05. April 2018, 08:00 Uhr

Ernährungsberatung

Diagnose Krebs: Deswegen sollte Sie nun anders essen

Kann eine Umstellung der Ernährung Krebspatienten helfen? Mit dieser und den damit zusammenhängenden Fragen befasst sich die Bad Vilbeler Ernährungswissenschaftlerin Sylvia Becker-Pröbstel.
05. April 2018, 08:00 Uhr
Mit einer Krebspatientin bespricht die Ernährungswissenschaftlerin Sylvia Becker-Pröbstel hier den Speiseplan. (Foto: pe)

Es ist wissenschaftlich bewiesen: Wer Krebs hat, verliert stark an Gewicht. Die Ernährungswissenschaftlerin Sylvia Becker-Pröbstel weiß, warum: »Die Tumore verbrauchen unheimlich viel Energie.« Wenn Patienten operiert werden, büßen sie weitere Kilos ein. Die Wissenschaftlerin berichtet von einer Patientin, die dramatisch an Gewicht verlor. Vor der kurativen OP, bei der ihr Tumor und Teile des Darms entfernt wurden, hatte sie 70 Kilo Übergewicht. Als sie zu Sylvia Becker-Pröbstel Kontakt aufnahm, wog sie noch 42 Kilo. Jetzt hieß es: handeln. Denn die nach der Darm-OP verordneten Medikamente waren nicht nur zu gering dosiert, sondern die Frau vertrug sie nicht. Sie litt an Durchfällen und Erbrechen.

Verordnet wurden sogenannte Pankreas-Enzyme. Der Name leitet sich ab vom lateinischen Begriff für die Bauchspeicheldrüse. Diese produziert Verdauungsenzyme, die in den Darm abgegeben werden und dort dafür sorgen, dass die aufgenommene Nahrung verwertet werden kann.

 

Nach Darm-OP Verdauung gestört

 

Nach einer Darm-OP ist naturgemäß die Verdauung gestört. Hier kann ein auf die Medikation abgestimmter Ernährungsplan helfen. Sylvia Becker-Pröbstel stellte um, denn die Ärzte hatten der Patientin empfohlen, morgens, mittags und abends eine Tablette zu nehmen. Ab jetzt hieß es: einen Bissen essen, eine Kapsel einnehmen, weiter essen und in der Essensmitte eine oder zwei Kapseln, und vor dem Ende der Mahlzeit nochmals eine. »Je mehr Fett, desto mehr Kapseln.«

 

Kein Zucker, keine Säfte

 

Von bestimmten Lebensmitteln riet sie ab. Zucker, Marmeladen, Säfte habe man »herausgenommen aus dem Speiseplan«. Grund: »Die führen zu Durchfällen.« Zudem habe man essen und trinken getrennt gegen den sogenannten Reflux. Der Patientin seien vom Reformhaus Säfte empfohlen worden. Nein, sagt Sylvia Becker-Pröbstel, keine Säfte, sondern Tee, stilles Mineralwasser, isotonische Getränke.

Meist unverträglich für am Darm operierte Patienten sei Laktose. Der Milchzucker führe gleichfalls zu Durchfällen. Somit habe sie der Patientin laktosefreie Produkte empfohlen. Zur Wasserbindung empfahl die Vilbelerin der Patientin Flohsamenschalen und ein Probiotikum. Nach einem Vierteljahr blieb das Gewicht der Patientin stabil bei rund 44 Kilo, aktuell steigt es auf 48 Kilo. Durchfälle würden nur noch selten auftreten.

Dieser Fall sei häufig, denn die Betroffenen kämen sehr spät zu ihr. Dabei weiß die diplomierte Ökotrophologin, dass Krebspatienten bereits vor einer Operation oder Chemotherapie mit einer Umstellung der Ernährung die Folgen mildern können. Es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Risiken einer OP besser verkraftet würden, wenn man die Ernährung vorher umstelle. Deshalb arbeitet Sylvia Becker-Pröbstel verstärkt mit Magen-/Darm-Spezialisten zusammen. »Wenn ich die Medikamentenpläne habe, kann ich die Ernährung anpassen«, sagt sie. Für sie gilt eine Faustregel: »Wenn Du Krebs hast, iss nicht so weiter wie vorher.«

Auch eine Chemotherapie könne besser verkraftet werden, wenn die Ernährung angepasst werde. Sie versuche, die Patienten in dieser Zeit von ihren Lieblingsgerichten abzubringen. Denn mit einer Chemo sei häufiges Erbrechen verbunden, »auch von Lieblingsgerichten«. Da Essen viel mit Psychologie zu tun habe, mögen die Patienten ihre Lieblingsessen nicht mehr. Sie stelle lieber neue Essenspläne zusammen.

 

Durchfälle stoppen

 

Zurzeit betreut sie in ihrer Praxis ein halbes Dutzend Krebspatienten. Drei- bis fünfmal kommen sie zur Beratung, dazwischen erhalten sie einen Ernährungsplan. »Die Patienten brauchen aber viel Geduld«, rät Becker-Pröbstel. Dann seien Erfolge spürbar. Durchfälle könnten gestoppt, Erbrechen deutlich reduziert werden.

Viel hält die Wissenschaftlerin von speziellen Kochkursen. Bei den Hausärzten der Region ist das Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung derzeit unterwegs, um für einen solchen Kurs zu werben. Und dafür, »dass die Hausärzte für das Thema Ernährung bei Krebs stärker sensibilisiert werden«.

Info

Auf laktosefrei umgestiegen

Eine Darm-OP ist für krebskranke Patienten ein schwerwiegender Eingriff. »Das ist eine massive Einschränkung der Lebensqualität«, weiß die Ernährungswissenschaftlerin Sylvia Becker-Pröbstel aus Gesprächen mit ihren Patientinnen. Eine 53-jährige Karbenerin hat einen solch schweren Eingriff im August 2015 erlebt. Ein Drittel des Dickdarms wurde ihr entfernt. »Danach hatte ich chronisch Durchfall«, beschreibt sie ihren Leidensweg. Auch zwei onkologische Reha-Aufenthalte brachten ihr keine Linderung. »Für die Psyche waren die Reha-Aufenthalte in Ordnung.« Doch die Durchfälle dauerten an, und niemand konnte ihr helfen – jahrelang. »Ich habe mich immer mehr zurückgezogen«, sagt sie. Dann erhielt sie von ihrer Krankenkasse eine Liste mit Ernährungswissenschaftlern. Die Karbenerin entschied sich für die Bad Vilbelerin Sylvia Becker-Pröbstel. Am 22. Februar dieses Jahres kam sie erstmals zu ihr. »Wir haben gleich auf laktosefreie Produkte umgestellt«, sagt die Ernährungswissenschaftlerin nach der ausführlichen Anamnese. Die Patientin berichtet freudig, schon vier Wochen später hätten ihre Durchfälle aufgehört. »Ein schöner Erfolg, und das nach so kurzer Zeit«, freuen sich beide. (pe)

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