12. November 2017, 20:09 Uhr

Erinnern an das Unrecht

12. November 2017, 20:09 Uhr
Inne halten und verneigen an einer Stelle, wo einst die Gewalt explodierte. Rabbiner Shlomo Raskin betet für die Opfer der Judenverfolgung 1933 bis 1945. (Foto: jsl)

Kein Datum im Jahreskalender ist geschichtsträchtiger als der 9. November. Viele sprechen von einem Schicksalstag der Deutschen. Und wie recht sie doch damit haben. Eigentlich hätten die Deutschen an diesem Tag allen Grund zum Feiern: Am 9. November 1989 fiel die Mauer, ein Unrechtsregime zerbrach, aus zwei deutschen Staaten wurde einer. Dennoch würde kein demokratischer Politiker in Deutschland es wagen, diesen Tag im Kalender rot anzustreichen. Zu schrecklich und menschenverachtend sind die Ereignisse, die sich vor 79 Jahren im ganzen Land abspielten. Und was in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 über die jüdische Bevölkerung in den Städten und Dörfern hereinbrach, war nur eine erste Eruption der Gewalt. Noch Schlimmeres sollte folgen.

Der Mob sammelte sich in Horden

Fast wortlos und in sich gekehrt standen am Freitagnachmittag 45 Menschen auf dem Platz gegenüber dem alten Bad Vilbeler Rathaus. Hier, am Gedenkstein für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, wurde gebetet, gesungen und inne gehalten. Eine Andacht unter dem Motorengeheul der vorbeifahrenden Autos, an einem Hauptknotenpunkt der Stadt, machte das Zuhören nicht einfach. Die Botschaft jedoch war unmissverständlich.

»Der späte Nachmittag und Abend des 10. November 1938 war ein trauriger Höhepunkt für unsere Stadt«, mahnte Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr (CDU) in seiner Ansprache. »Heute vor 79 Jahren gingen die Pogrome, die in den größeren deutschen Städten bereits einen Tag zuvor auflebten, auch an den kleineren Orten nicht vorbei.«

Zu diesen kleineren Orten zählte Bad Vilbel. Ein Gewaltexzess mit ungeahnter Brutalität entflammte in den Straßen. Es wird berichtet, dass SA, SS, Hitlerjugend sowie »ein unorganisierter Mob mit angeschwärzten Gesichtern« sich in drei Horden sammelten. Einige drangen in die Synagoge ein, um sie zu zerstören, andere suchten die Bewohner in ihren Häusern heim und demolierten jüdische Geschäfte.

In Scherbenhaufen gestoßen

»Das Gebäude der Vilbeler Synagoge in der Frankfurter Straße 97 überstand die Aktion«, sagte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Vilbel, Vered Zur. »Dies verdankte sie ihrer Lage zwischen den angrenzenden, damals arischen Häusern. Ein gezieltes Abbrennen der Synagoge war nicht möglich. Aber die Barbaren zerstörten die gesamte Einrichtung.«

Der Händler Simon Wechsler sei an einem anderen Ort von SA-Männern in einen Scherbenhaufen gestoßen worden und kurz danach seinen Verletzungen erlegen, erzählte Vered Zur. Jüdinnen und Juden seien unter dem Beifall der Bevölkerung durch die Straßen gejagt worden, die Männer bis nach Frankfurt, wo sie von der Polizei weiter misshandelt wurden.

1938, zur Zeit der Novemberpogrome, lebten rund 68 Personen jüdischen Glaubens in Bad Vilbel. Nach Forschungen des Arbeitskreises »Jüdische Kultur« wurden mindestens 22 von ihnen während der NS-Zeit ermordet. Zu ihrem Gedenken sprach der Rabbiner Shlomo Raskin aus Frankfurt ein Gebet. Im Anschluss an die Reden von Vered Zur und Bürgermeister Dr. Stöhr sangen die Shalom Singers unter der Leitung von Benjamin Brainman jüdische Lieder.

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