26. Juli 2019, 21:17 Uhr

Der moderne Müller ist Techniker

Sorgenvoll blickt Mühlen- besitzer Volker Philippi aus Büdesheim auf die Wetterprognose, denn die Ernte für einen Großteil des Getreides steht an. Ist es eine gute Ernte, dann freuen sich nicht nur die Landwirte, sondern auch Volker Philippi. Der Mühlenbesitzer in der sechsten Generation kann dann besser schlafen.
26. Juli 2019, 21:17 Uhr
Firmeninhaber Volker Philippi legt in seiner Mühle in Büdesheim überall Hand an - von der Annahme des Getreides bis hin zum Ausfahren des Mehls. (Fotos: Niehoff)

V olker Philippis Mühle hängt ganz wesentlich von den Ernteerträgen seiner ihn beliefernden Bauern ab. »So ein Jahr wie das vergangene möchte ich so schnell nicht noch einmal erleben. Der viel zu trockene Sommer war für keinen gut, weder für die Natur noch für die Landwirte noch für meinen Betrieb«, berichtet der 57-jährige Büdesheimer Mühlenbesitzer sorgenvoll. Noch ist er recht zufrieden mit dem Wetter, denn die momentane Trockenheit komme dem Getreide zugute. Besser wäre es sicherlich gewesen, wenn es im Juni ein oder zweimal mehr geregnet hätte, aber so sei zumindest mit einem durchschnittlichen Ernteertrag zu rechnen.

Während die Wintergerste fast überall schon geerntet ist, muss Philippi noch etwas warten. »Ich rechne jetzt aber täglich mit den ersten Anlieferungen«, gibt er sich zuversichtlich. Seine jeweils 800 Doppelzentner fassenden Silos sind zwar noch nicht ganz leer, doch in der Mühle stehen bereits alle parat. Das sind der Mühlenbesitzer Volker Philippi, sein 22-jähriger Sohn Pattrick, der seinen Meisterbrief bereits in der Tasche hat und seinem Vater demnächst die Verantwortung für den Betrieb abnehmen will, sowie drei weitere Mitarbeiter. Ursprünglich war die Philippi-Mühle, die seit 1848 von der Familie Philippi geführt wird, eine sogenannte Lohnmühle. Das heißt: Die Bauern brachten ihr Getreide zum Mahlen und holten anschließend das Mehl und die Kleie (Getreideschalen) wieder ab. Das hat Volker Philippi schon vor längerer Zeit mit seinem Vater zusammen geändert. Seither wird das Getreide von den umliegenden Landwirtschaftsbetrieben im Radius von etwa 30 Kilometern gekauft und dann als Mehl weiterverarbeitet an Bäckereien, Konditoreien, Pizzerien oder auch an Lebensmittelgeschäfte veräußert.

Unter Volker Philippi hat außerdem auch der Antrieb für die Mühle gewechselt. Wurde die Energie früher mittels Wasserkraft aus der durch das Grundstück fließenden Nidder gewonnen, so wird die Mühle heute ausschließlich mit Strom in Gang gehalten. »Damit sind wir nicht mehr vom jeweiligen Wasserstand abhängig. Hinzu kommt, dass die umfangreiche Elektronik, die unsere Mühle mittlerweile Tag und Nacht am Laufen hält, die sonst üblichen Stromschwankungen nicht mehr hinnehmen würde«, berichtet Philippi.

Marktlücke gefunden

Wenn die Bauern ihre Ernte abliefern, läuft die Mühle Tag und Nacht - vollautomatisch. Dabei sucht man vergebens das so berühmte »Klappern am rauschenden Bach«, denn die moderne Mühle klappert nicht mehr; sie rauscht nur noch, da das Getreide nicht mithilfe von Becherwerken transportiert, sondern aerodynamisch durch Röhren zum nächsten Arbeitsgang geblasen wird. Der moderne Müller ist also eher Techniker als Handwerker.

Heute gehört der Umgang mit Computer- und Labortechnik zur Ausbildung. In einer modernen Mühle - wie der in Büdesheim - überwachen und steuern vollelektronische Maschinen den Produktionsablauf. Sie reinigen selbstständig das Getreide, suchen nach Fremdkörpern und sortieren diese umgehend aus, weil derartige Fremdköper, seien es andere Gräser oder sogar Tierreste, ganz entscheidend den Geschmack des Mehls beeinflussen würden.

Zwölf bis 16 Mal passiert so das angelieferte Getreide verschiedene Mahlwerke, bis am Ende das gewünschte Mehl abgefüllt werden kann. Philippi verarbeitet dabei nur Weizen und Roggen, weil aus ihnen das Mehl für Brot und Brötchen gemacht wird. Man hat bei ihm die Auswahl unter fast 20 Mehlsorten, von den verschieden Weizenmehlen 405, 550, 812 bis hin zum Weizenvollkornmehl und vielen Roggenmehlen.

Für Hessens Bauern ist der Winterweizen das Hauptgetreide. Rund 283 000 Hektar beträgt die gesamte Getreide-Ackerfläche hierzulande. Auf mehr als der Hälfte (54 Prozent) wurde dabei im vergangenen Jahr Winterweizen angebaut. 23 Prozent davon entfielen auf Wintergerste, die überwiegend als Tierfutter Verwendung findet. Auf die Sommergerste hingegen warten die Bierbrauer.

Auch Philippi hat inzwischen eine Marktlücke gefunden: »Die Araber verwenden zum Backen ihrer Fladenbrote ein spezielles Mehl, das nach dem Mahlen wieder mit einer Portion Kleie versetzt werden muss«. Dafür gebe es inzwischen gerade im Frankfurter Raum eine große Nachfrage. Biobauern haben bei ihm hingegen keine Chance. Da stehe der Aufwand für das spezielle Reinigen der Anlagen und das anschließende Lagern in keinem Verhältnis zum Ertrag.

Zwölf Getreidemühlen mit einer Verarbeitungskapazität von über tausend Tonnen Getreide im Jahr gibt es derzeit noch in Hessen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bio-Bauern
  • Getreide
  • Konditoreien
  • Labortechnik
  • Landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen
  • Lebensmittelgeschäft
  • Produktionsablauf
  • Roggen
  • Techniker
  • Tierfutter
  • Schöneck
  • Jürgen W. Niehoff
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.