20. März 2019, 05:00 Uhr

Schlachtung

Gronauer Hof testet mobile Schlachtstation

Um das Lebensende für seine Rinder etwas erträglicher zu machen, setzt der Gronauer Hof auf einen mobilen Schlachtanhänger. Der erspart den Tieren den stressigen Lebendtransport.
20. März 2019, 05:00 Uhr
AGS
80 Hereford-Rinder leben am Gronauer Hof. Bis zu sechs Tiere werden im Jahr geschlachtet. Das passiert nun quasi direkt im Stall, genauer im mobilen Schlachtanhänger an dessen Ende. (Fotos: Gottschalk)

Kühl fegt der Wind an diesem Morgen durch den Kuhstall des Gronauer Hofs. Die Rinder muhen laut, vergraben ihre schweren Köpfe in den Heuballen. Noch ahnen sie nicht, was einem aus ihrer 80-Tiere starken Herde am morgigen Tag blüht. Es ist wieder Zeit für eine von etwa sechs Schlachtungen pro Jahr. Das Außergewöhnliche ist, dass das Hereford-Rind dieses Mal noch vor Ort getötet wird.

Präziser gesagt: Das für sein Fleisch gezüchtete Nutztier stirbt in einem etwa drei Meter hohen und sechs Meter langen Metall-Anhänger, den der Schlachtbetrieb Hofmann aus Wölfersheim in den Stall gefahren hat. Als überhaupt erst zweiter landwirtschaftlicher Betrieb in Hessen kommt am Gronauer Hof seit Dezember nämlich ein mobiler Schlachtanhänger zum Einsatz. Will heißen: Statt wie üblich lebend zum Schlachthof gefahren zu werden, werden die Rinder nun erst dorthin gebracht, wenn sie tot sind.

»Heute werden wir aber nicht schlachten, das wäre mit den vielen Menschen für die Tiere zu stressig«, erklärt Doktor Andrea Fink-Keßler mit Blick in die kleine Presserunde, die sich vor ihr versammelt hat. Fink-Keßler gehört zur Gruppe »Extrawurst«, einem Zusammenschluss von Landwirten, Metzgern, Forschen und Verbandsmitgliedern, der sich für die Entwicklung neuer Schlachtverfahren einsetzt.

 

Stress soll vermieden werden

 

Hauptziel ist, Stress für die Schlachttiere zu vermeiden. Deshalb haben Fink-Keßler und ihr Team die Schlachtstation, die einfach ans Auto gehängt werden kann, entworfen. Es ist ein Prototyp. 25 000 Euro hat er gekostet, das Geld kam von der Frankfurter Gerty-Strohm-Stiftung, die auch den Gronauer Hof betreibt. Getestet wurde der Anhänger zuerst im nordhessischen Witzenhausen, auf dem Hof von Hans-Jürgen Müller. Der Landwirt und Landtagsabgeordnete der Grünen ist ebenfalls zu der Projektvorstellung nach Bad Vilbel gekommen. Er sagt: »Wir ziehen die Tiere mit so viel Mühe artgerecht hoch. Und dann leiden sie so sehr auf dem Weg in die Schlachtbetriebe. Das hat für mich keinen Sinn gemacht.«

Gerade, weil das Leid vermeidbar ist, wie die Tierärztin Dr. Veronika Ibrahim, die das hessische Pilotprojekt fachlich begleitet, glaubt. »Sehen Sie sich die Hereford-Bullen an«, sagt sie und deutet hinüber zu den braun-weißen Kolossen, die entspannt dem Treiben im Stall zusehen. »Das sind total gutmütige Tiere. Aber die Fahrt zum Schlachter ist für sie so aufwühlend, dass sie sich weigern und wehren, wenn sie da sind. Das erhöht auch das Risiko für Fehlschüsse.«

Es ist zwar makaber. Aber die Schlachtung gehört nunmal dazu

Tobias Feucht, Landwirt

Die Rinder auf ihrem Heimathof zu töten, erspare ihnen den sogenannten Lebendtransport. »Das ist tiergerechter«, so Ibrahim. Außerdem, das erläutert »Extrawurst« in einer Pressemitteilung, verbessere die Stressvermeidung auch die letztliche Fleischqualität.

