17. August 2017, 08:00 Uhr

Mobbing

Mobbing: Stella Fischer spricht über ihre Erlebnisse

Stella Fischer (16) wurde in der Bad Vilbeler John-F.-Kennedyschule gemobbt. Über ihre Qualen hat sie ein Buch geschrieben.
17. August 2017, 08:00 Uhr
Stella Fischer wurde jahrelang von ihren Mitschülern gemobbt. Mit ihrem ehemaligen Schulleiter Peter Mayböhm stellt sie ihr Buch vor. (Foto: cf)

Schläge gehörten zum Schulalltag von Stella Fischer. Sie ist kein Einzelfall. Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen wird man zum Opfer. Stella hat ihre Mobbing-Geschichte aufgeschrieben. Der Fischer-Verlag hat das Buch veröffentlicht. Die 16-jährige Bad Vilbelerin möchte anderen Mobbingopfern Mut machen, sich Hilfe zu holen und zu wehren. Sie schildert, wie es sich anfühlt Mobbingopfer zu sein. Ihr Buch liest sich anders als die von Psychologen geschriebenen Ratgeber.

Erlebnisse aufgeschrieben

Warum es richtig war, sich fürs Aufschreiben ihrer Erlebnisse zu entscheiden, hat sie nach ihrer Lesung an Projekttagen an ihrer alten Schule, der John-F.-Kennedy-Schule, erfahren. Andere Mobbingopfer schilderten ihr aufgerüttelt ihre Leiden. Fünf- und Sechstklässler berichteten unter Tränen, dass sie von Mitschülern gemobbt werden, weil sie lispeln, schwerhörig sind, stottern oder einige Kilogramm zu viel auf die Waage bringen.

Stellas Leidensgeschichte fängt mit einem harmlosen Gag an. Da war Stella gerade einmal elf Jahre alt. Beim Spielen fordert sie ein Junge, für den sie schwärmt, auf: »Iss doch einmal einen Stock«. Zum Spaß habe sie auf dem Stück Holz herumgebissen. Der Junge filmt die Szene. Trotz gegenteiliger Beteuerungen, schickt er die Aufnahme an Mitschüler und postet sie im Netz. Von diesem Tag an war Stella nur noch die »Stockfresse«. Sie wird ausgegrenzt, beleidigt, provoziert. Freundschaften zerbrechen. Sie wird angegriffen. »Von einem Schlag mit einem Stock, habe ich noch heute eine Narbe in der Kniekehle«, sagt Stella Fischer. Stella leidet. Sie vertraut sich weder ihren Eltern, Lehrern oder der Polizei an. Ihr Zwillingsbruder Francesco und gleichaltrige Freunde unterstützen sie, aber sie können den Teufelskreis nicht durchbrechen.

Fröhliches Mädel verzweifelt

»Warum gerade ich?«, fragt sich Stella nach jeder Attacke. Der fröhliche Teenager verzweifelt. Dreieinhalb Jahre wird sie terrorisiert und gequält. »Ich traute mich nicht mehr ins Open-Air-Kino, auf den Bad Vilbeler Markt oder den Niddaplatz «, erzählt sie.

Zuerst versucht sie die Angriffe zu ignorieren, wehrt sich verbal. Schließlich rastet sie zwei Mal im Unterricht aus, weil sie attackiert wird. Die Lehrerin schickt sie vor die Tür, statt nach der Ursache zu fragen.

Stella trägt nur noch schwarze Sachen, wird magersüchtig, flüchtet sich in Krankheiten, weicht den Fragen der Eltern aus, hat keinen Kontakt mehr zu Gleichaltrigen. Sie unternimmt Selbstmordversuche mit Tabletten, ritzt sich die Adern auf. Kurz bevor sie von einer Brücke springen will, wird sie von einer Spaziergängerin gerettet.

Kann jedem passieren

»Heute weiß ich, das Selbstmord die einfachste Lösung zu sein scheint, aber es immer die falsche Wahl ist«, sagt die Vilbelerin. »Jeder sollte wissen, dass Mobbing jedem passieren kann.« Es liege nicht an den betroffenen selbst. »Meist wollen die Täter wie in meinem Fall nur cool wirken ohne es zu sein.«

 

Von einem Schlag mit einem Stock, habe ich noch heute eine Narbe in der Kniekehle

Stella Fischer

Im Internet findet sie den Tipp, sich ihren Kummer von der Seele zu schreiben, ein Tagebuch zu führen. »Durch das Aufschreiben der Erlebnisse kann man sie verarbeiten«, erzählt Stella. Dreieinhalb Jahre nach der ersten Mobbingattacke, Ende der achten Klasse, vertraut sie sich erst ihrer Mutter und ihrem Vater an. Die Eltern sind schockiert, machen sich Vorwürfe. Sofort informierten sie Schulleiter Peter Mayböhm. »Stella war eine völlig unauffällige Schülerin, die in der Schulmannschaft kickte, keine schulischen Probleme hatte«, blickt Mayböhm zurück. »Wir führten mehrere Gespräche, wollten Stella an der Schule halten, der Täter sollte gehen«, sagt er rückblickend. Es sei zu neuerlichen Angriffen gekommen. Stella wechselt die Schule. Sie wird zur Schulsprecherin gewählt. Obwohl »die Schüler das Video kannten, doch das war ihnen egal«, erzählt sie.

Leidensweg veröffentlicht

Stella entschließt sich ihren Leidensweg als Buch zu veröffentlichen. Sie schildert, wie es ist »wenn man plötzlich ins Gesicht geschlagen wird« oder von Mitschülerinnen eingekesselt wird. Als ihr Werk fertig ist, schickt sie ihr Manuskript an zwei große Verlage, die es beide veröffentlichen wollen.

Dass Stella mit ihrem Buch eine Lücke geschlossen hat, zeigt sich daran, dass bereits fünf Auflagen verkauft wurden. Peter Mayböhm würdigt den Mut und das Engagement seiner ehemaligen Schülerin. Die 16-Jährige ermutigt alle Mobbingopfer sich Hilfe zu holen. »Nur mit konsequenten Maßnahmen kann gemobbten Jugendlichen geholfen werden«, weiß sie. » Die, die mobben, sind feige und gedankenlos.« Sie würden sich cool finden. »Sie merken nicht, dass sie mit ihrem Tun Menschenleben zerstören können.«

Stella Fischer »Mobbing – warum gerade ich? Eine Betroffene macht Mut«, Taschenbuch, 48 Seiten, Verlag Fischer, ISBN-978-3-8301-9736-2, es kostet 9,95 Euro.

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