26. April 2019, 19:57 Uhr

Malochen zwischen Mega-Masten

Gut 40 Jahre haben die Feldabstandhalter auf den Stromleitungen zwischen Karben und Frankfurt gehalten. Nun müssen sie ersetzt werden, sonst drohen die schweren Kabel kaputt- zugehen. Der Austausch der Puffer ist ein Job für Mechaniker ohne Höhenangst.
26. April 2019, 19:57 Uhr
Christoph Winter hat vom Boden aus alles gut im Blick. Auf drei Seilwagen fahren seine Monteure die Stromleitungen entlang, um dort die sogenannten Feldabstandshalter auszutauschen. Als Projektleiter ist Winter dafür verantwortlich, dass bei Instandhaltungsarbeiten am Hochspannungsnetz der Firma Tennet zwischen Karben und Frankfurt alles glattläuft. (Fotos: Gottschalk)

C hristoph Winter legt den Kopf in den Nacken, sodass sein weißer Bauarbeiter-Helm ein Stück verrutscht. Er schaut hinauf zu den Stromleitungen, die 60 Meter über seinem Kopf verlaufen. Ein dumpfes Rattern ist zu hören. Es stammt von kleinen Benzinmotoren, die drei Leiterwagen mit je einem Monteur die Stromtrassen entlangziehen.

Ihre Aufgabe ist es, auf knapp 30 Kilometern Strecke etwa alle 50 Meter ein vergleichsweise kleines Bauteil der 380 000-Volt-Stromleitungen auszutauschen: den sogenannten Feldabstandshalter. Das ist ein würfelförmiges, etwa 40 mal 40 Zentimeter großes Aluminiumgerippe mit Stahlkern. Es wird auf die Leitungen gesetzt und verhindert, dass diese im Wind hin- und herschwingen. Sie sind Puffer, die dafür sorgen, dass man den Stromtransport nicht Hunderte Meter weit hören kann: Würden die Leitungen sich zu nahe kommen, entstünden lärmende elektrische Entladungen.

Routinejob mit Risikofaktor

»Die Leitungen sind unser höchstes Gut«, erklärt Winter. Deshalb sei der Aufwand für die Wartung hoch – auch wenn sich Schäden, etwa durch umherfliegende Planen, Blitzschlag oder, noch seltener, Sportflugzeuge nicht gänzlich vermeiden ließen. Der Austausch der Feldabstandshalter sei für Tennet ein Routinejob. Wind und Wetter machen den Stromtrassen zwar nichts aus. Nach mehr als 40 Jahren war die Haltbarkeitsdauer der bisherigen Abstandshalter aber doch aufgebraucht. Es gibt heute neue Modelle mit vier statt zwei stabilisierenden Stegen und zusätzliche dämpfenden Elementen.

Zwölf Freileitungsmonteure sind dieser Tage also zwischen Karben und Frankfurt im Einsatz. Immer in Vier-Mann-Teams, widmen sie sich einzelnen Abschnitten des Stromnetzes, erklärt Chefmonteur Siegfried Grobbauer. Der 60-Jährige weiß, worauf es dabei ankommt. Schließlich ist er selbst jahrelang auf Stromleitungen umhergeklettert. Heute überlässt er das den jüngeren Kollegen.

Früh am Morgen ist für sie der Strom auf dem Netz-Teilstück ausgeschaltet worden. Erst am Abend geht er wieder an. »Weht zu viel Wind oder fließt zu viel Energie durch die Leitungen, die bei einer Abschaltung verloren ginge, können wir nicht hoch«, erklärt Grobbauer. Sonst steigen sie bei Wind und Wetter die Masten hinauf. Nur wenn es blitzt und donnert oder Eis auf den Trassen glitzert, bleiben sie sicherheitshalber am Boden.

»Die Arbeit an sich ist recht einfach – wenn man erst mal oben ist«, sagt Grobbauer. Mit Kletterausrüstung, Helm und Sicherungsseilen krabbeln die Monteure die Masten hinauf, dann ziehen sie den Seilwagen über eine Winde hinterher und setzen ihn auf die Leitung. Parallel fahren immer drei Arbeiter auf den Kabeln entlang und schrauben mit handelsüblichem Werkzeug alte Feldabstandhalter ab und neue fest. Unten folgt ein Kollege den Wagen zur Absicherung, Kontakt halten sie per Funkgerät.

Höhentauglichkeitstest bestanden

»Höhenangst darf bei uns natürlich niemand haben«, sagt Grobbauer mit einem Grinsen. Mehr noch: »Seine Jungs« haben allesamt einen Höhentauglichkeitstest hinter sich. Außerdem legen sie alle zwei Jahre einen Gesundheitscheck ab und üben regelmäßig die Bergung von Kollegen, für den Fall, dass sich einer während der Arbeit in luftiger Höhe verletzt. Dass ein Unglück passiert, sei aber äußerst selten, sagt der Monteurs-Chef. »Wenn du oben bist, denkst du aber nicht an die Höhe. Denn alles, an dem du arbeiten musst, ist nicht weiter entfernt als deine Hände«, sagt Grobbauer. Ein Ausbildungsberuf ist Freileitungsmonteur nicht: Die meisten sind gelernte Schlosser, Elektriker oder Mechaniker, meist waren sie schon vorher Hobby-Kletterer, kennen sich untereinander deshalb oft gut – ein Vorteil bei der trotz allem zehrenden und risikoreichen Arbeit. Gut 800 Freileitungsmonteure gibt es in Deutschland, nicht mal ein Viertel davon in Österreich. Allein bei seiner Firma European Trans Energy sind es laut Grobbauer 100.

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