09. Juli 2019, 20:23 Uhr

Freiheit auf zwei Rädern

Dass erwachsene Frauen kein Fahrrad fahren können, ist hierzulande fast undenkbar - in anderen Ländern jedoch nicht selten Alltag. Die Flüchtlingshilfe Karben macht geflüchtete Frauen daher mit einem speziellen Kurs mobil. Auf dem Programm stehen Theorie, Praxis - aber auch das Fallen und Wiederaufstehen.
09. Juli 2019, 20:23 Uhr
JKÖ
Zunächst behutsam, dann immer schneller: Kursteilnehmerin Aya (17) fährt die ersten Runden auf dem Karbener Schulhof. Das Ziel: Ende der Woche auf dem Fahrrad zu sitzen. Im Kurs hat sie schon gelernt, wie Fahrräder und Roller funktionieren. (Foto: Kötter)

Konzentriert blickt Aya auf die Kreuze, die ihr den Weg weisen. Erst holt sie zögerlich Schwung, dann tritt ihr linkes Bein ein wenig kräftiger, und schon rollt die 17-Jährige mit stolzem Lächeln selbstbewusst durch den Parcours. »Am Anfang hatte ich noch ein wenig Angst«, gesteht Aya. Doch davon ist nur wenige Stunden später schon nichts mehr zu sehen, als sie sogleich noch eine weitere Runde über den Schulhof der Karbener Kurt-Schumacher-Schule (KSS) saust. Für Aya ist das Herantasten an das Fahrradfahren - bis auf ein kurzes Ausprobieren - eine völlig neue Erfahrung. »In Griechenland habe ich es einmal ausprobiert, bin dann aber gefallen - und nachdem mir das so peinlich war, habe ich es nicht mehr probiert.«

Damit ist sie nicht allein: Insgesamt sechs Frauen nehmen in dieser Woche am von der Fahrradwerkstatt initiierten Fahrradkurs für Flüchtlinge teil: Zwei Frauen aus Somalia, drei aus Syrien und eine aus dem Kongo. Es ist eine fröhliche Truppe zwischen 17 und 47 Jahren. Was sie eint: Das Fahrrad ist für sie - ebenso wie die von Trainerin Christine Rhodes mitgebrachten Lehrroller - eine völlig neue Art der Fortbewegung. »In ihrer Heimat ist es oft undenkbar, dass sie als Frauen Rad fahren«, weiß Elke Stelz, die für die Flüchtlingshilfe Karben die Fahrradwerkstatt betreut und die Idee zum Kurs hatte.

Herantasten ans Radeln

Umso wichtiger ist das professionelle Herantasten an die »Drahtesel«: »Erwachsene neigen häufig dazu, gleich zu viel zu wollen«, weiß die erfahrene Radfahrlehrerin Rhodes. Für die Woche hat sie daher gezielt kleine Schritte vorbereitet: Nach einer ersten theoretischen Einführung - vom Lenker bis zum Sattel warten allerhand neue Vokabeln - geht es zunächst auf die Roller, anschließend auf Lehrräder mit tiefem Einstieg. »Die Ausstattung ist wirklich ganz einfach, damit sich die Frauen nicht ablenken lassen, sondern sich gut auf die Bewegungsabläufe konzentrieren können«, erklärt Rhodes. Erst danach kommen »richtige« Fahrräder zum Einsatz, bevor zum Ende der Woche die ersten Frauen dann möglicherweise bereits auf ihr eigenes Fahrrad steigen.

Entstanden ist die Idee für den Kurs in der Fahrradwerkstatt, in der Elke Stelz gemeinsam mit ihrem Team einmal die Woche schraubt und Flüchtlinge damit mobil macht (diese Zeitung berichtete). »Wir haben immer mal wieder gemeinsam Fahrräder fit gemacht, Flüchtlingen zur Verfügung gestellt und dann aber beobachtet, dass die Räder gar nicht genutzt werden«, erklärt Stelz, die am Rande des Kurses auf die Kinder der Frauen aufpasst. Zwei Frauen hätten dann offen kommuniziert, dass sie gar nicht Rad fahren können - dies aber unheimlich gern lernen würden.

Dabei ist der Kurs eine echte Premiere: Er ist nicht nur der erste Fahrradkurs für Flüchtlingsfrauen in Karben, sondern auch das erste aus einem speziellen Fördertopf finanzierte Projekt. 9000 Euro erhält die Stadt Karben vom Land Hessen für Projekte, die Katrin Kroiß als eigens dafür eingesetzter Sport-Coach koordiniert.

Aktuell sammelt sie dafür Ideen, ein Schwimmkurs etwa sei denkbar, und im Austausch mit Stelz ist der Gedanke aufgekommen, den Wunsch nach einem Fahrradkurs durch diese Mittel zu unterstützen. Langfristig sieht Sport-Coach Katrin Kroiß lediglich ein Problem: »Gefördert werden Projekte, die sich gezielt an Flüchtlinge richten. Viel wichtiger wäre aber, etwa Mitgliedsbeiträge zu übernehmen, da wir die Flüchtlinge ja integrieren wollen und das etwa in den Vereinen vor Ort passiert«, meint sie. Doch dafür seien die Mittel nicht angedacht.

Hier wollen die Frauen gemeinsam weiter Ideen entwickeln. Auch eine Fortsetzung des Fahrradkurses könnte es - allein aufgrund der großen Nachfrage - geben: »Wir hatten sogar zwei Frauen, die am Morgen auf gut Glück vorbeischauten, ob sie nicht doch noch teilnehmen können«, erklärt Stelz. Aber: Entsprechende Trainer seien ein vergleichsweise rares Gut. Da tut es plötzlich einen Schlag: Shekha Hussein ist gestürzt. Aya rennt erschrocken zu ihr - nur wenige Momente später stehen die 47-Jährige und ihre Tochter lachend auf dem Hof. »Nichts passiert«, erklärt die Neu-Karbenerin.

Fallen gehört dazu

Das Fallen gehört dazu, auch das lernen die Teilnehmerinnen neben Verkehrsregeln und Co in dieser Woche. Entmutigen lassen - wie damals in Griechenland - wollen sich Mutter und Tochter aber nicht mehr. Und auch am Fazit ihres ersten Übungstags ändert der kleine Sturz nichts: »Ich liebe das Fahrradfahren«, sagt Shekha Hussein. Künftig will sie ihre neue Heimat erkunden, Einkäufe machen, zum Deutschkurs fahren. »Ich fahre nicht gern Bus und Auto, laufen ist mir da schon lieber«, ergänzt ihre Tochter Aya. »Das Fahrrad schenkt uns bald neue Freiheit.«

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