26. Juli 2019, 05:00 Uhr

Schrebergärtner

Besuch in der grünen Oase

Kleingärten liegen wieder im Trend. Die Wartezeiten für die Parzellen des Bad Vilbeler Kleingärtnervereins sind lang. Warum? Das weiß kaum einer besser als Claus-Peter Rüdiger.
26. Juli 2019, 05:00 Uhr
Die Gartenarbeit macht Claus-Peter Rüdiger Spaß. Seit fast 40 Jahren hat seine Familie eine kleine Parzelle mit Blumenbeet, Kartoffelfeld und der obligatorischen Hütte gepachtet. Als Umweltbeauftragter des Kleingärtnervereins geht er mit gutem Vorbild voran und verzichtet auf künstlichen Dünger. (Foto: Gottschalk)

M it der Schaufel drückt Claus-Peter Rüdiger das Gestrüpp zur Seite. Ein kleines Loch kommt im Beet zum Vorschein. »Das haben die Wühlmäuse hinterlassen«, sagt der 77-Jährige dann. »Die sind dieses Jahr ein Problem.« Von unten haben die Nager an seinen Kartoffeln gezogen und schwupps, waren die Knollen samt Auswüchsen im Boden verschwunden.

Dagegen könne man kaum etwas machen, ohne auch die Maulwürfe zu treffen, erzählt Rüdiger mit wehleidigem Lächeln. Die meisten Lücken hat er wieder zugeschüttet. Jetzt hofft er, dass bis zur Ernte nichts mehr schiefgeht. Es wäre schade um die Früchte seiner Arbeit, die er so mühsam hochgezogen hat. Aber andererseits: Nach beinahe 40 Jahren als Kleingärtner ist man irgendwann abgehärtet.

Seit 1980 gehört dem Vilbeler eine von 20 Parzellen am Lindenweg, gleich an den Streuobstwiesen. Wer durch das eiserne Tor und unter dem ersten Rosenbogen hindurchgeht, steht in dem Idyll, das der ehemalige Fernsprechtechniker mit seiner Frau hegt und pflegt. Sie kümmert sich um die Blumen, er sich ums Grobe. Gemeinsam haben sie Bohnen, Zucchini, Paprika und Kürbisse angebaut. Einen alten Pfirsichbaum gibt es auch. Und natürlich die Kartoffeln.

Alle Parzellen belegt

»Wir züchten alles für den Eigenverbrauch«, sagt der Kernstädter, der nur einige Hundert Schritte entfernt wohnt. Wenn’s gut läuft, bekomme nicht nur die Familie was ab, sondern auch die Nachbarn. Zwei erwachsene Töchter haben Rüdigers, die seit mehr als 50 Jahren verheiratet sind. Die zwei Enkelinnen haben früher schon gern in Opas Schrebergarten getobt. Noch heute wird regelmäßig zusammen gegrillt.

Claus-Peter Rüdiger mag all das, wofür die Kleingärtnerei seit jeher steht: Vogelzwitschern am Morgen, die Ruhe auf den Anlagen, die Nähe zur Natur, den eigenen Anbau wachsen zu sehen. Sein Hobby hat den Ruf der Spießigkeit vielerorts abgeschüttelt. Schrebergärten liegen wieder im Trend. Die Warteliste für eine Parzelle des Bad Vilbeler Kleingärtnervereins sei lang, berichtet der Rentner, der bis vor Kurzem noch dessen zweiter Vorsitzender war.

35 Cent Pacht pro Quadratmeter

Sein Gelände am Lindenweg ist das einzige, das etwas außerhalb der Stadt liegt. Der Großteil der 184 Parzellen des Vereins findet sich am Hainwinkel gegenüber des Ritterweihers. Keine einzige steht leer. 35 Cent pro Quadratmeter kostet die Pacht pro Jahr, im Schnitt kommen so etwas mehr als 100 Euro zusammen. Hinzukommen die Kosten für Wasser und Strom. Ein gutes Dutzend Parzellen wechselt laut Rüdiger pro Jahr den Besitzer. Den alteingesessenen Kleingärtnern falle es oft schwer, ihre grünen Oasen aufzugeben, in die sie teils jahrzehntelang ihr Herzblut gesteckt haben. Selbst wenn der Körper beim Umgraben, Jäten und Säen kaum mehr mitspielt. »Ein Kleingarten bedeutet Arbeit«, betont Rüdiger. »Es gibt immer was zu tun.« Fit halte es ihn, aber er achte darauf, die Arbeit »altersgerecht« zu gestalten. Es solle ja nicht in Stress ausarten. »Ich hoffe, ich schaffe rechtzeitig den Absprung«, sagt er grinsend.

Bereitschaft fürs Vereinsleben schwindet

Bei der neuen Generation Hobbygärtner hat er beobachtet, dass die Bereitschaft, sich im Verein einzubringen, schwinde. Das nagt an ihm. »Die Kameradschaft war schon besser«, sagt er. Den Vorstand zu besetzen, sei nicht mehr so leicht wie einst. Und wo früher Freiwillige Reparaturen am Vereinsgelände stemmten, müssten die Ehrenamtler heute immer öfter Handwerksfirmen rufen.

Einen Paradigmenwechsel sieht er auch in der Gartennutzung. Die Jungen feierten häufiger, manchmal auch lautstärker, als man es auf den Anlagen gewohnt sei. Rasen und Hütte herausputzen? Zweitrangig. »Aber mit einmal in der Woche grillen ist es nicht getan«, mahnt der 77-Jährige. Zweimal im Jahr kontrolliert der Vorstand bei einem Rundgang, ob die Gärten ordentlich aussehen und der Satzung entsprechen.

Der Senior selbst steht jeden zweiten Tag im Beet. Nur wenn es kalt wird, tritt er kürzer. Ein neues Vorstandsamt hat er auch übernommen: Seit Mai ist Rüdiger Umweltbeauftragter. Seine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass in den Schrebergärten keine Pestizide versprüht werden und dass Wildkräuter auch stehen bleiben dürfen, statt als Unkraut in der Tonne zu landen. »Außerdem achte ich darauf, dass kein Dünger verwendet wird, durch den Nitrate in den Boden kommen«, erklärt er. »Hier ist ein Wasserschutzgebiet.« Seine Empfehlung: Abgeschnittene Pflanzenreste kompostieren und untergraben. Im Vergleich zu den anderen Anlagen sei der Boden am Lindenweg weniger sandig und dafür lehmiger. »Der hält die Feuchtigkeit besser und braucht nicht viel Dünger.«

Was bei 38 Grad und anhaltender Trockenheit jede Grünfläche braucht, ist Wässerung: Hier und da mit der Gießkanne, meist komme aber der Schlauch zum Einsatz, erzählt Rüdiger. Dazu lockert er den Boden mit einer Harke auf. So hofft er, die jetzigen Hitzetage genauso gut herumzubekommen wie die Dürre 2018. »Aber man weiß ja nie. Anhaltender Regen ist noch nicht vorhergesagt«, sagt er. Mehr Sorgen bereiten ihm am Ende aber die Wühlmäuse.

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