Bad Vilbel & Karben

Hammer und Säge statt Handy

Nicht jedes Kind hat das Glück, einen Schreiner als Papa und eine eigene Werkstatt in der Garage zu haben. Die Lösung: die wöchentliche Holzwerkstatt im Karbener Jukuz.
20. Mai 2019, 11:00 Uhr
JKÖ
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So sehen fleißige Handwerker aus: Schreiner Reinhold Hill betreut in der Holzwerkstatt Jungs zwischen sieben und elf Jahren. (Foto: Jana Kötter)

Der Geruch von Holz liegt in der Luft. Schon auf ihrem Weg durch das Jukuz-Wäldchens ahnen die jungen Besucher von Reinhold Hill, was sie an diesem Nachmittag erwartet - spätestens, wenn in der Ferne das erste Ratschen des Sägeblatts ertönt: Denn am Ende des Trampelpfades ist der Schreiner bereits mit Julian am Werk. »Los, und jetzt richtig Gas geben - ich halte fest und du sägst«, motiviert er den Zehnjährigen. Julian nickt, blickt konzentriert auf das vor ihm liegende Stück Holz - und hat den 15 Zentimeter starken Balken mit wenigen Zügen zersägt.

In der Holzwerkstatt des Jugend- und Kulturzentrums (Jukuz) haben Julian und seine Freunde momentan allerhand zu tun: Die Vorbereitungen für den Kinderplaneten laufen auf Hochtouren. Auf der Grünfläche zwischen Okarben und Groß-Karben wird sich Anfang August die Baugruppe der Ferienspiele austoben - und Reinhold Hill und seine fleißigen Handwerker bereiten dafür alles vor.

Kleinstadt mit Türmen entsteht

»Wir entfernen Teile aus dem letzten Jahr, bauen das Grundgerüst wieder auf und fügen neue Teile hinzu«, erklärt er. Wurde im vergangenen Jahr ein Schiff gebaut, wird es in diesem Jahr wohl eine kleine Stadt geben - mit Türmen, einem Fachwerkhaus und weiteren Bauten. Fertigstellen werden diese die Kinder der Kinderplanet-Baugruppe: 20 Jungen und Mädchen unter der Anleitung von Hill und weiteren fünf Betreuern. »Letztes Jahr haben wir hier bestimmt 2000 Nägel versenkt«, sagt er mit einem Lachen.

Treffen das ganze Jahr über

Dabei ist die Holzwerkstatt keineswegs nur die Vorbereitung der Baugruppe. Ganzjährig treffen sich hier Kinder zwischen sieben und elf Jahren, um unter der fachmännischen Anleitung des Schreiners den Umgang mit Werkzeugen und verschiedenen Materialien zu erlernen. Julian ist ein Naturtalent: »Mein Papa ist Schreiner«, erzählt der Junge, der vor einigen Jahren auf einem Kindergeburtstag von den Kursen gehört hat und seitdem fester Teil der Truppe ist. Doch: Nicht jedes Kind hat solch ein Vorbild daheim, und allzu oft fehlt einfach der Platz, zu Hause zu sägen, hämmern und zu nageln.

So entstand bei Schreiner Hill die Idee seiner Holzwerkstatt, die er vor einigen Jahren an der Homburger Straße eröffnete. Mittlerweile ist er umgezogen und auf dem Jukuz-Gelände tätig, wo für schlechteres Wetter eine kleine Werkstatt eingerichtet ist.

Der Ort hat sich zwischenzeitlich geändert, die Idee ist geblieben: Kindern einen Rahmen für das Erlernen eines Handwerks zu bieten. Dass Handys hier Tabu sind, stört die Kinder nicht.

Anderes Lernen als vorm Bildschirm

Im Gegenteil: Sie merken selbst, dass sie bei Hill andere Dinge lernen als in der Schule oder vor dem Bildschirm. »Einmal bin ich fast in einen Nagel getreten, der noch aus einem Brett geragt hat«, erzählt der achtjährige Julian. Seine Lektion habe er daraus gelernt, gibt er grinsend zu: »Ich weiß seitdem, dass man gerade in der Werkstatt richtig gut aufpassen muss, wo man hintritt.«

Titanic-Modell gebaut

Die Ideen gehen den beiden befreundeten Jungen mit dem gleichen Namen und ihren Handwerker-Kollegen nicht aus. »Zuletzt haben sich die Jungs gewünscht, ein Titanic-Modell zu bauen«, erzählt Hill. Bei schlechtem Wetter arbeitet die Truppe in der Werkstatt statt im Wald, die Arbeiten fallen dann ein wenig kleiner, wenn auch nicht weniger kompliziert, aus. Fast vier Stunden hätten sie allein an dem Bug für ihre Titanic gehobelt, erzählt der Schreiner. Die Schornsteine wurden schließlich mit Watte-Wölkchen verziert, das Schiff rot-schwarz lackiert und außerdem noch Beiboote gebastelt.

Eine Idee für die nächsten Regentage steht bereits fest: »Dann wollen sie eine Titanic auf Grund bauen«, erzählt der Werkstattmeister. Und fügt dann hinzu: »Wie wir das dann machen, muss ich mir noch überlegen.«

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