04. Oktober 2018, 18:00 Uhr

Personalmangel

Personalmangel: Deswegen brauchen Altenheime Alternativen

Seniorenheime haben es nicht leicht: Wirtschaftliche Zwänge, Vorschrifte und Ansprüche von Bewohnern und Beschäftigten müssen unter einen Hut gebracht werden. Nun zeichnen sich neue Trends ab.
04. Oktober 2018, 18:00 Uhr
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Von Holger Pegelow
Wo die Wetterauer Senioren ihren Lebensabend verbringen, soll’s möglichst schön sein: Die Blumen am Vilbeler Quellenhof passen ins Bild. (Foto: asp)

Seniorenheime haben es nicht leicht: Wirtschaftliche Zwänge, rechtliche Vorschriften, Qualitätsansprüche der Bewohner und Arbeitskapazität der Beschäftigten müssen unter einen Hut gebracht werden. Gleichzeitig zeichnen sich neue Trends ab: Individuelle Pflege und Hausgemeinschaften werden immer wichtiger.

Auch in der Rhein-Main-Region verändert sich gerade einiges. Einer der wissen muss, wo die Reise hingeht, ist Frédéric Lauscher, Vorstand beim Frankfurter Verband, dem größten Träger sozialer Einrichtungen in Frankfurt. Seit 2015 gehört auch der Vilbeler Quellenhof dazu. Der Verband hat ein breites Angebot, von stationärer bis zu ambulanter Altenpflege.

 

Paradigmenwechsel in vergangenen 30 Jahren

»Individuelle Pflege ist im Prinzip nichts neues«, sagt Lauscher. In den vergangenen 30 Jahren habe es einen Paradigmenwechsel gegeben. »Die Pflege wird immer stärker individuell an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst«, beschreibt er.

Konkret heißt das, dass Biografie und Persönlichkeit der Senioren stärker beachtet werden. »Jeder hat eigene Vorlieben«, sagt Lauscher. »Diese machen die Persönlichkeit aus. Manche Senioren sitzen gern in der Sonne, andere bekommen gern vorgelesen oder haben ein bestimmtes Lieblingsgericht.« Für ihn ist es individuelle Pflege, wenn man diese Vorlieben beachtet und auf sie eingeht.

Dies bedeutet für die Pflegenden am Anfang einen Mehraufwand, denn sie müssen erstmal herausfinden, wo die Vorlieben liegen. Ziel ist es, den Senioren ein Stück Freunde und Würde zurückzugeben.

Neue Pflegeheime sind daher nur begrenzt eine Lösung für die Herausforderungen, die eine alternde Bevölkerung an die Gesellschaft stellt, weiß auch die Wetterauer Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch (SPD). Denn mit den Einrichtungen sei auch ein Problem verknüpft: »Schon jetzt fehlen Pflege- und Betreuungskräfte sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Mehr Pflegeheime heißt auch mehr Konkurrenz um gutes Personal. Darunter könnte die Qualität der Pflege im Allgemeinen leiden.«

 

Drittes Heim würde Druck erhöhen

Denn Pflegekräfte im Rhein-Main-Gebiet zu finden, sei schon seit Langem schwierig, weiß auch Jörg Malkemus, Leiter des ASB-Altenzentrums in Karben. »Bei den Pflegern gibt es einen enormen Personalmangel. Hätten wir zum Beispiel in Karben ein drittes Pflegeheim, würde sich der Druck noch mehr erhöhen.«

Ein Konzept der Zukunft könnten Hausgemeinschaften sein: Kleine Wohngruppen also von acht bis zwölf Senioren, betreut von einer festen Bezugsperson. So soll nach und nach die Trennung zwischen Hauswirtschaft, Pflege und sozialer Betreuung aufgebrochen werden.

»Ich halte das für ein sehr gutes, menschliches Konzept«, sagt Becker-Bösch. »Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und Freiheit bleiben damit erhalten – etwas was den Senioren immer wichtiger wird.« Auch bereits existierende Einrichtungen könnten umgebaut werden: Sterile Flure könnten sich in moderne Wohninseln mit bequemen Sesseln verwandeln.

 

Ambulante Pflege wird entscheidender

Auch die ambulante Pflege wird immer entscheidender, ist Lauscher überzeugt. »Die Leute werden zwar älter, sind aber kürzer im Pflegeheim«, weiß Lauscher. »Sie wollen möglichst lange zu Hause bleiben, in ihrem gewohnten Umfeld. Sie wollen weiterhin teilhaben an Kultur oder Sport. Hier sehe ich ein großes Potenzial für die Zukunft.«

Teilstationäre Pflege oder Nachtpflege könnten ebenso an Bedeutung gewinnen. »Insgesamt ist schon seit langem zu beobachten, dass die Senioren wissen, was sie wollen«, erklärt Malkemus. »So haben wir bereits 2014 den Altenhilfeplan in Karben mit unterstützt. Wir wissen also genau, wo wir ansetzen müssen. Aber man muss es am Ende auch umsetzen können.«

Immer wieder gibt es jedoch bereits jetzt Kritik, dass in Pflegeheimen zu wenige Pfleger zu viele Personen betreuten. »Natürlich würden wir gerne mehr Pfleger einstellen«, sagt Lauscher. Doch die Verbände sind rechtlich an den Pflegeschlüssel gebunden, der über die Anzahl der Betreuten und deren Pflegegrad berechnet wird.

 

Vorschläge drohen zu verpuffen

»Mehr oder weniger Pfleger dürfen wir gar nicht einstellen. Das wäre dann eine Aufgabe der Politik das zu ändern, was sie ja auch stellenweise schon getan hat«, erklärt Lauscher. Seit der Pflegereform 1995 sei der Personalschlüssel deutlich besser geworden. »Aber da ist noch Luft nach Oben.«

Alle großen Verbesserungsvorschläge drohen aber im Sande zu verlaufen, denn: »Über jeder Idee hängt somit das Damoklesschwert des Personalmangels«, meint Malkemus. »Wir würden meistens gerne, aber das Personal ist oft einfach gar nicht vorhanden! Das ist aber kein spezielles Wetterauer Problem: Ganz Deutschland ist betroffen.«



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