Dann, so hofft Jens Völker, sind alle Fragen beantwortet und die Bürger können Fällungen in der Stadt einordnen. Denn es gehe darum Vertrauen zurück zugewinnen. Das weiß auch Lehr: »Die Leute sind sauer, die Fällungen haben großen Schaden gerissen.«

Der Planungs-, Bau-, und Umweltausschuss kommt am 7. Mai um 19 Uhr im Sitzungssaal im Rathaus zusammen. Bürger haben in Ausschüssen prinzipiell kein Rederecht, sind dennoch eingeladen, dem Vortrag von Gottfried Lehr beizuwohnen.

Meinung

Mit Mut zur Erkenntnis

Wir leben in unruhigen Zeiten. Zeiten, in denen man mit lautem Protest meist mehr Mitstreiter findet als mit ruhigen Worten. Das Vorhaben Jens Völkers, mit Informationen die Debatte versachlichen zu wollen, zielt da in genau die richtige Richtung. Das Unangenehme am Lernen kann jedoch sein, dass das alte Weltbild durch neue Informationen ins Wanken gerät. Die Protestler der »Gelbwespen« werden eventuell einsehen müssen, dass die Stadt kein böses Spiel spielt, sondern für die meisten Fällungen gute Gründe hat. Die Stadt wird eventuell erfahren müssen, dass man doch mehr begrünen kann als bisher gedacht. Dann werden erneut die Erwartungen der Bürger und der politische Wille gegeneinander abgewogen werden müssen. Doch dann in ruhigem Ton, ohne Misstrauen und konstruktiv. Die Vortragsreihe im Umweltausschuss ist hochkarätig besetzt und bietet die beste Grundlage dafür. Die Politik hat dann geliefert, und die Bürger müssen nachziehen und beweisen, dass sie mehr Interesse an Lösungen als am Protest haben.

 

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