Eine Schlachtung mit dem Mobil läuft grob wie folgt ab: Das Rind wird erst in eine Art Käfig, Fixierstand genannt, außerhalb des Wagens gelockt. Dieser ist auf die Herde ausgerichtet, der Sichtkontakt zu den Brüdern und Schwestern soll beruhigend wirken. Außerdem kennt das Tiere die Käfigsituation meist schon, weil es so auch gewogen wird. »Der Unterschied zum Fließband-Schlachthof ist, dass wir uns die Zeit nehmen können, das Tier zu beruhigen«, erklärt Müller.

 

Betäubung durch Kopfschuss

 

Nun wird das Rind am Hals fixiert, dann schießt ihm der Schlachter mit einem Bolzenschussapparat in den Kopf. Ab diesem Moment läuft die Uhr. Das Rind ist durch den Kopfschuss nur betäubt, aber noch nicht tot. Laut EU-Vorgaben, dürfen zwischen Betäubung und Entblutungsschnitt nur 60 Sekunden liegen. »Das ist ein enges Zeitfenster«, wie Fink-Keßler zugibt. Denn in dieser Zeit muss der Schlachter das Rind in den Anhänger bekommen, nur dort darf er seine Arbeit fortsetzen.

Sie verantworten das Projekt mobiler Schlachtanhänger (v. l.): Andrea Fink-Keßler, Hans-Jürgen Müller, Veronika Ibrahim und Tobias Feucht.
Sie verantworten das Projekt mobiler Schlachtanhänger (v. l.): Andrea Fink-Keßler, Hans-Jü...

Um das zu schaffen, wird der Käfig seitlich geöffnet. Über eine Rampe gleitet der regungslose Körper zu Boden. Dort werden die Beine an der Seilwinde des Schlachtmobils befestigt, die bis zu 1000 Kilogramm stemmen kann – ungefähr das Gewicht eines kleineren Hereford-Bullen.

Die Hydraulik zieht das betäubte Tier schließlich in den Wagen, wo der Schlachter ihm mit einem Messer ins Herz sticht. Anschließend blutet das Tier aus, durch eine Rinne läuft das Blut in einen Behälter ab. Innerhalb von einer Stunde muss der Kadaver dann zum Metzgereibetrieb gefahren werden, wo er auf einem Rollbrett ausgeladen und wie üblich weiterverarbeitet wird.

 

Großes Interesse von Bio-Höfen

 

Um das Projekt auch behördlich durchzubekommen, war viel Aufwand notwendig. Mannigfaltige Vorschriften, etwa zur Hygiene, habe man genauestens beachten müssen, erklärt Fink-Keßler. Das Waschbecken im Anhänger muss etwa warmes Wasser speien und der Boden rutschfest sein. Schlachten darf dort außerdem nur Metzgermeister Markus Hofmann, dem dies vom Regierungspräsidium Darmstadt erlaubt wurde. Er ist für den gesamten Ablauf der Verantwortliche.

»Neben den bürokratischen Hemmnissen gab es auch viele, die sagten: »Warum? Wir haben so etwas doch früher auch nicht gebraucht«, ergänzt Ibrahim. Gerade von Bio-Höfen wie dem Gronauer Hof oder auch dem benachbarten Dottenfelderhof erfahre sie statt Skepsis aber großes Interesse an dem Konzept. Auch Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Grüne) hofft laut einer Pressemitteilung auf Nachahmer.

Und was sagen die Landwirte am Gronauer Hof? Ist es nicht komisch, die Tiere noch im Stall sterben zu sehen? »Es ist zwar makaber. Aber die Schlachtung gehört nunmal dazu«, sagt Landwirt Tobias Feucht, der die Herde betreut. »Wenn ich mir mittags ein Schnitzel bestelle, bin ich mir ja auch bewusst, dass dafür ein Tier gestorben ist.« Das Schlachtmobil sei für seine Rinder wenigstens eine Erleichterung. Dafür nimmt er auch in Kauf, dass sich die Schlachtkosten mit dem neuen Verfahren deutlich erhöhen.

Nach getaner Arbeit wird die Schlachtstation nun aber erst mal wieder nach Nordhessen fahren. Noch bis Ende Mai läuft die befristete Genehmigung des Regierungspräsidiums. Am Gronauer Hof und bei »Extrawurst« hofft man, dass sie verlängert wird.

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