04. Juni 2019, 21:48 Uhr

Petrus war ein Schutzengel

Am Montagnachmittag ist ein Karbener Senior mit seinem BMW in den Kreuzgassbrunnen am sogenannten Eis-Rei-Platz gefahren. Zuvor hatte er offenbar die Vorfahrt missachtet und dann Gas mit Bremse verwechselt. Dass niemand zu Schaden gekommen ist, grenzt an einem Wunder.
04. Juni 2019, 21:48 Uhr
Die Nervosität ist groß bei den Feuerwehrleuten, als der Abschleppwagen zur Bergung ansetzt. Der SUV war zuvor über die Kreuzung in den Brunnen gerast. Die Insassen kamen mit dem Schrecken davon. (Foto: Dominik Rinkart)

Davide Montaperto steht der Schreck noch ins Gesicht geschrieben. »Wenige Minuten zuvor haben dort noch zwei kleine Kinder gespielt«, erzählt der Eisdielenbesitzer und zeigt in Richtung Kreuzgassbrunnen. Ein Auto war kurz zuvor über die Kreuzung am Eis-Rei-Platz gerast und im Brunnen gelandet. Brunnen und Auto wurden dabei massiv beschädigt, die Insassen kamen mit dem Schrecken davon.

Etliche Schaulustige haben sich am Groß-Karbener Dorfplatz versammelt und beobachten die Feuerwehr bei ihrem Einsatz. Die meisten der Zuschauer dürften auch schon mal dort am Brunnen gesessen haben, gemütlich mit einem Eis in der Hand. »Zum Glück war heute so wenig los«, erzählt Montaperto. Er und sein Bruder Gaetano hatten einen ruhigen Tag. Draußen tobte am Mittag ein Gewitter, nur wenige Menschen kamen am Nachmittag zur Eisdiele. Nur dank des schlechten Wetters saß niemand gegen 17.40 Uhr Eis schleckend am Kreuzgassbrunnen.

Viel mitbekommen haben die Montapertos jedoch nicht. Auf einmal habe es einen lauten Schlag gegeben, und als beide nach draußen rannten, sahen sie den großen SUV schon auf dem demolierten Brunnen liegen. Sofort eilten sie zur Hilfe und befreiten den 81-Jährigen Fahrer und seine 80-jährige Beifahrerin aus dem Fahrzeug. »Die sahen beide nicht verletzt aus, aber sie standen sehr unter Schock«, berichtet Davide Montaperto. Er habe daraufhin den Krankenwagen gerufen, dessen Besatzung die beiden Karbener versorgte.

Die Vorfahrt genommen

Mit einer Basecap tief im Gesicht und grimmiger Miene steht der Karbener Thomas Engert am Straßenrand und beobachtet den Einsatz. »Ich mache niemandem einen Vorwurf«, erzählt der 56-Jährige. Er war gerade auf dem Weg zur Post, als er in den Unfall verwickelt wurde. Mit seinem erst drei Jahre alten VW Passat kam er aus der Parkstraße, während die beiden Senioren zeitgleich aus der Burg-Gräfenröder Straße kommend Richtung Kreuzung fuhren - rechts vor links für Engert. »Mir wurde die Vorfahrt geklaut«, betont der resolute Mann. Der BMW der Senioren habe seinen Wagen hinten links getroffen, woraufhin der Senior offenbar eine Vollbremsung machen wollte, allerdings auf das Gaspedal drückte. Die Polizei konnte diese Schilderung gestern nicht bestätigen, hält sie aber für plausibel. »Ich habe nur noch den Motor aufheulen hören und sah das Auto an mit vorbeirasen, genau zwischen den Pfosten durch, ab in den Brunnen«, erzählt Engert.

