18. September 2019, 11:00 Uhr

Nach Tod von Ladenbesitzerin

Nachlass an Schulen verschenkt

Eine Entlastung fürs Budget der Fördervereine ist eine Aktion von Stefan und Thorsten Kraft. Die beiden Karbener haben den Nachlass ihrer verstorbenen Mutter Lieselotte verschenkt.
18. September 2019, 11:00 Uhr
Stefan Kraft zeigt Sina Cost das Schulmaterial aus dem Nachlass seiner verstorbenen Mutter Lieselotte. Sie betrieb bis Herbst vergangenen Jahres den kleinen Laden an der Homburger Straße, der für seine riesige Auswahl an Schulmaterial beliebt war. (Foto: Pegelow)

Viele Karbener kannten die Seniorin. In ihrem Geschäft an der Homburger Straße stand Lieselotte Kraft noch im Alter von 77 Jahren. Mit großem Arbeitseifer hat sie den einzigen Tante-Emma-Laden in Karben noch am Laufen gehalten. Bekannt war ihr Laden vor allem wegen des großen Angebots an Schulbedarf.

Bei Lieselotte Kraft fehlte fast nichts für die tägliche Arbeit in der Schule. Bei ihr bekamen die Kinder ein einzelnes Vokabelheft ebenso wie Eltern die Sets zum Schulanfang kaufen konnten. Hefte, Bleistifte, Mäppchen, Radiergummis, Hüllen und Hefter füllten ebenso die Regale wie Spielzeug.

Es gab bei Lieselotte Kraft aber auch Lebensmittel, Zeitschriften und vieles mehr. Freundliche Bedienung und ein kleiner Plausch inklusive. Ja, der kleine Laden von Seniorin Kraft war in der Stadt quasi eine Institution, ein Treffpunkt für viele Karbener. Deshalb war auch der Schreck groß, als im Oktober 2018 plötzlich das große Gitter unten blieb.

Lieselotte Kraft war erkrankt. Wie ernst, das wussten zunächst nur die näheren Angehörigen. Es gab eine Flut von Genesungswünschen für die Kauffrau, die mit so viel Eifer den großen Supermärkten und Drogerieketten mit den Schreibwaren Paroli geboten hatte. Leider verlor sie im Frühjahr dieses Jahres den Kampf gegen den Krebs.

Spenden statt entsorgen

Die beiden Söhne Stefan und Thorsten Kraft haben nach einiger Zeit den kleinen Laden leer geräumt. Die Lebensmittel mussten sie entsorgen. Aber wohin mit dem Schulmaterial, das sich in den Regalen stapelte und hier und an einigen Stellen im Laden bis fast unter die Decke reichte. Die beiden haben es mit ihren Familien in Kisten gepackt und in ihre Firma Personalwerk im Gewerbegebiet verbracht. Dort lagerte es zunächst im Archiv.

Vor einigen Wochen aber kam ihnen die Idee, den gesamten Schulbedarf, aus dem Lager zu verschenken, und zwar an die Karbener Schulen und die St.-Michaelis-Gemeinde. »Es gibt viele bedürftige Kinder, denen das Material zugute kommt«, sagt Stefan Kraft. So sind die Kisten aus dem Archiv geholt worden, das Material fein säuberlich im obersten Stockwerk des Unternehmens aufgebaut und dann die Schulen angeschrieben worden.

Deren Vertreterinnen haben sich am Montagnachmittag reichlich bedienen dürfen. Eine von ihnen ist Constance Malkmus vom Vorstand des Fördervereins der Lilienwaldschule in Petterweil. »Da schauen Sie«, sagt sie zum Reporter, »wie lang die Materialliste für die dritten Klassen ist.« Die Grundschule frage beim Förderverein um Unterstützung bei der reichhaltigen Materialbeschaffung an. »Da kommt diese Aktion gerade recht.« Dann darf sie sich bedienen. Auf den Tischen stapelt sich das nagelneue Material, vom Bleistift über Füller und Hefte für jeden Bedarf und jeden Zweck bis hin zu großen Heftern, den guten alten Karteikarten in allen Größen, und vielerlei Bastelmaterial.

»Das ist ja eine fantastische Idee, diese Aktion«, lobt auch Ilse Gahler. Die pensionierte Lehrerin arbeitet als sogenannte »U plus«-Lehrerin, was bedeutet: Falls eine der Pädagoginnen der Klein-Karbener Grundschule ausfällt, springt sie als Vertretung ein. Da sie die Schule und den Bedarf aus dem Effeff kennt, weiß sie, was sie an diesem Tag einpacken muss. Schnellhefter und Zeichenmappen sind dabei, aber auch vieles andere.

An den vielen Tischen schauen sich auch Beatrix Rinkart und Sina Cost die Schulmaterialien an. Die beiden sind Lehrerinnen an der Kurt-Schumacher-Schule. Sie unterrichten die sogenannten DAZ-Klassen, Deutsch als zweite Fremdsprache. »Viele Schüler sind in finanziell schwieriger Situation«, wissen sie. Auch sie schauen sich die Materialien gut und packen zielgerichtet ein, was sie für ihren Unterricht gebrauchen können. Immer wieder kommt es an den Tischen zu kleineren Verhandlungen, manchmal wird hier und da auch getauscht, falls jemand etwas hat, was der andere gut gebrauchen kann. So wandert vieles in die bereitgestellten Umzugskartons. Am späten Nachmittag ist noch jede Menge Material da. Und das, obwohl sich alle gut bedient haben und vor dem offiziellen Termin aus Zeitgründen schon Vertreter des städtischen Jugendkulturzentrums sich Material für die Ferienspiele herausgesucht hatten. Es dürfte dann auch noch einiges für den Klein-Karbener Pfarrer Werner Giesler vorhanden sein. Giesler hat sich erst an diesem Dienstag bedienen können. Zielgruppe für das Material sind hier die von der Gemeinde betreuten Flüchtlinge.

Stefan Kraft schätzt den Gesamtwert des gespendeten Materials auf rund 20 000 Euro. Er hat sich sehr über die gute Resonanz auf die Aktion gefreut. »Meine Mutter war sehr sozial eingestellt. Diese Aktion wäre genau in ihrem Sinne gewesen.«

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