17. Juli 2019, 17:00 Uhr

Demenzbetreuung

Dramatischer Aderlass an Helfern

Wer mit an Demenz erkrankten Menschen lebt, hat es nicht leicht. Angehörige sind froh, dass es in Karben die Betreuungsgruppe für demenzkranke Menschen gibt, doch der gehen die Helfer aus.
17. Juli 2019, 17:00 Uhr
Die letzte ehrenamtliche Betreuerin in der Demenzgruppe, Daniela Taron (stehend), schaut mit den Teilnehmern die Liedhefte durch, im Rahmen der Dementenbetreuung beim Arbeiter-Samariter-Bund. Die hauptamtliche Kraft, Ute Altenburg-Ruth (3. von links) wünscht sich noch weitere ehrenamtliche Helfer als Unterstützung. (Fotos: Pegelow)

Im Saal des ASB-Altenzentrums neben dem Cafe an der Nidda sitzt eine kleine Gruppe von Menschen zusammen. »Du, Du liegst mir am Herzen...«, singen sie, begleitet auf dem Akkordeon von Gottfried Leitner. Singen ist angesagt in der Betreuungsgruppe für an Demenz erkrankte Menschen.

Jeden Montag gehört das zu den Aktivitäten in den drei Stunden. Der Nachmittag beginnt immer mit einem Kaffeetrinken und mit kleinen Gesprächen. Sechs Demenzkranke bilden derzeit die Gruppe. Jeden Montag werden sie von zu Hause abgeholt und dann ins Altenzentrum an der Ramonville-Straße gefahren.

»Ich komme gerne hierher«, sagt eine Dame, »es ist hier immer lustig. Man hört auch mal was anderes.« Sie freut sich ebenso auf die montäglichen Treffen wie die anderen. »Wir singen und spielen alle gerne«, sagen sie. Gesungen wird in der Tat, es gibt einen dicken Ordner mit Liedern, meist altes Volksgut, das die Senioren schon vor Jahrzehnten in der Schule gelernt und immer wieder gesungen haben. Musik ist wichtig als Teil der Betreuung. Das Spielen von Brett- und Gesellschaftsspielen ein anderer.

Angeleitet wird die Gruppe von Ute Altenburg-Ruth. Sie ist die hauptamtliche Fachkraft, die für diese Gruppe notwendig ist. Aber ebenso notwendig sind ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Doch von ihnen gibt es viel zu wenig, sagt Pflegedienstleiterin Birgit Kittner-Meier. In der Tat: An diesem Montag sitzt lediglich Daniela Taron bei den Demenzkranken. Sie ist die letzte verbliebene ehrenamtliche Helferin, die sich hier engagiert. Seit drei Jahren ist sie in der Dementenbetreuung aktiv. »Es ist anstrengend, aber es macht mir viel Freude«, sagt sie. Aber auch: »Wenn wir mehr wären, könnten wir stärker auf die Menschen eingehen.«

Viele sind abgesprungen

Denn der Umgang mit an Demenz Erkrankten ist nicht gerade leicht. Neben der Ansprache und Zuwendung, die jeder und jede braucht, sind noch viele weitere Tätigkeiten zu machen. »Wir haben manchmal Menschen dabei, die einen großen Bewegungsdrang haben. Mit ihnen muss jemand ins Freie gehen«, sagt Kittner-Meier über die Aufgaben. Zudem müsse jeder Toilettengang begleitet werden.

Und dann zeigt sich beim jüngsten Treffen, dass die Betreuerin mit den Erkrankten das Liederbuch durchgeht und mit ihnen entscheidet, was gesungen wird. Auch Laien können sich leicht vorstellen, dass eine solche Betreuungsgruppe eine personalintensive Angelegenheit ist. »Unser ursprüngliches Konzept sah eine 1:1-Betreuung vor«, sagt die Pflegedienstleiterin. »Davon haben wir uns aber schon verabschiedet«, stellt sie traurig fest. Für die aktuelle Gruppe würde das neben der hauptamtlichen Kraft fünf ehrenamtliche Kräfte bedeuten. Doch davon ist man beim ASB weit entfernt. »Uns sind viele abgesprungen. Sie wollten sich nicht Montag für Montag fest binden, manchen war es auch zu anstrengend.«

Nun sucht der Samariter-Bund händeringend ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer. »Wir haben schon verschiedene Leute angesprochen, aber die Suche gestaltet sind sehr schwierig.« An diesem Montag ist eine Seniorin dabei, die einmal »hineinschnuppern« möchte. Ob sie bleibt oder gar regelmäßig kommt, ist aber noch unklar.

Kittner-Meier wünscht sich vor allem jüngere Ehrenamtliche. »Für sie wäre der Umgang mit Demenzerkrankten sicher eine Bereicherung«, meint die Pflegedienstleiterin.

In Sicht ist indes aktuell allerdings niemand. Und das liegt beileibe nicht an den gerade laufenden Sommerferien. Schon länger verzeichnet der ASB einen regelrechten Aderlass an Ehrenamtlichen in der Demenzbetreuung.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Zurzeit will man die Gruppe bei sechs Personen belassen. Dabei könnte man bei ausreichend vielen Helferinnen und Helfern deutlich mehr Menschen betreuen. »Zwölf Personen stehen derzeit auf der Warteliste«, sagt Kittner-Meier. Auch deren Angehörige würden sich freuen, einmal drei Stunden ihren eigenen Interessen nachgehen zu können, um wieder ein wenig Kraft zu tanken. Denn genau das steckt hinter der Betreuungsgruppe. Den Angehörigen ein paar Stunden für sich selbst zu schenken.

Dramatische Folgen

Außer einer länger gewordenen Warteliste könnten die Folgen noch viel dramatischer werden. In Nidderau nämlich hatte der Arbeiter-Samariter-Bund das selbe Problem. »Dort wird die Betreuungsgruppe demnächst eingestellt«, berichtet die Pflegedienstleiterin. Nun hoffen in Karben alle Verantwortlichen, dass es hier nicht soweit kommt wie in der Nachbarstadt. Dafür müssten sich aber sehr schnell Freiwillige melden.

Wer diese verantwortungsvolle ehrenamtliche Aufgabe übernehmen will, kann sich bei Birgit Kittner-Meier unter der Telefonnummer 0 60 39/80 02-9 33 melden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Angehörige
  • Arbeiter-Samariter-Bund
  • Demenz
  • Ehrenamtliches Engagement
  • Kranke
  • Karben
  • Holger Pegelow
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 12 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.