Leicht unter Schock, habe auch er sofort den beiden Senioren geholfen. »Vor zwei Jahren hatte meine Mutter genau hier auch einen Unfall«, erinnert er sich und fügt mit Galgenhumor hinzu: »Hätte ich noch meinen alten Audi, wäre das nicht passiert.«

Schnell machten die ersten Bilder vom Unglücksort die Runde, sogar ein Video, das von einem Anwohner gefilmt wurde und zeigt, wie den beiden Senioren aus dem Auto geholfen wird, kursierte kurzzeitig in sozialen Netzwerken, ehe es nach harscher Kritik anderer Nutzer gelöscht wurde. Nach kurzer Zeit eilt auch die Feuerwehr herbei und Bahnhofstraße sowie Heldenberger Straße werden in diesem Bereich voll gesperrt. Die 23 Mann der Feuerwehr Karben Mitte sichern zunächst das schräg auf dem Brunnen liegende Auto ab. »So etwas erlebt man auch nicht alle Tage«, berichtet ein Feuerwehrmann mit großen Augen, und auch Stadtbrandinspektor Christian Becker kommt aus dem Staunen nicht heraus. Mit Bindemitteln werden die ausgelaufenen Betriebsmittel aufgenommen, zuvor wurde das Wasser des Brunnens abgestellt.

Kompliziert wird es, als schließlich der Abschleppwagen vorfährt. Inzwischen haben sich weit über 50 Schaulustige am Platz eingefunden. »Wir müssen jetzt die Terrasse der Eisdiele abbauen«, verkündet Becker, und alle packen mit an, um Tische, Stühle und Sonnenschirme wegzuräumen. Die Brüder Montaperto lassen die Arbeiten über sich ergehen. Inzwischen hat sich der Großteil der Schaulustigen ein Eis gekauft, denn das Wetter ist längst wieder besser. Vorsichtig schleicht der Abschleppwagen über die Terrasse in Richtung Unfallstelle. Zwischen Sitzbänken und Bäumen bleiben nur wenige Zentimeter Platz. »Wir müssen beim Anheben darauf achten, dass das Auto nicht ins Schwingen gerät«, erklärt der stellvertretende Stadtbrandinspektor Christoph Häusler, als das Auto am Haken ist und der Kran langsam anzieht. Dabei wird der Schaden am Brunnen erst richtig sichtbar. Zwei der drei Fontänen-Pilze sind komplett zerstört, ein Teil der Umrandung ist demoliert und auch die erst im Jahr 2017 neu gemachten Sitzbänke sind kaputt.

Schaden noch nicht abschätzbar

1995 wurde der Kreuzgassbrunnen am sogenannten Eis-Rei-Platz in Groß-Karben für damals 30 000 Mark errichtet. Wie groß der Schaden am Brunnen ist, kann Stadtsprecher Hans-Jürgen Schenk am Tag nach dem Unfall noch nicht abschätzen. »Der Brunnen wird zunächst begutachtet und es wird geprüft, ob er repariert werden kann. An der Stelle wird es auf jeden Fall weiterhin einen Brunnen geben«, betont er auf Nachfrage. Das hofft auch Peter Mayer vom Arbeitskreis Dorferneuerung: »Es wäre schön, wenn der Brunnen genau so wieder aufgebaut wird. Das ist der zentrale Platz im Ort, die Menschen hängen an dem Brunnen.«

Kaum steht das Unfallauto auf dem Abschleppwagen, zerstreuen sich die Schaulustigen in alle Richtungen. Das Spektakel ist vorbei, fast gerät in Vergessenheit, was alles hätte passieren können: »Bei schönem Wetter, wenn dort Menschen gesessen hätten, wäre das richtig übel ausgegangen«, betont Becker und wagt gar nicht, weiter daran zu denken. Gegen 20 Uhr sind schließlich alle Sonnenschirme wieder aufgebaut, die Bindemittel aufgekehrt und der Brunnen abgesperrt. Schon am nächsten Morgen werden Mitarbeiter der Stadt den Brunnen mit großen Bauzäunen unzugänglich machen. Zum Abschluss dieses besonderen Einsatzes hat Stadtbrandinspektor Becker noch eine Überraschung für seine Kameraden: Er gibt jedem zwei Kugeln Eis aus. »Vielen Dank auch an die Besitzer der Eisdiele, dass sie den Einsatz so gut unterstützt haben«, lobt er und setzt sich zu seinen Kameraden, während auf der Ortsdurchfahrt wieder erste Autos fahren.

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