04. November 2019, 20:13 Uhr

Ein Baum für jeden Toten

Eigentlich ist 570 nur eine nüchterne Zahl. Steht sie aber für ebenso viele menschliche Schicksale, wird aus Nüchternheit schnell Fassungslosigkeit. 570 ist die Gesamtzahl aller Toten, die der Zweite Weltkrieg in Karben forderte. Zu ihren Ehren wird nun in Klein-Karben ein besonderer Ort geschaffen.
04. November 2019, 20:13 Uhr
Bäume sollen ans Kriegsende erinnern. Eine besondere Aktion wird es im November geben. Auf diesem Areal am Waldfriedhof wird für jedes Opfer des Zweiten Weltkriegs ein Baum gepflanzt. (Foto: Pegelow)

Zu den 570 Karbenern, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen, zählen nicht nur gefallene Wehrmachtssoldaten, sondern auch Opfer unter der Zivilbevölkerung und deportierte Juden aus den früher eigenständigen Dörfern. Allein in der größten Gemeinde, Groß-Karben, fiel bis Kriegsende jeder zehnte männliche Einwohner.

Es waren mehrheitlich junge Männer, die mit Anfang 20 in der Blüte ihres Lebens standen. Manche Familien mussten gleich mehrere Söhne hergeben. Neun Zivilisten verloren ihr Leben, sechs davon allein in Rendel, als eine Bombe die Mittelgasse traf.

Diesem Leid soll nun, 80 Jahre nach Kriegsbeginn, mit einem ganz besonderen Vorhaben Rechnung getragen werden: Auf einem Feld gegenüber der Gemeinschaftsobstanlage in Klein-Karben wird der Karbener »Friedenswald« entstehen. 570 Bäume werden bis zum Volkstrauertag dort gepflanzt - ein Baum für jeden Toten. Mit den Bäumen soll das ganze Areal nach und nach zu einer außergewöhnlichen Gedenkstätte heranwachsen. Geplant ist ein Ort zur bleibenden Erinnerung und gleichermaßen auch als Mahnung für alle noch kommenden Generationen.

Stephan Kuger vom Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde Rendel ist der Initiator. Seit Mai reifte die Idee in ihm heran: Erinnerungen sollten auch in Karben in einer Form greifbar werden. Eine ähnliche Aktion hatte er vor fünf Jahren in Nidderau gesehen. In Karben rannte er damit beim Bürgermeister offene Türen ein. Das passende Gelände an der Büdesheimer Straße gehört der Stadt.

Gedenkfeiern in den einzelnen Stadtteilen würden nur noch von wenigen Leuten besucht, eher als Pflicht abgearbeitet, stellt Bürgermeister Guido Rahn (CDU) fest. Dem soll nun ein neues Gesicht verliehen werden. Mit dem Friedenswald möchte man etwas Besonderes ins Leben rufen. Stephan Kuger kann aber nicht nur auf die Unterstützung der Stadt Karben bauen.

Stadt unterstützt Kirche

Nach den Sommerferien hat sich ein engagiertes Planungsgremium um ihn versammelt. Dazugehören die evangelischen Kirchengemeinden (mit Ausnahme Petterweils), der Karbener Geschichtsverein, Lehrer und Schüler der Kurt-Schumacher-Schule und die Stolperstein-Initiative.

»Alles ist in der Gruppe gewachsen«, sagt Kuger. »Mit jeder Sitzung hat sich immer wieder etwas verändert. Manche Ideen kamen neu hinzu, andere mussten überdacht oder geändert werden.« So seien anfangs zum Beispiel Holzkreuze für die Toten geplant gewesen. Das sei jedoch nur temporär möglich. »Holzkreuze verschwinden irgendwann, Bäume bleiben und werden mit den Jahren zum Wald. Und genau das ist es ja, was in Karben entstehen soll.«

Mit der Planung und Pflege der zukünftigen Anlage ist Cynthia Nebel betraut worden. Die Landschaftsgestalterin aus Burg-Gräfenrode wird dabei vom Bauhof der Stadt unterstützt. »Zuerst wollten wir Eichen pflanzen, aber wegen der Gefahr durch den Eichenprozessionsspinner haben wir uns dann für Hainbuchen entschieden«, berichtet die Fachfrau. »Im Zentrum der Gedenkstätte wird es eine Namenstafel geben, zu der ein Schotterweg führt. Zu mehreren dargestellten Einzelschicksalen führen Rasenwege, die als Sackgassen enden. Sackgassen deshalb, weil das Leben der Menschen zu Ende war.«

Eine namentliche Zuordnung der Bäume soll es nicht geben. Weitere Einzelschicksale werden recherchiert und dargestellt. Diese Aufgabe übernehmen Schüler der Kurt-Schumacher-Schule. »Am Volkstrauertag verlesen diese jungen Leute die 570 Namen«, kündigt Studiendirektorin Monika Lenniger an.

Gedenkstätte für alle?

Eine wichtige Frage musste noch geklärt werden: Kann man es vereinbaren, eine gemeinsame Gedenkstätte für Wehrmachtsangehörige und ermordete Juden zu errichten? Hartmut Polzer von der Stolperstein-Initiative Karben beantwortet das mit einem klaren »Ja«. »Auch ein Rabbiner, mit dem ich mich darüber ausgetauscht habe, fand es eine gute Idee«, berichtet er. »Und man muss festhalten, dass die wenigsten Wehrmachtssoldaten Nazis waren. Es waren junge Männer, die in den Krieg ziehen mussten, weil man es ihnen befohlen hatte.«

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